“Sieben verdammt lange Tage”

Sieben verdammt lange TageFür Judd Altman (sehr charmant dargestellt von Jason Bateman) kommt es knüppeldick: Zuerst erwischt er seine Ehefrau ausgerechnet an deren Geburtstag mit seinem großkotzigen Chef im eigenen Schlafzimmer beim Sex und wenig später erfährt er, dass sein Vater nach längerer Krankheit gestorben ist. Als ob das des Übels nicht schon genug wäre, hat der verstorbene Patriarch der Familie Altman vor seinem Ableben angeordnet, dass die komplette Verwandschaft die Schiwa, also die traditionelle jüdische Totenwache von sieben Tagen einzuhalten hat. So muss Judd nicht nur die traurige Beerdigung überstehen, sondern auch noch eine ganze Woche lang mit seiner arg freizügigen Mutter (grandios: Jane Fonda) und seinen mehr oder weniger neurotischen Geschwistern (u.a. gespielt von “Saturday Night Live”-Komikerin Tina Fey und dem großartigen Shooting-Star Adam Driver) ausharren. Dass es bei einer solch fast schon klaustrophobisch anmutenden Zusammenkunft nicht lange dauert, bis alte und neue Konflikte ausgefochten werden und sich die Geister der Vergangenheit melden, versteht sich praktisch von selbst.

Comedy-Spezialist Shawn Levy hat seine Verfilmung von Jonathan Troppers Roman “Sieben verdammt lange Tage” als liebenswerte und turbulente Familienkomödie angelegt. Dadurch bleiben die leisen Töne ein wenig auf der Strecke, das verworrene Beziehungsgeflecht der einzelnen Familienmitglieder etwas oberflächlich und einige Figuren leider recht holzschnittartig. Erwartet man von dem Film allerdings nicht allzu viel Tiefgang, ist er ein großer Spaß: Das Ensemble harmoniert hervorragend, die meisten Gags zünden und hier und da gibt es doch immer wieder auch Szenen, die ziemlich klug und äußerst berührend ausgefallen sind.

Ohne den Roman bisher gelesen zu haben (das werde ich zu gegebener Zeit noch nachholen), glaube ich, mich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich hier ganz forsch behaupte, dass die Verfilmung von “Sieben verdammt lange Tage” mehr als ordentlich gelungen ist.

⇒ Der Film ist seit dem 25. September in den Kinos, der Roman ist bei Knaur als Taschenbuch erhältlich und kostet 9,99 Euro.

Musikalische Tipps für den Herbst

Herbst

Obwohl es in den letzten Tagen fast noch einmal spätsommerlich warm war, lässt sich kaum leugnen, dass der Herbst da ist. An dieser Stelle deshalb vier musikalische Empfehlungen, mit denen sich die neue Jahreszeit trefflich einläuten lässt:

Spätestens mit seinem Album “Empty Orchestra” hat sich Stefan Honig einen exzellenten Ruf als talentierter Songschreiber erspielt. Die neue Platte mit dem famosen Titel “It’s Not A Hummingbird, It’s Your Father’s Ghost” (Haldern Pop Recordings) knüpft nun nahtlos an die melancholische Grundstimmung des Vorgängers an und meistert gleichzeitig den Spagat zwischen leisen, nachdenklichen Tönen und sattem Bandsound.

Die Hürde des “schwierigen” zweiten Albums hat auch der junge Norweger Einar Stray – neuerdings mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern als Einar Stray Orchestra unterwegs – mit “Politricks” (Sinnbus) mühelos übersprungen: Kluge Reflexionen über das Erwachsenwerden, eingebettet in wieder einmal hervorragende, oft ausladende und vertrackte Arrangements. Das Titelstück gibt es hier zum kostenlosen Download.

Tobias Siebert hat sich schon als Produzent und Musiker in Bands wie Delbo und Klez.e einen Namen gemacht. Sein neues Soloprojekt And the Golden Choir, mit dem er im Alleingang eine vielköpfige Band imitiert, ist sein bisher wohl kühnstes Unterfangen. Mit “It’s My Life” (Loob Musik) ist soeben eine erste EP mit fünf zauberhaften, teils melodramatischen Popsongs erschienen, die Großes für die Zukunft erhoffen lassen.

