Kurzmitteilung

David Mitchell: The Right Sort

Anfang September veröffentlicht David Mitchell, Verfasser von Bestsellern wie “Der Wolkenatlas” und “Die tausend Herbste des Jakob de Zoet”, seinen neuen Roman “The Bone Clocks” (der Erscheinungstermin der deutschen Übersetzung steht meines Wissens noch nicht fest), der sich bereits auf der Longlist des diesjährigen Man Booker Prize findet.

Um seinen Leserinnen und Lesern die Wartezeit aufs neue Buch ein wenig zu verkürzen, postete der britische Autor jüngst via Twitter die häppchenweise servierte Kurzgeschichte “The Right Sort”, deren etwas verwirrende, zwischen Relaität und Traumwelt pendelnde Handlung nicht direkt mit “The Bone Clocks” zu tun hat, aber offenbar einen ähnlichen Grundton anschlägt.

Der besseren Lesbarkeit wegen hat das amerikanische Bücher-Magazin The Millions die aus Dutzenden Tweets bestehende Geswchichte nun kompakt zusammengefasst. Nachzulesen hier.

Seth: Vom Glanz der alten Tage

Gregory Gallant alias Seth, neben Chester Brown wohl der renommierteste Comic-Zeichner und Cartoonist Kanadas, hatte schon immer ein Faible fürs Nostalgische. So begab er sich in seinen früheren Werken auf die Suche nach einem verschollen geglaubten Karikaturisten namens Kalo (“Eigentlich ist das Leben schön”), erzählte vom legendären Comicsammler “Wimbledon Green” und ließ einen mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit verschwundenen Ventilatoren-Fabrikanten eine verklärte Lebensbilanz ziehen (“Clyde Fans”).

Vom Glanz der alten Tage

Gemeinsam war all diesen Büchern, dass sie zwar stets sehr detailreich und realitätsnah daherkamen, aber komplett frei erfunden waren. Insofern fügt sich nun auch das endlich auf Deutsch erhältliche “Vom Glanz der alten Tage” perfekt ins Seth-Gesamtwerk ein. Auf knapp 140 Seiten, stets in Sepia-Tönen gehalten und in aller Regel in neun Panels unterteilt, führt ein namenloser Erzähler die Leserinnen und Leser durch die Räumlichkeiten des Klubhauses der “Great Northern Brotherhood of Canadian Cartoonists”. Diese Vereinigung – natürlich ist auch sie, wie (fast) alle erwähnten Zeichner und deren Arbeiten, ein Produkt von Seths blühender Fantasie – hatte zwischen den 30er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ihre Blütezeit. Damals waren Cartoonisten in Kanada angesehene Mitglieder des kulturellen Betriebs – Zeiten, die längst vorbei sind.

Eine wirklich durchgehende Handlung hat “Vom Glanz der alten Tage” nicht, eher ist das Buch eine Aneinanderreihung von Anekdoten der Klub-Historie und Vorstellungen diverser besonders ruhmreicher Cartoon- und Comic-Serien (besonders großartig gelungen sind der Inuit-Astronaut “Kao-Kuk” und der verschnarchte Superheld “Canada Jack”). Für Gelegenheits-Leserinnen und -Leser von Graphic Novels mag “Vom Glanz der alten Tage” nicht unbedingt die erste Wahl sein, aber für Comic-Nerds, Nostalgiker und Seth-Fans führt an diesem wundervoll aufgemachten Band eigentlich kein Weg vorbei.

Seth: Vom Glanz der alten Tage – Die Blütezeit des kanadischen Cartoons. Edition 52, 136 Seiten, 25 Euro.

Zitat

Rezept für eine bessere Welt?

Ich meine, stellt euch mal die abscheulichste Person vor, die ihr kennt.
Meinetwegen Hitler.
Und jetzt stellt ihr ihn euch in seinem Zimmer beim Wichsen vor.
Dann wirkt er sofort weniger beeindruckend und bedrohlich, nicht wahr?
Sondern lächerlich, machtlos und verletzlich. Vielleicht sogar wie jemand, mit dem man Mitleid hat.
Unser Biolehrer hat mal gesagt, dass jeder onaniert.
Also ist wohl jeder ein Sklave seiner Triebe.
Also verdient wohl jeder auch unser Mitleid.
Wenn wir uns unsere ärgsten Feinde ab und zu beim Wichsen vorstellen, wäre die Erde vielleicht ein besserer Ort.

