Literaturverfilmung der Woche (1)

Diesmal: Madame Mallory und der Duft von Curry

Madame Mallory

Lasse Hallström ist ein alter Haudegen in Sachen Literaturverfilmungen. Bereits früh in seiner Laufbahn als Filmemacher nahm sich der Schwede, der einst Musikvideos für ABBA drehte, den Astrid Lindgren-Klassiker “Wir Kinder von Bullerbü” vor. Später – da war Hallström längst in Hollywood angekommen – folgten Verfilmungen u.a. von Werken von Peter Hedges (“Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa”, 1993), John Irving (“Gottes Werk und Teufels Beitrag”, 1999), E. Annie Proulx (“Schiffsmeldungen”, 2001), Nicholas Sparks (“Das Leuchten in der Stille”, 2010, sowie “Safe Haven – Wie ein Licht in der Nacht”, 2013) und Paul Torday (“Lachsfischen im Jemen”, 2011).

Auch “Chocolat” (2000), der bislang größte und zugegebenermaßen etwas kitschige Publikumserfolg des Regisseurs, basiert auf einer literarischen Vorlage (von Joanne Harris). Literatur und Kulinarisches – diese Kombination kommt nun in “Madame Mallory und der Duft von Curry” (Kinostart am morgigen Donnerstag) wieder zum Tragen. Im Zentrum der Filmversion des Ende 2011 erstmals auf Deutsch erschienenen Romans von Richard C. Morais (damals unter dem Titel “Madame Mallory und der kleine indische Küchenchef”) steht der talentierte Jungkoch Hassan Kadam (Manish Dayal), den es mit seiner Familie aus Indien in ein südfranzösisches Städtchen verschlägt, wo die Zuwanderer ein Restaurant eröffnen. Dummerweise genau gegenüber dem alteingesessenen Sternerestaurant der hochnäsigen Madame Mallory, die sich mit der neuen Konkurrenz natürlich so gar nicht anfreunden will. Aber wie es nun einmal so läuft in sommerlichen Feelgood-Filmen, findet die von Helen Mirren gespielte Patriarchin irgendwann doch Gefallen an Hassans Talent und dieser wiederum verguckt sich in Madame Mallorys schmucke Sous-Chefin Marquerite (Charlotte Le Bon)…

Das alles hört sich nach einem harmlosen, netten, amüsanten und etwas klischeehaften Film an, der “Chocolat”-Fans sehr viel Freude bereiten dürfte. Wer es nicht ganz so weichgespült mag, sollte statt in eine Kinokarte für “Madame Mallory” aber wohl lieber in DVDs der beiden wirklich ganz exzellenten Hallström-Filme “Gilbert Grape” und “Gottes Werk und Teufels Beitrag” investieren.

Richard C. Morais: Madame Mallory und der Duft von Curry. Piper Verlag, 400 Seiten, € 9,99.- aktuell: Buddha in Brooklyn. Piper Verlag, 368 Seiten, € 19,99.

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Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden

Ein leicht philosophisch angehauchter Roman über einen Mann, der nach einer bitteren Trennung wieder zurück in die Spur finden möchte, oder ein modernes Märchen, das letzten Endes mehr Fragen offen lässt, als es beantwortet? “Wunderlich fährt nach Norden” von Marion Brasch ist wohl beides.

Wunderlich

Herr Wunderlich, Mittvierziger, gescheiterter Bildhauer und nun freier Zeichenlehrer, führt ein sehr überschaubares und geordnetes Leben. Dieses wird allerdings in seinen Grundfesten erschüttert, als ihn seine Freundin Marie aus heiterem Himmel verlässt. Noch gezeichnet vom ersten Schock über diese Trennung, erhält Wunderlich eine anonyme SMS, die ihn auffordert, nach vorne zu blicken und weiterzumachen. Er glaubt an einen Irrläufer oder einen schlechten Scherz, doch die Verfasserin oder der Verfasser der Nachricht meldet sich immer wieder und scheint obendrein jede Menge über Wunderlichs Leben und das Schicksal vieler anderer Menschen zu wissen.