Bis es wieder neue Musik von Foreign Fields aus Nashville gibt, dauert es zwar noch ein Weilchen, aber zur Überbrückung bis zur für 2015 angekündigten LP bietet die Plattform Noisetrade eine kleine, kostenlos herunterzuladende Werksschau der leicht psychedelisch angehauchten Americana-Klangbastler an.

P.S. Um Bücher geht es hier natürlich bald auch wieder. Momentan bin ich mit “Mr. Mercedes”, dem neuen Roman von Stephen King beschäftigt, der diesmal ganz ohne Übernatürliches auskommt. Der erste Eindruck ist allerdings dennoch sehr positiv.

Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten

Ein ganzes Weilchen hat es gedauert, bis es Jess Walters “Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten” zu uns geschafft hat. Während der in den USA im Jahr 2012 erschienene Nachfolger “Schöne Ruinen” bereits als Taschenbuchausgabe vorliegt, brauchte es beim erstmals 2009 veröffentlichten Wirtschaftskrisenroman gut fünf Jahre bis zur deutschen Übersetzung.

Jess WalterProtagonist des Buches ist der Mittvierziger Matt Prior, der mit seiner Familie schon immer ein wenig über seine Verhältnisse gelebt hat. Solange er als Wirtschaftsjournalist bei einer Lokalzeitung ein relativ sicheres Auskommen hatte, waren die monatlichen Zinsrückzahlungen für das viel zu große Eigenheim und die Kosten für die Privatschule der beiden Söhne zumindest halbwegs bezahlbar, doch als er seinen Job zugunsten einer äußerst fragwürdigen Geschäftsidee (eine Website, die – und das ist wohl der brillanteste Einfall dieses Romans – lyrisch verpackte Anlagetipps, so genannte “Finanzpoesie”, verbreitet) hinschmeißt, bricht das ohnehin schon auf tönernen Füßen stehende Finanzkonstrukt der Familie Prior, auch bedingt durch die in den USA grassierende Wirtschaftskrise, vollends zusammen. Die laufenden Kosten können nicht annähernd bedient werden, der Schuldenberg wächst in atemberaubender Geschwindigkeit und Matt, dessen Ehe mit Lisa zudem von einem Tiefpunkt zum nächsten schlittert, bleiben nur noch wenige Tage Zeit, um die letzte Hypothekenrate von gut 30.000 Dollar zu bezahlen, um zumindest nicht auch noch das Haus zu verlieren. Als er schließlich auf dem Parkplatz eines Supermarktes zufällig die Bekanntschaft einiger zwielichtiger Kiffer und Kleindealer macht, keimt bei Matt, der ein echtes Händchen für unglückliche Entscheidungen zu haben scheint, ein abwerwitziger Plan zur Lösung seiner angespannten Situation auf.

Dass sich eigentlich grundanständige Personen in kriminelle Machenschaften verstricken, um einer wie auch immer gearteten Notlage zu entgehen, kennt man schon aus zahlreichen Büchern, Filmen und TV-Serien (“Weeds”, “Breaking Bad” etc.) – insofern ist der Plot von “Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten” nicht wahnsinnig originell, und auch von einer langsam auseinanderbrechenden Familie der US-Mittelschicht hat man schon ziemlich oft gelesen. Neues serviert Jess Walter seinen Leserinnen und Lesern also wahrlich nicht, aber dennoch lohnt sich die Lektüre des vielleicht ein wenig zu lang ausgefallenen Romans. Das Personal, allen voran natürlich der arg verpeilte Matt, aber auch der fast schon bemitleidenswerte Marihuana-Baron Monte und Matts dementer Vater, der sich andauernd über bärtige Football-Spieler und “Trockenfleisch-Geschnetzeltes” auslässt, ist ziemlich liebenswert. Außerdem gelingt es Jess Walter, die amerikanische Finanzkrise sarkastisch zu kommentieren, ohne die beängstigenden Folgen ins Lächerliche zu ziehen.

Offenbar ist Nick Hornby ein großer Fan der Romane Jess Walters – kein Wunder, denn vom ganzen Tonfall her sind sich die beiden Autoren nicht ganz unähnlich. Wer also Freude an den Büchern des Engländers hat, darf bei “Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten” getrost zugreifen.

» Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten. Blessing Verlag, 384 Seiten, € 19,99. // Schöne Ruinen. Heyne Verlag, 464 Seiten, € 9,99.