- Matthew Quick: Happy Birthday Leonard Peacock

Lesestoff für den Urlaub

Übermorgen gehts in den Urlaub (wohin, lässt sich eventuell im vorherigen Post erahnen) – das Kofferpacken steht mir zwar noch bevor, aber zumindest der Lesestoff ist schon ausgewählt.  Zum ersten Mal werde ich diesmal eine Graphic Novel – “Vom Glanz der alten Tage” von Seth – auf dem Tablet lesen. Das liegt weniger daran, dass ich quasi über Nacht zum Freund des digitalen Lesens mutiert bin, sondern vielmehr an dem Umstand, dass mir Edition 52 freundlicherweise eine PDF-Version des Buches zur Verfügung gestellt hat. Besten Dank dafür!

Bücher

Ansonsten kommen, wie seit jeher gewohnt, “klassische” Bücher mit auf die Reise: “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” von Robin Sloan steht schon seit einer ganzen Weile auf meiner Wunschliste und auf  “Happy Birthday, Leonard Peacock” von Matthew Quick hat mich eine Rezension bei Spiegel Online neugierig gemacht. Ich bin gespannt…

Leo Leowald: Das i in Zürich

Das i in ZürichZur ersten Orientierung bei der Urlaubsplanung mögen Reiseführer zwar recht hilfreich sein, aber in gewisser Weise fühle ich mich von dem Wust an historischen Daten und den mitunter recht langwierigen Erklärungen zu Sehenswürdigkeiten oft etwas erschlagen. Hinzu kommt die gelegentlich recht eigenwillige und nicht allzu aktuelle Auswahl so genannter “Geheimtipps”. So manches “Szenelokal” hat sich vor Ort schon als überteuerte Touristenfalle ohne jegliches Lokalkolorit entpuppt und statt eines in den höchsten Tönen gelobten Restaurants fand ich vor Jahren in Luxemburg eine offensichtlich schon seit geraumer Zeit dem Verfall preisgegebene Bauruine vor.

Aber Reiseführer hin oder her: “Das i in Zürich” ist trotz der eigentlich recht unmissverständlichen Unterzeile kein “Touri-Guide” im engeren Sinne, sondern ein höchst subjektives Notizbüchlein eines Zürich-Besuchers. So hält sich der Kölner Zeichner und Illustrator Leo Leowald - unter anderem bekannt für sein sehr hübsches Comic-Blog Zwarwald – nicht mit einer auf Vollständigkeit bedachten Aneinanderreihung von Fakten und Sehenswürdigkeiten auf, sondern präsentiert in kurzen, stets nur wenige Panels umfassenden Epidoden, wie er die Stadt sieht. So weiß er zu berichten, dass unter dem Bürkliplatz eine Box mit den gesammelten Werken von Udo Jürgens vergraben liegt, lobt die wunderbare Toilettentür der Wasserkirche, kommt auf die Velo-Kultur, H.R. Giger, Max Frisch und die zuvorkommende Art der Schweizer zu sprechen und wundert sich über das sich in rasender Geschwindigkeit verändernde Zürich West. Das alles wird auf sehr liebenswerte, lässige und humorvolle Art dargeboten – nur ein einziges Mal wird Leo Leowald ein wenig nervös. Als ihn seine Verabredung am Bahnhof schlichtweg mit einem anderen Reisenden verwechselt, stellt er sich die bange Frage: “Was, wenn für Schweizer alle Europäer gleich aussehen?”

Grundlegend Neues über Zürich mag ich mit diesem schmalen Büchlein zwar nicht erfahren haben, aber die Vorfreude auf den demnächst anstehenden Schweiz-Urlaub hat es auf jeden Fall gesteigert. Mehr kann ein “Reiseführer” eigentlich nicht leisten.

