Zuletzt gelesen (1)

Herrndorf_Rachman


So freundlich wie auf dem Bild oben zeigt sich der Herbst mittlerweile leider nicht mehr — so windig, grau und regnerisch, wie es momentan draußen zugeht, ist es wohl die beste Idee, schnell die Tee- und Keks-Vorräte aufzustocken und sich mit einem (möglichst dicken) Buch unter einer (möglichst dicken) Decke zu verschanzen. Empfehlen kann ich dazu die beiden folgenden Bücher, die ich jüngst gelesen habe.


Tom Rachmans Debüt “Die Unperfekten” (bei dtv als Taschenbuch für € 9,90 erhältlich) hatte ich mir schon lange einmal vorgenommen, aber irgendwie bin ich doch nie dazugekommen, es zu lesen. Erst die Ankündigung des neuen Romans “Aufstieg und Fall großer Mächte” hat mich dann wieder sanft dazu ermahnt, die Lektüre endlich nachzuholen. Anfangs tat ich mich allerdings ein wenig schwer mit dem Roman, der die letzten Wochen (und in Rückblenden auch die glanzvolle Vergangenheit) einer in Rom ansässigen englischsprachigen Zeitung anhand von Episoden aus dem Leben von Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Blatt zu tun haben, erzählt. Zu zusammenhangslos — manchmal leider auch zu uninteressant — erschienen mir die ersten paar dieser Episoden. Im Laufe der Zeit hat mich das Buch dann allerdings doch in seinen Bann gezogen, denn die Art und Weise, wie Tom Rachman die losen Enden immer wieder aufnimmt und ebenso humorvoll wie melancholisch zu einem stimmigen Ganzen zusammenknüpft, ist schon ziemlich großartig.


Über wenige Bücher dürfte in diesem Herbst schon so viel geschrieben worden sein wie über “Bilder deiner großen Liebe” (Rowohlt Berlin; € 16,95), den unvollendeten letzten Roman des verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Aus diesem Grund fasse ich mich ganz kurz: Mir hat die Geschichte der aus “Tschick” bekannten Isa trotz all der — natürlich nachvollziehbaren — Mängel in Sachen Logik, Chronologie und Szenengestaltung ziemlich gut gefallen. Ob das jetzt — wie in vielen Artikeln behauptet — ein großes Meisterwerk ist, kann ich nur schwer beurteilen. Der lesenswerte und stellenweise sehr berührende letzte Gruß eines Schriftstellers, der viel zu früh gehen musste, ist “Bilder deiner großen Liebe” aber allemal.

Demnächst auf Tournee: Hello Piedpiper

Foto rechts: Timo Schmitz

Foto rechts: Timo Schmitz


Wer im Laufe der letzten knapp zwei Jahre gelegentlich bei You Sound Great reingelesen hat, dürfte wohl bereits dann und wann über den Namen Hello Piedpiper gestolpert sein. Falls nicht, hier noch einmal die dringende Empfehlung, sich bei Gelegenheit etwas genauer mit der Musik des Kölners Fabio Bacchet auseinanderzusetzen — entweder zu Hause mit dem sehr empfehlenswerten Album “Birdsongs = Warsounds” oder live bei einem der ab Mitte der kommenden Woche anstehenden Konzerte. Egal wie, es lohnt sich auf jeden Fall!



Termine: 23.10.14 Frankfurt – Feinstaub, 24.10.10 Heidelberg – Action House (+ Christian Schüll), 25.10.14 Nürnberg – Nürnberg Pop Festival, 26.10.14 Karlsruhe – Wohnzimmerkonzert *, 27.10.10 Saarbrücken – Café Thonet, 28.10.14 Mannheim – Wohnzimmerkonzert *, 29.10.14 Flein – Cafe Duuflein, 30.10.14 Bayreuth – Wohnzimmerkonzert *, 31.10.14 Leipzig – Horns Erben (+ Emilys Giant), 01.11.14 Siegen – Wohnzimmerkonzert *, 08.11.14 Köln – Wohnzimmerkonzert *, 05.12.14 Wuppertal – Endstation Sehnsucht (+ Polyanna), 06.12.14 Aachen – Raststätte (+ BRTHR), 09.12.14 Köln – Wohngemeinschaft (+ The Lake Poets), 10.12.14 Berlin – Monarch (+ The Lake Poets), 11.12.14 Hamburg – Bedroomdisco (+ The Lake Poets).