» Nick Hornbys neuer Roman “Funny Girl” erscheint im November. Ein Veröffentlichungstermin der deutschen Übersetzung ist noch nicht bekannt.

[Abseits vom Buch] “Busker Diaries” mit Katie O’Connor

Sich als Straßenmusiker sein Auskommen zu verdienen, ist kein leichtes Brot. Die (oftmals leider nicht mit allzu großem Talent gesegnete) Konkurrenz ist riesig und die Abhängigkeit von der Witterung und den Launen der vorbeieilenden Passanten immens.

Die von Fabian Frost und Julian Krohn ins Leben gerufene Reihe “Busker Diaries” portraitiert in äußerst stimmigen Bildern ausgesuchte besonders beachtenswerte Straßenmusikerinnen und -musiker, bei denen es sich lohnt, einmal stehenzubleiben und genauer hinzuhören. Den Auftakt macht die irische Songschreiberin Katie O’Connor, die bis vor einer Weile in Berlin lebte (mittlerweile hat sie offenbar wieder in Dublin ihre Zelte aufgeschlagen) und in der knapp sechs Minuten dauernden Kurzdoku sehr sympathisch über ihre Beweggründe plaudert, der Heimat den Rücken zu kehren und es in der Ferne mit der Musik als Hauptberuf zu versuchen.

Φ “City Blue”, den Song aus dem Film, gibt es auf Katie O’Connors Soundcloud-Seite zum kostenfreien Download.

Φ Für weitere Episoden der “Busker Diaries” suchen die Filmemacher zudem noch talentierte und interessierte Straßenmusikerinnen und -musiker aus der ganzen Welt. Kontakt und weitere Informationen unter busker(at)dieleiter(punkt)com.

[Thriller] Zoran Drvenkar: “Still”

Extra für “Still”, den neuen Thriller von Zoran Drvenkar, haben der Literaturagent Felix Grisebach und der Marketing-Experte Klaus Fuereder den Verlag Eder & Bach ins Leben gerufen. Die beiden scheint das Buch also schon einmal mehr als überzeugt zu haben…

Still
Protagonist von “Still” ist ein Lehrer, dessen beschauliches Leben als Familienvater mit Häuschen in der Peripherie Berlins nachhaltig erschüttert wird, als seine Tochter Clarissa an einem Winterabend spurlos verschwindet. Während die Polizei die Suche nach dem vermissten Mädchen nach einer Weile nicht mehr ganz so intensiv betreibt und seine Frau still trauert, wird sein Wille, Clarissas Schicksal aufzuklären und Rache an den Entführern zu nehmen, beinahe zu einer Besessenheit. Pausenlos wälzt er Polizeiakten, vergleicht Vermisstenfälle der vergangenen Jahrzehnte und taucht ein in die Abgründe der Pädophilenszene. Als seine Ehe längst zerbrochen ist, baut er sich unter dem Namen Mika Stellar eine neue Existenz und gewinnt das Vertrauen eines Mädchens, das einer Gruppe gnadenloser Entführer vor Jahren entkommen war und seitdem traumatisiert in einem Pflegeheim lebt. Mit ihrer Hilfe kommt Mika vier nach außen hin völlig normalen Männern auf die Schliche, die jeden Winter in den Wäldern grausame Jagden veranstalten. Sobald er das Vertrauen der Jäger gewonnen hat, ist er bereit für seine Rache.

Mit “Still” ist Zoran Drvenkar ein atmosphärisch dichter, streckenweise sehr düsterer Thriller gelungen, dessen Motive bei mir Erinnerungen an “Die Tribute von Panem”, Jussi Adler-Olsens “Schändung” oder auch “Uhrwerk Orange” geweckt haben. Die kurzen Kapitel, die klare, oftmals knappe Sprache und die ständig wechselnden Erzählperspektiven halten die Spannung hoch und bringen nach und nach Licht ins Dunkel. Dennoch sind nach dem großen Finale, das noch einmal mit einer überraschenden Wendung aufwartet, einige Fragen ungeklärt und vieles bleibt im Vagen. Den positiven Gesamteindruck dieses vor allem sprachlich sehr gelungenen Thrillers schmälert dieser Umstand zwar ein wenig, aber dennoch kann ich “Still” guten Gewissens empfehlen.