♦ Leo Leowald: Das i in Zürich. Ein Touri-Guide (Edition Moderne, 72 Seiten, 12 Euro). // Leseprobe

Thalia Gardens Festival

Thalia Gardens

Dresden liegt nicht unbedingt im Einzugsgebiet dieses Blogs, aber falls Ihr irgendwo dort in der Nähe wohnt, sei Euch das Thalia Gardens Festival, das in diesem Jahr vom 17. bis zum 19. Juli stattfindet, wärmstens ans Herz gelegt. In den Räumlichkeiten und im Garten des Thalia Kinos dreht sich an drei Abenden wieder einmal alles um handverlesene Musik und – ganz neu im Programm – Literatur.

Los geht es am Donnerstag, 17. Juli, um 20.30 Uhr mit einem Auftritt des britischen Wahlberliners Will Samson, der das Programm auch an den beiden folgenden Tagen eröffnen wird. Danach geben sich die Dresdner Lokalmatadoren Chief in the Garden die Ehre, ehe der ebenfalls aus Dresden stammende DJ Said sur la Place den Abend mit Auflegerei ausklingen lässt.

Am Freitag, 18. Juli, folgt nach der Eröffnung durch Will Samson mit dem Auftritt der hervorragenden australischen Band Lowlakes der – zumindest für meinen Geschmack – erste große Höhepunkt des Festivals. Weiter geht es im Anschluss mit dem bereits zweiten Thalia-Gardens-Stelldichein des von Brooklyn nach München ausgewanderten Songwriters Gabriel Miller Phillips, dem ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt beheimateten Soundtüftler Angela Aux sowie einem weiteren Gastspiel von Said sur la Place.

Der abschließende Festival-Samstag, 19. Juli – wiederum eröffnet von Will Samson und beschlossen von Said sur la Place – fährt dann zunächst mit dem Dänen Rolf Hansen alias Il Tempo Gigante nicht nur einen ausgezeichneten Musiker, sondern auch einen echten Sympathieträger auf, ehe auch die Literaten ihren Platz bekommen. Der mit Lob, Preisen und Stipendien überhäufte Clemens Meyer und der von zahlreichen Lesungen und Festivals als Moderator bekannte Claudius Nießen haben sich “Meyers Filmlexikon” ausgedacht und selbst die Veranstalter des Festivals scheinen nicht genau zu wissen, was das Publikum damit genau erwartet. Fest steht lediglich, dass es “Meyers Filmlexikon” später auch in Buchform geben wird. Im Anschluss daran gibt es noch einmal Musik, diesmal von den experimentierfreudigen Dresdnern Trains on Fire.

Das Wichtigste in Kürze:
Thalia Gardens Festival 2014
17. – 19. Juli 2014, jeweils 20:30 Uhr (Einlass ab 19:30 Uhr)
Thalia Kino Dresden, Görlitzer Straße 6, 01099 Dresden
Tagestickets: Do. 12,– Euro, Fr. und Sa. 15,– Euro
Wochenendticket: 35,–
alle Angaben zzgl. Gebühren; die Gebühr entfällt für den Vorverkauf im Thalia Kino
Ticket-Link: http://www.adticket.de/Thalia-Gardens-Festival.html
Hörbeispiele von allen auftretenden Musikern gibt es hier.

Zuletzt gelesen

Seit einer Weile ist es recht ruhig auf dieser Seite. Das liegt zum einen daran, dass ich im Sommer keine allzu große Lust habe, längere Zeit am Rechner zu verbringen, zum anderen aber natürlich auch an der Fußball-WM,  die meine högschde Konzentration erfordert. Ein paar Bücher habe ich in den letzten Wochen dennoch gelesen:

1) Stefan Bachmann – Die Seltsamen // Die ganze mediale Aufregung um “Die Seltsamen” hat mich neugierig gemacht, aber letzten Endes hat mich das Buch dann doch ziemlich enttäuscht. Keine Frage: Stefan Bachmann kann gut erzählen, und der Umstand, dass er diesen Debütroman im zarten Alter von 16 Jahren geschrieben hat, lässt sein Können gleich noch etwas beeindruckender erscheinen. Trotzdem hat mich “Die Seltsamen” zu keinem Zeitpunkt wirklich gepackt. Die ersten gut 200 Seiten fand ich relativ zäh und streckenweise sogar langweilig. Danach nahm die Handlung etwas mehr Fahrt auf, aber vom Hocker gerissen hat mich die Geschichte auch dann nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mich mit keiner der Figuren, die für meinen Geschmack etwas zu oberflächlich und flüchtig gezeichnet sind, so recht identifizieren geschweige denn anfreunden konnte.