Wer eines der mit einem * gekennzeichneten Wohnzimmerkonzerte besuchen möchte, wendet sich bitte per Mail an hello(at)hellopiedpiper(punkt)com.

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek

Die unheimliche Bibliothek


Ein gewöhnlicher Bibliotheksbesuch sollte es werden für den jungen Erzähler dieser Kurzgeschichte — ein paar Bücher zurückgeben, ein paar neue ausleihen. Diesmal ist allerdings nichts so wie all die anderen Male zuvor, denn der Junge wird bereits erwartet von einem offenbar fast allwissenden, kauzigen Bibliothekar. Die anfängliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Alten schlägt allerdings schon schnell ins Gegenteil um: Mit drohenden Worten führt er den Protagonisten der Erzählung in ein Kellerverlies, das von einem geheimnisvollen Schafsmann bewacht wird. Einen Monat, so der Bibliothekar, solle der Junge in diesem Verlies bleiben, drei dicke Wälzer auswendig lernen und sich dann einer Prüfung unterziehen, die über seine Freilassung entscheidet. Der Schafsmann aber, ein sanftmütiger Geselle, der sehr unter dem herrischen Alten leidet, weiß, dass dem jungen Gefangenen ein ganz anderes Schicksal droht…

“Die unheimliche Bibliothek” ist eine düstere, kafkaeske Erzählung, in der Haruki Murakami meisterhaft die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischt. Welche der Ereignisse wirklich geschehen sind, und was sich der Junge nur eingebildet hat, bleibt bis zum Ende und darüber hinaus unklar. Ist der Schafsmann ein Trugbild oder existiert das stumme Mädchen, das dem Gefangenen stets ausgewählte Köstlichkeiten in die Zelle bringt, nur in den Gedanken des verschreckten Bücherwurms? Schwer zu sagen. Viel leichter fällt da schon die Feststellung, dass “Die unheimliche Bibliothek” eine sehr kurzweilige Lektüre darstellt — natürlich auch dank der stimmungsvollen Illustrationen von Kat Menschik, die zuvor bereits die Murakami-Erzählungen “Schlaf” und “Die Bäckereiüberfälle” visuell untermalt hatte.


Mitte November erscheint “Die unheimliche Bibliothek” als günstige Taschenbuchausgabe bei Dumont. Kat Menschik illustrierte zuletzt “Kalevala – Eine Sage aus dem Norden”, Tilman Spreckelsens bei Galiani Berlin veröffentlichte Nacherzählung des finnischen Nationalepos.


Truman Capotes Frühwerk

Capote


Ein Blick ins ZEIT Magazin lohnt sich eigentlich immer, diese Woche aber umso mehr, da das Heft der wohl aufregendsten literarischen Entdeckung des Jahres gewidmet ist. Die Journalistin Anuschka Roshani und ihr Mann, der Verleger Peter Haag (Kein & Aber), machten sich diesen Sommer in den USA auf die Suche nach den verlorenen –oder, wie andere behaupten: nicht existierenden — Kapiteln des unvollendet gebliebenen letzten Romans von Truman Capote. Statt allerdings auf den Rest von “Erhörte Gebete” zu stoßen, fanden die beiden in einem schmucklosen Karton in der New York Public Library gut ein Dutzend Gedichte und 20 Geschichten aus dem Frühwerk des Autors, der in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre. Die entdeckten Arbeiten — viele davon noch nie veröffentlicht, der Rest höchstens in der Schülerzeitung oder anderen weniger wichtigen Publikationen erschienen — verfasste Truman Capote bereits während seiner Highschool-Zeit. Den vier exklusiv im ZEIT Magazin abgedruckten Geschichten merkt man aber kaum an, dass sie von einem Teenager geschrieben wurden, behandeln sie doch bereits die Themen (Suche nach Identität, Außenseitertum, soziale Probleme, Freundschaft), denen sich der große Schriftsteller Zeit seines Lebens widmete, und tragen sie auch ansonsten die unverkennbare Handschrift Capotes.