“Wer zum Teufel bist du?”
Sag ich nicht.”Aber du mischst dich in mein Leben ein, da hab ich ja wohl ein Recht darauf zu erfahren, wer du bist!”
Kann schon sein, aber ich sag’s dir trotzdem nicht.
“Aber was willst du von mir?”
Weiß ich noch nicht.

Aus irgendeinem Grund hält er sich an die Aufforderung der ersten SMS von Anonym und beschließt, sich erst einmal eine Auszeit zu gönnen und zu verreisen. Nach Norden soll es gehen, ohne genaues Ziel und ohne gründliche Planung.

Die Reise findet allerdings ein jähes Ende, als Wunderlich wegen eines abgelaufenen Ausweises seinen Zug verlassen muss und an einem verlassenen Bahnhof strandet. Dort trifft er auf Finke, einen etwas windschiefen Tagedieb, mit dem er schnell eine Art Freundschaft schließt – vielleicht auch, weil er ähnlich verloren wirkt wie er selbst. Auch hier meldet sich die allwissende Stimme wieder und warnt, Finke käme unter die Räder, wenn Wunderlich ihn jetzt alleine ließe. Die Vorhersage scheint einzutreffen, denn kurz nachdem Wunderlich beschlossen hat, weiterzuziehen, ist Finke spurlos verschwunden. Gemeinsam mit der jungen Toni und dem “Schönen Ringo”, einem ortsansässigen Kneipier, versucht er erfolglos, Finke wieder ausfindig zu machen. Der Wunsch, weiter nach Norden zu reisen, gewinnt aber schnell die Oberhand und als er schließlich in das Dorf von Finke, Toni und Ringo zurückkehrt, ist alles anders…

Wunderlich war der verwirrteste Mensch, den er kannte. Er kannte zwar nicht viele Menschen, doch was spielt das für eine Rolle, wenn das Wirrwarr größer ist als man selbst.

Marion Braschs zweiter Roman kombiniert die durchaus realistische Geschichte eines Mannes auf der Suche nach einer Luftveränderung geschickt mit diversen märchenhaften Elementen: Neben dem scheinbar allwissenden SMS-Versender tauchen Figuren auf, die nur Wunderlich sehen kann, stillgelegte Bahnhöfe erwachen wieder zum Leben und eine seltsame Substanz namens “Blauharz”, die körperliche und seelische Verletzungen heilt und obendrein die Erinnerungen an deren Ursprung auslöscht, kommt zum Einsatz.

 

Erklärungen für all das findet man als Leserin oder Leser nicht bzw. höchstens in sanften Andeutungen. Dementsprechend ratlos und verwirrt blieb ich auch nach den letzten Sätzen des Buches zurück. Ein Freund offener Enden bin ich in der Regel nicht, aber bei “Wunderlich fährt nach Norden” hat mich der Schluss nicht weiter gestört. Vielleicht ja, weil der Titel schon wunderliche Dinge verspricht. Vielmehr aber, weil Marion Brasch hier eine schöne und vor allem sprachlich sehr ansprechende Geschichte gelungen ist, die ich gerne gelesen habe.

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden. S. Fischer Verlag, 288 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

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In den kommenden Wochen liest Marion Brasch viele Male aus “Wunderlich fährt nach Norden”. Alle Termine findet Ihr HIER.

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Cornelius Hartz: Brook unter Räubern

“Brook und der Skorpion”, den ersten Kriminalroman um den Hamburger Hauptkommissar Brook, hatte ich noch verpasst, so dass “Brook unter Räubern” meine erste Begegnung mit dem knorrigen Ermittler aus dem hohen Norden war.