Φ Zoran Drvenkar: Still. Eder & Bach, 416 Seiten, € 16,95.- Das Hörbuch (gelesen von Christoph Maria Herbst) auf 6 CDs ist beim Audio Verlag erschienen und kostet € 22,99. // Leseprobe

Φ Termine: 13.09.14 Marburg – Krimifestival, 14.09.14 München – Krimifestival, 18.09.14 Hamburg – Harbour Front Festival (Lesung mit Christoph Maria Herbst), 25.10.14 Bergkamen – Mord am Hellweg/Gentleman’s Thriller Night.

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher

Mit “Der Allesforscher” hat Heinrich Steinfest, der sich in der Vergangenheit vor allem als Autor von Kriminalliteratur einen Namen gemacht hat, einen gleichermaßen faszinierenden wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der zu Recht auf der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis gelandet ist.

Allesforscher

Sixten Braun ist ein erfolgreicher Jungmanager, der als Asien-Experte eines US-Konzerns die Regeln der globalen Kapitalismus bestens verinnerlicht hat und damit recht gut lebt.

Ich bin kein Zyniker. Zynisch sind die, die allen Ernstes meinen, an einem Computer zu arbeiten, auf dem ein angebissener Apfel klebt, sei irgendwie wohltätig. Oder Nudeln zu essen, in denen kein Ei steckt. Als seien solche Nudeln vom lieben Gott persönlich vorgekaut worden.

Auf einer seiner Geschäftsreisen in Taiwan beginnt allerdings eine Kette von Ereignissen, die sein Leben nachhaltig auf den Kopf stellt: Arglos an einer Straßenecke stehend, wird Sixten von den umherfliegenden Innereien eines explodierenden Pottwals (!) für ein paar Tage ins Koma geschickt. Kaum genesen, beginnt er – trotz Verlobung – eine Affäre mit der geheimnisvollen, ebenfalls aus Deutschland stammenden Ärztin Lana, nur um wiederum wenige Tage später auf einer Reise nach Japan als einziger Passagier einen Flugzeugabsturz zu überleben. Auch in den folgenden Jahren kommt das aufregende Leben des jungen Mannes nicht zur Ruhe: Seine Ehe scheitert ebenso wie die Managerkarriere nach wenigen Jahren und die von ihm immer noch vergötterte Lana stirbt an einem Gehirntumor.

Und es war ja auch gar nicht der Flugzeugabsturz gewesen, der mir die Fähigkeit zum Angsthaben beschert hatte, sondern meine Liebe zu Lana. Wer wirklich liebt, fürchtet natürlich um diese Liebe. Das ist etwas anderes, als im Aktiengeschäft Geld zu verlieren. Angst um die Liebe und Angst um die Kinder, das ist fundamental.

Mit dem Umzug nach Stuttgart, der Umschulung zum Bademeister und der Wiederaufnahme seiner alten Leidenschaft Hürdenlauf scheint schließlich ein wenig Normalität einzukehren, bis Sixten urplötzlich die Nachricht erhält, dass er offenbar einen Sohn mit Lana gezeugt hat, der nun sieben Jahre alt ist und nach dem Tod der Mutter und einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung der Pflegemutter nur noch ihn hat. Obwohl Sixten beim ersten Anblick des kleinen Simon sicher ist, dass es sich bei dem asiatischen Jungen ganz sicher nicht um seinen leiblichen Sohn handeln kann, willigt er ein, ihn zu adoptieren. Dass sich Simon nur in einer völlig unbekannten Sprache verständigen kann und obendrein – wie Sixtens Schwester Astri, die in jungen Jahren beim Bergsteigen ums Leben gekommen ist – fanatisch vom Klettern begeistert ist, macht Vater-Sohn-Beziehung jedoch nicht einfacher…

Zugegebenermaßen ist mir der Einstieg ins Buch trotz einiger sehr geschickter Kniffe nicht ganz leicht gefallen. Mit zunehmender Dauer fand ich allerdings immer mehr Gefallen an dem teilweise fantastisch anmutenden, aber durchaus nicht unrealistischen Szenario, das Heinrich Steifest für seine sympathisch-verschrobenen Charaktere entwirft. Das etwas konstruiert wirkende und recht rätselhafte Finale des Romans hat mich dann jedoch wieder ein wenig ratlos zurückgelassen, wobei mich die Art und Weise, wie sich am Ende die losen Stränge der Handlung zusammenfügen, doch sehr versöhnlich gestimmt hat. Ich habe den “Allesforscher” gerne gelesen, diesen klugen, streckenweise sehr philosophischen Roman mit vielen außergewöhnlichen Einfällen und sanftem Humor.