Abgerundet wird das sehr lesenswerte Special von einem interessanten Interview mit Truman Capotes Freund und Biographen Gerald Clarke, der Einblicke darüber gibt, warum dieser unscheinbare kleine Mann — abgesehen von seinem offensichtlichen literarischen Genius — eine so beeindruckende Persönlichkeit war.


Wer es nicht schafft, sich noch bis zum Mittwoch am Kiosk die aktuelle ZEIT zu besorgen, braucht aber dennoch nicht zu verzagen: Die vorab gedruckten Storys werden, mitsamt den anderen Funden, im kommenden Jahr unter dem Titel “Wo die Welt anfängt” bei Kein & Aber in Buchform veröffentlicht. Hört sich stark nach einem Pflichtkauf an…

Tipp: PULS Lesereihe 2014

Bald haben wir Mitte Oktober, was unter anderem bedeutet, dass die mittlerweile zu einer festen Institution im literarischen Jahreskalender gewordene, von PULS (ehemals on3), dem Jugendsender des Bayerischen Rundfunks initiierte Lesereihe, in ihre neue Saison geht.

Auch in diesem Jahr lesen wieder zwölf vielversprechende, im Vorfeld von einer Jury (u.a. bestehend aus Frank Spilker, Dorian Steinhoff und Fiva) ausgewählte Nachwuchsautorinnen und -autoren in vier bayerischen Städten ihre zum Thema Lass uns Freunde sein” verfassten Texte vor. In jeder Stadt kürt das anwesende Publikum schließlich eine Tagessiegerin bzw. einen Tagessieger, der oder dem unter anderem die Teilnahme an einem Schreibworkshop am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig winkt. Musikalisch untermalt werden die Abende jeweils von der ebenso sympathischen wie talentierten Würzburger Songschreiberin Karo. Beginn ist stets um 20 Uhr, der Eintritt ist wie immer frei, und wahrscheinlich gibt es auch diesmal wieder alle Texte als hübsches Reclam-Heftchen zum mit nach Hause nehmen.

Termine:
14.10.14 Würzburg – Cairo
21.10.14 Nürnberg – Künstlerhaus (Zentralcafé)
28.10.14 München – Rationaltheater
04.11.14 Regensburg – Alte Mälzerei

Stephen King: Mr. Mercedes

Mr. Mercedes

In meiner Jugend war ich ein großer Fan von Stephen King und habe mit einem wohligen Gruseln alle Bücher des Horror-Großmeisters verschlungen, die ich in die Finger bekam. Mit der Zeit haben sich Herr King und ich dann allerdings ein wenig auseinandergelebt – vielleicht, weil sich viele Romane des Amerikaners im Kern doch sehr ähneln, vielleicht aber auch, weil ich mit zunehmendem Alter erkannt habe, dass keine Gruselgeschichte so hinterhältig und gemein ist wie das wahre Leben.

Jedenfalls hat ein Stephen King-Porträt im Bücher Magazin schon im Frühling bei mir die Lust geweckt, wieder einmal eines seiner Bücher zu lesen und der jüngst auf Deutsch veröffentlichte neue Roman “Mr. Mercedes” schien mir dafür eine gute Gelegenheit zu sein.

Trotz der blutrünstigen Cover-Gestaltung ist “Mr. Mercedes” aber keine Horrorgeschichte, sondern ein sehr klassisch gehaltener Thriller, der aber natürlich dennoch auf jeder Seite überdeutlich als Werk von Stephen King mit allen Stärken (der unnachahmliche Tonfall) und Schwächen (die Neigung, Dinge manchmal etwas zu sehr in die Länge zu ziehen) zu erkennen ist. Hauptfigur des knapp 600 Seiten dicken Wälzers ist Kermit William “Bill” Hodges, ein geschiedener Ex-Kommissar, der spätestens seit seiner Pensionierung nichts Sinnvolles mit sich und seiner Zeit anzufangen weiß und sich mit Junkfood und Fernsehserien von seinen dunklen Gedanken abzulenken versucht.