Brook unter RäubernDie Handlung des knapp 240 Seiten dünnen Buches (in gewisser Weise auch mal eine Wohltat, da Krimis gerne dazu neigen, etwas arg umfangreich daherzukommen) ist schnell erzählt: Professor Radeberger, der Chefarzt einer Hamburger Klinik, ist schon seit einer Weile spurlos verschwunden, als an seinem Arbeitsplatz Kartons mit menschlichen Organen und mysteriösen, in bulgarischer Sprache verfassten Botschaften auftauchen. Alles deutet für Brook und seine Kollegen auf ein Gewaltverbrechen hin. Bleibt nur die Frage, ob Radeberger Opfer eines persönlichen Rachefeldzugs geworden ist, oder ob ihn seine illegalen Machenschaften mit einem osteuropäischen Organhändlerring letzten Endes zum Verhängnis wurden…

Autorenfoto: PR

Autorenfoto: PR

“Brook unter Räubern” ist ein klassischer Krimi, der ohne große Schockmomente und allzuviel Action auskommt und sich damit eher an “Klassikern” der skandinavischen Kriminalliteratur wie Henning Mankells Kommissar Wallander oder Hakan Nessers van Veeteren-Reihe orientiert. In gewisser Weise ähnelt Brook dann schließlich auch seinen prominenten Kollegen: Nicht mehr ganz jung, von einem Schicksalsschlag schwer getroffen und immer voller Selbstzweifel. Damit ist er gleichermaßen ein grummeliger wie auch sympathischer Zeitgenosse. Mit ihm und dem spannenden Fall, der einige falsche Fährten und überraschende Wendungen bereit hält, hatte ich viel Spaß. Bleibt zu hoffen, dass Cornelius Hartz der Reihe noch ein paar ähnlich gelungene Fortsetzungen gönnt!

Cornelius Hartz: Brook unter Räubern. Emons Verlag, 240 Seiten, € 9,90. // {Leseprobe}

 

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Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Eine schummrige Buchhandlung, kauzige Charaktere, eine unterirdische Bibliothek, ein jahrhundertealter Geheimbund und ein vertracktes Rätsel. Kurzum: Robin Sloans Debütroman “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” hat fast alles, womit man mich begeistern kann.

Penumbra

Aber von Anfang an: Der junge Webdesigner Clay Jannon, nach der Pleite seines allzu ambitionierten Arbeitgebers ohne Beschäftigung, stolpert durch Zufall auf einem seiner Streifzüge durch San Franciscos nicht ganz so vornehme Ecken in eine staubige Buchhandlung, die von einem alten Zausel namens Ajax Penumbra geleitet wird. Seltsam hingerissen von diesem aus der Zeit gefallenen Ort, nimmt Clay einen Aushilfsjob in dem durchgehend geöffneten Laden an. Während der langen, ereignislosen Nachtschichten fällt ihm auf, dass Penumbras Buchhandlung offenbar zwei Geschäftsfelder umfasst: Neben dem schlecht gehenden Antiquariat, in das sich kaum jemals ein Kunde verirrt, gibt es noch eine Art Bibliothek, in der sich Gestalten, die noch sonderbarer sind als Penumbra selbst, mit großer Aufregung vergilbte alte Bücher ausleihen, um mit ihnen zu “arbeiten”.

Ist es ein Buchklub? Wie wird man Mitglied? Zahlt hier jemand auch irgendwann mal Beitrag?
So etwas frage ich mich, wenn ich allein hier sitze, nachdem Tyndall oder Lapin oder Fedorov gegangen sind. Tyndall ist wahrscheinlich der Schrägste, aber sie sind alle ziemlich schräg: Alle ergrauend, besessen, anscheinend aus einer anderen Zeit oder einer anderen Welt importiert.

Obwohl es ihm eigentlich streng untersagt ist, wirft Clay auf Drängen eines Freundes einen Blick in die von Penumbra liebevoll “Ladenhüter” genannten Bände und entdeckt ein unverständliches Kauderwelsch, hinter dem er eine Art Code vermutet. Aus Neugierde und wohl auch, um die attraktive Google-Mitarbeiterin Kat zu beeindrucken, macht sich Clay daran, ein System in das Chaos der Ladenhüter-Abteilung zu bringen. Die Entdeckung, die er dabei macht, scheint seinen Chef gleichermaßen zu begeistern wie zu entsetzen.