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher. Piper Verlag, 400 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

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Heinrich Steinfest liest an folgenden Terminen aus “Der Allesforscher”: 19.9. Stuttgart – Stadtteilbibliothek Stuttgart-Neugereut, 25.9. Ditzingen-Schöckingen – Altes Rathaus Schöckingen, 5.10. Darmstadt – Stadtkirche, 3.11. Schwabach – Alte Synagoge (Lesart Schwabach).

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden

Ein leicht philosophisch angehauchter Roman über einen Mann, der nach einer bitteren Trennung wieder zurück in die Spur finden möchte, oder ein modernes Märchen, das letzten Endes mehr Fragen offen lässt, als es beantwortet? “Wunderlich fährt nach Norden” von Marion Brasch ist wohl beides.

Wunderlich

Herr Wunderlich, Mittvierziger, gescheiterter Bildhauer und nun freier Zeichenlehrer, führt ein sehr überschaubares und geordnetes Leben. Dieses wird allerdings in seinen Grundfesten erschüttert, als ihn seine Freundin Marie aus heiterem Himmel verlässt. Noch gezeichnet vom ersten Schock über diese Trennung, erhält Wunderlich eine anonyme SMS, die ihn auffordert, nach vorne zu blicken und weiterzumachen. Er glaubt an einen Irrläufer oder einen schlechten Scherz, doch die Verfasserin oder der Verfasser der Nachricht meldet sich immer wieder und scheint obendrein jede Menge über Wunderlichs Leben und das Schicksal vieler anderer Menschen zu wissen.

“Wer zum Teufel bist du?”
Sag ich nicht.”Aber du mischst dich in mein Leben ein, da hab ich ja wohl ein Recht darauf zu erfahren, wer du bist!”
Kann schon sein, aber ich sag’s dir trotzdem nicht.
“Aber was willst du von mir?”
Weiß ich noch nicht.

Aus irgendeinem Grund hält er sich an die Aufforderung der ersten SMS von Anonym und beschließt, sich erst einmal eine Auszeit zu gönnen und zu verreisen. Nach Norden soll es gehen, ohne genaues Ziel und ohne gründliche Planung.

Die Reise findet allerdings ein jähes Ende, als Wunderlich wegen eines abgelaufenen Ausweises seinen Zug verlassen muss und an einem verlassenen Bahnhof strandet. Dort trifft er auf Finke, einen etwas windschiefen Tagedieb, mit dem er schnell eine Art Freundschaft schließt – vielleicht auch, weil er ähnlich verloren wirkt wie er selbst. Auch hier meldet sich die allwissende Stimme wieder und warnt, Finke käme unter die Räder, wenn Wunderlich ihn jetzt alleine ließe. Die Vorhersage scheint einzutreffen, denn kurz nachdem Wunderlich beschlossen hat, weiterzuziehen, ist Finke spurlos verschwunden. Gemeinsam mit der jungen Toni und dem “Schönen Ringo”, einem ortsansässigen Kneipier, versucht er erfolglos, Finke wieder ausfindig zu machen. Der Wunsch, weiter nach Norden zu reisen, gewinnt aber schnell die Oberhand und als er schließlich in das Dorf von Finke, Toni und Ringo zurückkehrt, ist alles anders…

Wunderlich war der verwirrteste Mensch, den er kannte. Er kannte zwar nicht viele Menschen, doch was spielt das für eine Rolle, wenn das Wirrwarr größer ist als man selbst.

Marion Braschs zweiter Roman kombiniert die durchaus realistische Geschichte eines Mannes auf der Suche nach einer Luftveränderung geschickt mit diversen märchenhaften Elementen: Neben dem scheinbar allwissenden SMS-Versender tauchen Figuren auf, die nur Wunderlich sehen kann, stillgelegte Bahnhöfe erwachen wieder zum Leben und eine seltsame Substanz namens “Blauharz”, die körperliche und seelische Verletzungen heilt und obendrein die Erinnerungen an deren Ursprung auslöscht, kommt zum Einsatz.