Bewegung in Hodges tristes Leben kommt, als er einen Brief erhält, dessen Verfasser sich als der “Mercedes-Killer” ausgibt. Dieser war vor Jahren mit einem gestohlenen Mercedes ohne erkennbares Motiv in eine wartende Menge gerast und hat neben den acht Menschenleben, die dieser Anschlag gekostet hat, obendrein auch noch die psychisch labile Besitzerin des Wagens mit Schuldvorwürfen in den Selbstmord getrieben. Da das Entkommen des Mörders, der bei seinem Attentat eine Clownsmaske trug (ein charmanter Hinweis auf “Es”, was nicht der einzige Querverweis auf frühere King-Werke bleiben soll), eine der letzten großen Niederlagen in Hodges zu Ende gehender Laufbahn darstellte, weckt der Brief natürlich sofort den Jagdtrieb des alternden Kriminalers, der dem Mörder auf eigene Faust nachstellt. Dass er damit nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner wenigen Vertrauten aufs Spiel setzt und Mr. Mercedes außerdem zu einer weiteren Wahnsinnstat provoziert, muss Hodges nur allzu schnell bemerken…

Keine Monster, keine Außerirdischen, nichts Übernatürliches: Trotzdem gelingt es Stephen King, in “Mr. Mercedes” meisterhaft, einen immer dichteren Spannungsbogen zu weben, der bis zum Ende nicht abreißen mag. Die Guten in der Geschichte, allen voran der knorrige Hodges, der mich gelegentlich ein wenig an Clint Eastwoods Charakter in “Gran Torino” erinnert hat, sein smarter Gehilfe Jerome (ein Nachbarsjunge, der als eine Art jugendlicher Barack Obama beschrieben wird), und die stets hypernervöse Holly, sind sehr sympathische und liebenswerte Zeitgenossen, während der Böse (gewissermaßen ein Typ wie Norman Bates aus “Psycho”) zwar als impulsiv und gefühlskalt, aber eben auch als gebrochene Persönlichkeit dargestellt wird. Diese Vielschichtigkeit der Charaktere und Stephen Kings unverkennbare Erzählweise geben der an sich recht konventionellen Geschichte eine Tiefe, an der viele andere Thriller-Autorinnen und -Autoren sicher gescheitert wären.

Mir hat Stephen King mit “Mr. Mercedes” nach Jahren der Abstinenz jedenfalls viel Freude bereitet, so dass ich mich schon jetzt auf die beiden geplanten Fortsetzungen der Trilogie um Bill Hodges freue.

Stephen King: Mr. Mercedes. Heyne Verlag, 592 Seiten, € 22,99.

“Sieben verdammt lange Tage”

Sieben verdammt lange TageFür Judd Altman (sehr charmant dargestellt von Jason Bateman) kommt es knüppeldick: Zuerst erwischt er seine Ehefrau ausgerechnet an deren Geburtstag mit seinem großkotzigen Chef im eigenen Schlafzimmer beim Sex und wenig später erfährt er, dass sein Vater nach längerer Krankheit gestorben ist. Als ob das des Übels nicht schon genug wäre, hat der verstorbene Patriarch der Familie Altman vor seinem Ableben angeordnet, dass die komplette Verwandschaft die Schiwa, also die traditionelle jüdische Totenwache von sieben Tagen einzuhalten hat. So muss Judd nicht nur die traurige Beerdigung überstehen, sondern auch noch eine ganze Woche lang mit seiner arg freizügigen Mutter (grandios: Jane Fonda) und seinen mehr oder weniger neurotischen Geschwistern (u.a. gespielt von “Saturday Night Live”-Komikerin Tina Fey und dem großartigen Shooting-Star Adam Driver) ausharren. Dass es bei einer solch fast schon klaustrophobisch anmutenden Zusammenkunft nicht lange dauert, bis alte und neue Konflikte ausgefochten werden und sich die Geister der Vergangenheit melden, versteht sich praktisch von selbst.

Comedy-Spezialist Shawn Levy hat seine Verfilmung von Jonathan Troppers Roman “Sieben verdammt lange Tage” als liebenswerte und turbulente Familienkomödie angelegt. Dadurch bleiben die leisen Töne ein wenig auf der Strecke, das verworrene Beziehungsgeflecht der einzelnen Familienmitglieder etwas oberflächlich und einige Figuren leider recht holzschnittartig. Erwartet man von dem Film allerdings nicht allzu viel Tiefgang, ist er ein großer Spaß: Das Ensemble harmoniert hervorragend, die meisten Gags zünden und hier und da gibt es doch immer wieder auch Szenen, die ziemlich klug und äußerst berührend ausgefallen sind.