In Penumbras Mikromuskeln zittert es. So in nächster Nähe zu ihm wird mir wieder bewusst, dass er tatsächlich sehr, sehr alt ist.
“Google”, haucht er. Es folgt eine lange Pause. “Wie kurios.” Er richtet sich auf. Er hat einen höchst seltsamen Gesichtsausdruck – die emotionale Entsprechung zu ERROR: 404 NOT FOUND.

Als Penumbra daraufhin fluchtartig die Stadt verlässt, folgen Clay, Kat und der StartUp-Gründer Neel dem alten Mann nach New York, wo sie auf die “Gemeinschaft des Ungebrochenen Buchrückens” treffen, die ein jahrhundertealtes Geheimnis hütet…

“Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” hat mich ähnlich in ihren Bann geschlagen wie Carlos Ruiz Zafóns Werke um den Friedhof der vergessenen Bücher. Obwohl die Handlung von Robin Sloans Erstling im Hier und Jetzt angesiedelt ist und weit weniger mystische Elemente enthält als die Romane des Spaniers (dafür aber einige Anleihen aus Fantasy-Romanen für jüngere Leser), nimmt auch hier die Faszination, die noch immer vom gedruckten Wort ausgeht, eine zentrale Stellung ein. Letzten Endes löst Clay das große Rätsel, an dem eine ganze Armada hochgerüsteter Technik-Freaks gescheitert ist, mit einem simplen Kniff und genauer Beobachtungsgabe – ein Beweis dafür, dass das Analoge auch in unserer Zeit manchmal die bessere Wahl ist.

Ein kluges, spannendes und liebenswertes Buch, das ich mit viel Freude gelesen habe. Eben genau das richtige Buch, genau zur rechten Zeit.

Ein Mann hastet eine dunkle, einsame Straße entlang. Schnelle Schritte und schwerer Atem. Staunen und verzweifelte Erwartung. Ein Glöckchen über einer Tür und das Bimmeln, das es von sich gibt. Ein Verkäufer und eine Leiter und ein warmes, goldenes Licht, und dann: genau das richtige Buch, genau zur rechten Zeit.

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra. Blessing Verlag, 352 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

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Warum so grausam?

Schaufenster

Kalkulierter Bestseller: “Krähenmädchen” von Erik Axl Sund.

Agatha Christie, die Großmeisterin des charmanten Kriminalromans, würde sich angesichts der heutigen Zustände in ihrem Genre wohl verwundert die Augen reiben. In der Regel sind Krimis – abgesehen vielleicht von den gerne recht zünftigen und eher humoristisch daherkommenden Regionalkrimis – nämlich längst nicht mehr so beschaulich wie zu Zeiten von Miss Marple und Hercule Poirot. Vielmehr scheint sich zumindest bei Thrillern durchgesetzt zu haben, dass besonders grausame Tötungsmethoden auch besonders großen Publikumserfolg versprechen.

Pünktlich zur Deutschland-Veröffentlichung von “Krähenmädchen”, dem offenkundig sehr brutalen ersten Teil der in Skandinavien äußerst erfolgreichen Trilogie des Autorenduos Jerker Eriksson und Håkan Axlander Sundquist alias Erik Axl Sund, geht Till Raether im aktuellen SZ Magazin der Frage auf den Grund, warum das eigentlich so ist. Online kann der Artikel hier gelesen werden.

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David Mitchell: The Right Sort

Anfang September veröffentlicht David Mitchell, Verfasser von Bestsellern wie “Der Wolkenatlas” und “Die tausend Herbste des Jakob de Zoet”, seinen neuen Roman “The Bone Clocks” (der Erscheinungstermin der deutschen Übersetzung steht meines Wissens noch nicht fest), der sich bereits auf der Longlist des diesjährigen Man Booker Prize findet.