 

Erklärungen für all das findet man als Leserin oder Leser nicht bzw. höchstens in sanften Andeutungen. Dementsprechend ratlos und verwirrt blieb ich auch nach den letzten Sätzen des Buches zurück. Ein Freund offener Enden bin ich in der Regel nicht, aber bei “Wunderlich fährt nach Norden” hat mich der Schluss nicht weiter gestört. Vielleicht ja, weil der Titel schon wunderliche Dinge verspricht. Vielmehr aber, weil Marion Brasch hier eine schöne und vor allem sprachlich sehr ansprechende Geschichte gelungen ist, die ich gerne gelesen habe.

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden. S. Fischer Verlag, 288 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

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In den kommenden Wochen liest Marion Brasch viele Male aus “Wunderlich fährt nach Norden”. Alle Termine findet Ihr HIER.

Cornelius Hartz: Brook unter Räubern

“Brook und der Skorpion”, den ersten Kriminalroman um den Hamburger Hauptkommissar Brook, hatte ich noch verpasst, so dass “Brook unter Räubern” meine erste Begegnung mit dem knorrigen Ermittler aus dem hohen Norden war.

Brook unter RäubernDie Handlung des knapp 240 Seiten dünnen Buches (in gewisser Weise auch mal eine Wohltat, da Krimis gerne dazu neigen, etwas arg umfangreich daherzukommen) ist schnell erzählt: Professor Radeberger, der Chefarzt einer Hamburger Klinik, ist schon seit einer Weile spurlos verschwunden, als an seinem Arbeitsplatz Kartons mit menschlichen Organen und mysteriösen, in bulgarischer Sprache verfassten Botschaften auftauchen. Alles deutet für Brook und seine Kollegen auf ein Gewaltverbrechen hin. Bleibt nur die Frage, ob Radeberger Opfer eines persönlichen Rachefeldzugs geworden ist, oder ob ihn seine illegalen Machenschaften mit einem osteuropäischen Organhändlerring letzten Endes zum Verhängnis wurden…

Autorenfoto: PR

Autorenfoto: PR

“Brook unter Räubern” ist ein klassischer Krimi, der ohne große Schockmomente und allzuviel Action auskommt und sich damit eher an “Klassikern” der skandinavischen Kriminalliteratur wie Henning Mankells Kommissar Wallander oder Hakan Nessers van Veeteren-Reihe orientiert. In gewisser Weise ähnelt Brook dann schließlich auch seinen prominenten Kollegen: Nicht mehr ganz jung, von einem Schicksalsschlag schwer getroffen und immer voller Selbstzweifel. Damit ist er gleichermaßen ein grummeliger wie auch sympathischer Zeitgenosse. Mit ihm und dem spannenden Fall, der einige falsche Fährten und überraschende Wendungen bereit hält, hatte ich viel Spaß. Bleibt zu hoffen, dass Cornelius Hartz der Reihe noch ein paar ähnlich gelungene Fortsetzungen gönnt!

Cornelius Hartz: Brook unter Räubern. Emons Verlag, 240 Seiten, € 9,90. // {Leseprobe}

 

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Eine schummrige Buchhandlung, kauzige Charaktere, eine unterirdische Bibliothek, ein jahrhundertealter Geheimbund und ein vertracktes Rätsel. Kurzum: Robin Sloans Debütroman “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” hat fast alles, womit man mich begeistern kann.

Penumbra

Aber von Anfang an: Der junge Webdesigner Clay Jannon, nach der Pleite seines allzu ambitionierten Arbeitgebers ohne Beschäftigung, stolpert durch Zufall auf einem seiner Streifzüge durch San Franciscos nicht ganz so vornehme Ecken in eine staubige Buchhandlung, die von einem alten Zausel namens Ajax Penumbra geleitet wird. Seltsam hingerissen von diesem aus der Zeit gefallenen Ort, nimmt Clay einen Aushilfsjob in dem durchgehend geöffneten Laden an. Während der langen, ereignislosen Nachtschichten fällt ihm auf, dass Penumbras Buchhandlung offenbar zwei Geschäftsfelder umfasst: Neben dem schlecht gehenden Antiquariat, in das sich kaum jemals ein Kunde verirrt, gibt es noch eine Art Bibliothek, in der sich Gestalten, die noch sonderbarer sind als Penumbra selbst, mit großer Aufregung vergilbte alte Bücher ausleihen, um mit ihnen zu “arbeiten”.