Ohne den Roman bisher gelesen zu haben (das werde ich zu gegebener Zeit noch nachholen), glaube ich, mich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich hier ganz forsch behaupte, dass die Verfilmung von “Sieben verdammt lange Tage” mehr als ordentlich gelungen ist.

⇒ Der Film ist seit dem 25. September in den Kinos, der Roman ist bei Knaur als Taschenbuch erhältlich und kostet 9,99 Euro.

Musikalische Tipps für den Herbst

Herbst

Obwohl es in den letzten Tagen fast noch einmal spätsommerlich warm war, lässt sich kaum leugnen, dass der Herbst da ist. An dieser Stelle deshalb vier musikalische Empfehlungen, mit denen sich die neue Jahreszeit trefflich einläuten lässt:

Spätestens mit seinem Album “Empty Orchestra” hat sich Stefan Honig einen exzellenten Ruf als talentierter Songschreiber erspielt. Die neue Platte mit dem famosen Titel “It’s Not A Hummingbird, It’s Your Father’s Ghost” (Haldern Pop Recordings) knüpft nun nahtlos an die melancholische Grundstimmung des Vorgängers an und meistert gleichzeitig den Spagat zwischen leisen, nachdenklichen Tönen und sattem Bandsound.

Die Hürde des “schwierigen” zweiten Albums hat auch der junge Norweger Einar Stray – neuerdings mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern als Einar Stray Orchestra unterwegs – mit “Politricks” (Sinnbus) mühelos übersprungen: Kluge Reflexionen über das Erwachsenwerden, eingebettet in wieder einmal hervorragende, oft ausladende und vertrackte Arrangements. Das Titelstück gibt es hier zum kostenlosen Download.

Tobias Siebert hat sich schon als Produzent und Musiker in Bands wie Delbo und Klez.e einen Namen gemacht. Sein neues Soloprojekt And the Golden Choir, mit dem er im Alleingang eine vielköpfige Band imitiert, ist sein bisher wohl kühnstes Unterfangen. Mit “It’s My Life” (Loob Musik) ist soeben eine erste EP mit fünf zauberhaften, teils melodramatischen Popsongs erschienen, die Großes für die Zukunft erhoffen lassen.

Bis es wieder neue Musik von Foreign Fields aus Nashville gibt, dauert es zwar noch ein Weilchen, aber zur Überbrückung bis zur für 2015 angekündigten LP bietet die Plattform Noisetrade eine kleine, kostenlos herunterzuladende Werksschau der leicht psychedelisch angehauchten Americana-Klangbastler an.

P.S. Um Bücher geht es hier natürlich bald auch wieder. Momentan bin ich mit “Mr. Mercedes”, dem neuen Roman von Stephen King beschäftigt, der diesmal ganz ohne Übernatürliches auskommt. Der erste Eindruck ist allerdings dennoch sehr positiv.

Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten

Ein ganzes Weilchen hat es gedauert, bis es Jess Walters “Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten” zu uns geschafft hat. Während der in den USA im Jahr 2012 erschienene Nachfolger “Schöne Ruinen” bereits als Taschenbuchausgabe vorliegt, brauchte es beim erstmals 2009 veröffentlichten Wirtschaftskrisenroman gut fünf Jahre bis zur deutschen Übersetzung.