Um seinen Leserinnen und Lesern die Wartezeit aufs neue Buch ein wenig zu verkürzen, postete der britische Autor jüngst via Twitter die häppchenweise servierte Kurzgeschichte “The Right Sort”, deren etwas verwirrende, zwischen Relaität und Traumwelt pendelnde Handlung nicht direkt mit “The Bone Clocks” zu tun hat, aber offenbar einen ähnlichen Grundton anschlägt.

Der besseren Lesbarkeit wegen hat das amerikanische Bücher-Magazin The Millions die aus Dutzenden Tweets bestehende Geschichte nun kompakt zusammengefasst. Nachzulesen hier.

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Seth: Vom Glanz der alten Tage

Gregory Gallant alias Seth, neben Chester Brown wohl der renommierteste Comic-Zeichner und Cartoonist Kanadas, hatte schon immer ein Faible fürs Nostalgische. So begab er sich in seinen früheren Werken auf die Suche nach einem verschollen geglaubten Karikaturisten namens Kalo (“Eigentlich ist das Leben schön”), erzählte vom legendären Comicsammler “Wimbledon Green” und ließ einen mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit verschwundenen Ventilatoren-Fabrikanten eine verklärte Lebensbilanz ziehen (“Clyde Fans”).

Vom Glanz der alten Tage

Gemeinsam war all diesen Büchern, dass sie zwar stets sehr detailreich und realitätsnah daherkamen, aber komplett frei erfunden waren. Insofern fügt sich nun auch das endlich auf Deutsch erhältliche “Vom Glanz der alten Tage” perfekt ins Seth-Gesamtwerk ein. Auf knapp 140 Seiten, stets in Sepia-Tönen gehalten und in aller Regel in neun Panels unterteilt, führt ein namenloser Erzähler die Leserinnen und Leser durch die Räumlichkeiten des Klubhauses der “Great Northern Brotherhood of Canadian Cartoonists”. Diese Vereinigung – natürlich ist auch sie, wie (fast) alle erwähnten Zeichner und deren Arbeiten, ein Produkt von Seths blühender Fantasie – hatte zwischen den 30er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ihre Blütezeit. Damals waren Cartoonisten in Kanada angesehene Mitglieder des kulturellen Betriebs – Zeiten, die längst vorbei sind.

Eine wirklich durchgehende Handlung hat “Vom Glanz der alten Tage” nicht, eher ist das Buch eine Aneinanderreihung von Anekdoten der Klub-Historie und Vorstellungen diverser besonders ruhmreicher Cartoon- und Comic-Serien (besonders großartig gelungen sind der Inuit-Astronaut “Kao-Kuk” und der verschnarchte Superheld “Canada Jack”). Für Gelegenheits-Leserinnen und -Leser von Graphic Novels mag “Vom Glanz der alten Tage” nicht unbedingt die erste Wahl sein, aber für Comic-Nerds, Nostalgiker und Seth-Fans führt an diesem wundervoll aufgemachten Band eigentlich kein Weg vorbei.

Seth: Vom Glanz der alten Tage – Die Blütezeit des kanadischen Cartoons. Edition 52, 136 Seiten, 25 Euro.

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Rezept für eine bessere Welt?

Ich meine, stellt euch mal die abscheulichste Person vor, die ihr kennt.
Meinetwegen Hitler.
Und jetzt stellt ihr ihn euch in seinem Zimmer beim Wichsen vor.
Dann wirkt er sofort weniger beeindruckend und bedrohlich, nicht wahr?
Sondern lächerlich, machtlos und verletzlich. Vielleicht sogar wie jemand, mit dem man Mitleid hat.
Unser Biolehrer hat mal gesagt, dass jeder onaniert.
Also ist wohl jeder ein Sklave seiner Triebe.
Also verdient wohl jeder auch unser Mitleid.
Wenn wir uns unsere ärgsten Feinde ab und zu beim Wichsen vorstellen, wäre die Erde vielleicht ein besserer Ort.