Ist es ein Buchklub? Wie wird man Mitglied? Zahlt hier jemand auch irgendwann mal Beitrag?
So etwas frage ich mich, wenn ich allein hier sitze, nachdem Tyndall oder Lapin oder Fedorov gegangen sind. Tyndall ist wahrscheinlich der Schrägste, aber sie sind alle ziemlich schräg: Alle ergrauend, besessen, anscheinend aus einer anderen Zeit oder einer anderen Welt importiert.

Obwohl es ihm eigentlich streng untersagt ist, wirft Clay auf Drängen eines Freundes einen Blick in die von Penumbra liebevoll “Ladenhüter” genannten Bände und entdeckt ein unverständliches Kauderwelsch, hinter dem er eine Art Code vermutet. Aus Neugierde und wohl auch, um die attraktive Google-Mitarbeiterin Kat zu beeindrucken, macht sich Clay daran, ein System in das Chaos der Ladenhüter-Abteilung zu bringen. Die Entdeckung, die er dabei macht, scheint seinen Chef gleichermaßen zu begeistern wie zu entsetzen.

In Penumbras Mikromuskeln zittert es. So in nächster Nähe zu ihm wird mir wieder bewusst, dass er tatsächlich sehr, sehr alt ist.
“Google”, haucht er. Es folgt eine lange Pause. “Wie kurios.” Er richtet sich auf. Er hat einen höchst seltsamen Gesichtsausdruck – die emotionale Entsprechung zu ERROR: 404 NOT FOUND.

Als Penumbra daraufhin fluchtartig die Stadt verlässt, folgen Clay, Kat und der StartUp-Gründer Neel dem alten Mann nach New York, wo sie auf die “Gemeinschaft des Ungebrochenen Buchrückens” treffen, die ein jahrhundertealtes Geheimnis hütet…

“Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” hat mich ähnlich in ihren Bann geschlagen wie Carlos Ruiz Zafóns Werke um den Friedhof der vergessenen Bücher. Obwohl die Handlung von Robin Sloans Erstling im Hier und Jetzt angesiedelt ist und weit weniger mystische Elemente enthält als die Romane des Spaniers (dafür aber einige Anleihen aus Fantasy-Romanen für jüngere Leser), nimmt auch hier die Faszination, die noch immer vom gedruckten Wort ausgeht, eine zentrale Stellung ein. Letzten Endes löst Clay das große Rätsel, an dem eine ganze Armada hochgerüsteter Technik-Freaks gescheitert ist, mit einem simplen Kniff und genauer Beobachtungsgabe – ein Beweis dafür, dass das Analoge auch in unserer Zeit manchmal die bessere Wahl ist.

Ein kluges, spannendes und liebenswertes Buch, das ich mit viel Freude gelesen habe. Eben genau das richtige Buch, genau zur rechten Zeit.

Ein Mann hastet eine dunkle, einsame Straße entlang. Schnelle Schritte und schwerer Atem. Staunen und verzweifelte Erwartung. Ein Glöckchen über einer Tür und das Bimmeln, das es von sich gibt. Ein Verkäufer und eine Leiter und ein warmes, goldenes Licht, und dann: genau das richtige Buch, genau zur rechten Zeit.

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra. Blessing Verlag, 352 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

Warum so grausam?

Kurzmitteilung

Schaufenster

Kalkulierter Bestseller: “Krähenmädchen” von Erik Axl Sund.

Agatha Christie, die Großmeisterin des charmanten Kriminalromans, würde sich angesichts der heutigen Zustände in ihrem Genre wohl verwundert die Augen reiben. In der Regel sind Krimis – abgesehen vielleicht von den gerne recht zünftigen und eher humoristisch daherkommenden Regionalkrimis – nämlich längst nicht mehr so beschaulich wie zu Zeiten von Miss Marple und Hercule Poirot. Vielmehr scheint sich zumindest bei Thrillern durchgesetzt zu haben, dass besonders grausame Tötungsmethoden auch besonders großen Publikumserfolg versprechen.

Pünktlich zur Deutschland-Veröffentlichung von “Krähenmädchen”, dem offenkundig sehr brutalen ersten Teil der in Skandinavien äußerst erfolgreichen Trilogie des Autorenduos Jerker Eriksson und Håkan Axlander Sundquist alias Erik Axl Sund, geht Till Raether im aktuellen SZ Magazin der Frage auf den Grund, warum das eigentlich so ist. Online kann der Artikel hier gelesen werden.