Jess WalterProtagonist des Buches ist der Mittvierziger Matt Prior, der mit seiner Familie schon immer ein wenig über seine Verhältnisse gelebt hat. Solange er als Wirtschaftsjournalist bei einer Lokalzeitung ein relativ sicheres Auskommen hatte, waren die monatlichen Zinsrückzahlungen für das viel zu große Eigenheim und die Kosten für die Privatschule der beiden Söhne zumindest halbwegs bezahlbar, doch als er seinen Job zugunsten einer äußerst fragwürdigen Geschäftsidee (eine Website, die – und das ist wohl der brillanteste Einfall dieses Romans – lyrisch verpackte Anlagetipps, so genannte “Finanzpoesie”, verbreitet) hinschmeißt, bricht das ohnehin schon auf tönernen Füßen stehende Finanzkonstrukt der Familie Prior, auch bedingt durch die in den USA grassierende Wirtschaftskrise, vollends zusammen. Die laufenden Kosten können nicht annähernd bedient werden, der Schuldenberg wächst in atemberaubender Geschwindigkeit und Matt, dessen Ehe mit Lisa zudem von einem Tiefpunkt zum nächsten schlittert, bleiben nur noch wenige Tage Zeit, um die letzte Hypothekenrate von gut 30.000 Dollar zu bezahlen, um zumindest nicht auch noch das Haus zu verlieren. Als er schließlich auf dem Parkplatz eines Supermarktes zufällig die Bekanntschaft einiger zwielichtiger Kiffer und Kleindealer macht, keimt bei Matt, der ein echtes Händchen für unglückliche Entscheidungen zu haben scheint, ein abwerwitziger Plan zur Lösung seiner angespannten Situation auf.

Dass sich eigentlich grundanständige Personen in kriminelle Machenschaften verstricken, um einer wie auch immer gearteten Notlage zu entgehen, kennt man schon aus zahlreichen Büchern, Filmen und TV-Serien (“Weeds”, “Breaking Bad” etc.) – insofern ist der Plot von “Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten” nicht wahnsinnig originell, und auch von einer langsam auseinanderbrechenden Familie der US-Mittelschicht hat man schon ziemlich oft gelesen. Neues serviert Jess Walter seinen Leserinnen und Lesern also wahrlich nicht, aber dennoch lohnt sich die Lektüre des vielleicht ein wenig zu lang ausgefallenen Romans. Das Personal, allen voran natürlich der arg verpeilte Matt, aber auch der fast schon bemitleidenswerte Marihuana-Baron Monte und Matts dementer Vater, der sich andauernd über bärtige Football-Spieler und “Trockenfleisch-Geschnetzeltes” auslässt, ist ziemlich liebenswert. Außerdem gelingt es Jess Walter, die amerikanische Finanzkrise sarkastisch zu kommentieren, ohne die beängstigenden Folgen ins Lächerliche zu ziehen.

Offenbar ist Nick Hornby ein großer Fan der Romane Jess Walters – kein Wunder, denn vom ganzen Tonfall her sind sich die beiden Autoren nicht ganz unähnlich. Wer also Freude an den Büchern des Engländers hat, darf bei “Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten” getrost zugreifen.

» Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten. Blessing Verlag, 384 Seiten, € 19,99. // Schöne Ruinen. Heyne Verlag, 464 Seiten, € 9,99.

» Nick Hornbys neuer Roman “Funny Girl” erscheint im November. Ein Veröffentlichungstermin der deutschen Übersetzung ist noch nicht bekannt.

[Abseits vom Buch] “Busker Diaries” mit Katie O’Connor

Sich als Straßenmusiker sein Auskommen zu verdienen, ist kein leichtes Brot. Die (oftmals leider nicht mit allzu großem Talent gesegnete) Konkurrenz ist riesig und die Abhängigkeit von der Witterung und den Launen der vorbeieilenden Passanten immens.

Die von Fabian Frost und Julian Krohn ins Leben gerufene Reihe “Busker Diaries” portraitiert in äußerst stimmigen Bildern ausgesuchte besonders beachtenswerte Straßenmusikerinnen und -musiker, bei denen es sich lohnt, einmal stehenzubleiben und genauer hinzuhören. Den Auftakt macht die irische Songschreiberin Katie O’Connor, die bis vor einer Weile in Berlin lebte (mittlerweile hat sie offenbar wieder in Dublin ihre Zelte aufgeschlagen) und in der knapp sechs Minuten dauernden Kurzdoku sehr sympathisch über ihre Beweggründe plaudert, der Heimat den Rücken zu kehren und es in der Ferne mit der Musik als Hauptberuf zu versuchen.

Φ “City Blue”, den Song aus dem Film, gibt es auf Katie O’Connors Soundcloud-Seite zum kostenfreien Download.

Φ Für weitere Episoden der “Busker Diaries” suchen die Filmemacher zudem noch talentierte und interessierte Straßenmusikerinnen und -musiker aus der ganzen Welt. Kontakt und weitere Informationen unter busker(at)dieleiter(punkt)com.