- Matthew Quick: Happy Birthday Leonard Peacock

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Lesestoff für den Urlaub

Übermorgen gehts in den Urlaub (wohin, lässt sich eventuell im vorherigen Post erahnen) – das Kofferpacken steht mir zwar noch bevor, aber zumindest der Lesestoff ist schon ausgewählt.  Zum ersten Mal werde ich diesmal eine Graphic Novel – “Vom Glanz der alten Tage” von Seth – auf dem Tablet lesen. Das liegt weniger daran, dass ich quasi über Nacht zum Freund des digitalen Lesens mutiert bin, sondern vielmehr an dem Umstand, dass mir Edition 52 freundlicherweise eine PDF-Version des Buches zur Verfügung gestellt hat. Besten Dank dafür!

Bücher

Ansonsten kommen, wie seit jeher gewohnt, “klassische” Bücher mit auf die Reise: “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” von Robin Sloan steht schon seit einer ganzen Weile auf meiner Wunschliste und auf  “Happy Birthday, Leonard Peacock” von Matthew Quick hat mich eine Rezension bei Spiegel Online neugierig gemacht. Ich bin gespannt…

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Leo Leowald: Das i in Zürich

Das i in ZürichZur ersten Orientierung bei der Urlaubsplanung mögen Reiseführer zwar recht hilfreich sein, aber in gewisser Weise fühle ich mich von dem Wust an historischen Daten und den mitunter recht langwierigen Erklärungen zu Sehenswürdigkeiten oft etwas erschlagen. Hinzu kommt die gelegentlich recht eigenwillige und nicht allzu aktuelle Auswahl so genannter “Geheimtipps”. So manches “Szenelokal” hat sich vor Ort schon als überteuerte Touristenfalle ohne jegliches Lokalkolorit entpuppt und statt eines in den höchsten Tönen gelobten Restaurants fand ich vor Jahren in Luxemburg eine offensichtlich schon seit geraumer Zeit dem Verfall preisgegebene Bauruine vor.

Aber Reiseführer hin oder her: “Das i in Zürich” ist trotz der eigentlich recht unmissverständlichen Unterzeile kein “Touri-Guide” im engeren Sinne, sondern ein höchst subjektives Notizbüchlein eines Zürich-Besuchers. So hält sich der Kölner Zeichner und Illustrator Leo Leowald - unter anderem bekannt für sein sehr hübsches Comic-Blog Zwarwald – nicht mit einer auf Vollständigkeit bedachten Aneinanderreihung von Fakten und Sehenswürdigkeiten auf, sondern präsentiert in kurzen, stets nur wenige Panels umfassenden Epidoden, wie er die Stadt sieht. So weiß er zu berichten, dass unter dem Bürkliplatz eine Box mit den gesammelten Werken von Udo Jürgens vergraben liegt, lobt die wunderbare Toilettentür der Wasserkirche, kommt auf die Velo-Kultur, H.R. Giger, Max Frisch und die zuvorkommende Art der Schweizer zu sprechen und wundert sich über das sich in rasender Geschwindigkeit verändernde Zürich West. Das alles wird auf sehr liebenswerte, lässige und humorvolle Art dargeboten – nur ein einziges Mal wird Leo Leowald ein wenig nervös. Als ihn seine Verabredung am Bahnhof schlichtweg mit einem anderen Reisenden verwechselt, stellt er sich die bange Frage: “Was, wenn für Schweizer alle Europäer gleich aussehen?”

Grundlegend Neues über Zürich mag ich mit diesem schmalen Büchlein zwar nicht erfahren haben, aber die Vorfreude auf den demnächst anstehenden Schweiz-Urlaub hat es auf jeden Fall gesteigert. Mehr kann ein “Reiseführer” eigentlich nicht leisten.

♦ Leo Leowald: Das i in Zürich. Ein Touri-Guide (Edition Moderne, 72 Seiten, 12 Euro). // Leseprobe

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