2) Gerard Donovan – Winter in Maine // Ein Buch, das mich ein wenig ratlos zurückgelassen hat. Einerseits ist der belesene Eigenbrötler Julius Winsome ein interessanter Charakter, andererseits natürlich auch ein kaltblütiger Mördrr, der auf den Tod seine Hundes völlig überzogen reagiert. Insgesamt ein sprachlich sehr gelungener, kluger Roman, der leider mehr Fragen offen lässt, als er beantwortet.

3) Carlos Ruiz Zafón – Der Fürst des Parnass // Auf knapp 80 Seiten verknüpft Carlos Ruiz Zafón in dieser kunstvoll verschachtelten Erzählung die weißen Flecken im recht wenig erforschten Leben des Miguel de Cervantes mit der Vorgeschichte des “Friedhofs der vergessenen Bücher”. Das ist natürlich in erster Linie für Freundinnen und Freunde der noch nicht vollendeten Tetralogie um jene sagenumwobene Bücherei interessant, für die dieses schmale Büchlein einen echten Gewinn darstellt.

Jochen Rausch: Krieg

Krieg

Grau, regnerisch, stürmisch und wolkenverhangen: Die vergangene Woche hat alles getan, um vergessen zu lassen, dass der Sommer vor der Tür steht. Allerdings hatte das Mistwetter auch sein Gutes, denn Jochen Rauschs “Krieg” würde sich als sommerliche Liegstuhl-Lektüre ohnehin nur bedingt eignen. Protagonist des schmalen Romans ist Albert Steins, ein 50 Jahre alter Gymnasiallehrer, dessen beschauliches Leben (Ehe mit der Jugendliebe, Häuschen im Grünen und das regelmäßige Tennismatch als Höhepunkt der Woche) sich von Grund auf ändert, als sein Sohn Chris in den Afghanistan-Krieg zieht. Nach dem Eintreten des schlimmstmöglichen Falls schmeißt Albert seinen Job, zieht sich mit seinem Hund auf eine verlassene Berghütte zurück und reduziert den Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum. Doch auch in der Abgeschiedenheit ist die Ruhe nicht von Dauer: Eines Tages findet er seine Hütte von Einbrechern durchwühlt und sein geliebtes altes Radio in Trümmern vor. Als dann auch noch sein Hund angeschossen und schwer verletzt wird, weiß Albert, dass die Friedenszeiten vorbei sind und er in den Krieg gegen einen unsichtbaren Feind ziehen muss…

Mit “Krieg” ist Jochen Rausch ein ziemlich beeindruckender Roman gelungen, der ein aktuelles Ereignis gekonnt mit einem zeitlosen Thema verknüpft. In knappen Sätzen und einer fast schroffen Sprache wechseln die kurzen Kapitel bis kurz vor dem atemlosen Finale zwischen Gegenwart und der Vorgeschichte hin und her, wodurch viele offene Fragen beantwortet werden und ein großartiges Psychogramm des Albert Steins entsteht. Letzten Endes muss auch dieser anerkennen, dass die Kämpfe, die man mit sich selbst auszutragen hat, oft die unerbittlichsten und verlustreichsten sind.

Jochen Rausch: Krieg. Berlin Verlag, 224 Seiten, 18,99 Euro.

Danke an Buzzaldrins Bücher für die Empfehlung!

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter

John Green

Ich bin ein eher langsamer Leser, was an sich nicht weiter schlimm wäre, wäre da nicht diese mit der Zeit ins Unermessliche wachsende Liste der Bücher, die ich gerne noch lesen möchte. Vorausgesetzt, es kommen keine weiteren Neuzugänge mehr dazu (was extrem unwahrscheinlich ist), dürfte ich bis zu meinem 70. Geburtstag durch sein. Der langen Rede kurzer Sinn: Manchmal komme ich eben etwas später dazu, mich mit einem Roman zu beschäftigen, der mich eigentlich schon seit geraumer Zeit interessiert hat. John Greens “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” ist da nur ein Beispiel unter vielen. Angesichts des weltweiten Erfolgs des Buches wurde wahrscheinlich schon alles zur ebenso anrührenden wie vergnüglichen Geschichte von Hazel Grace Lancaster und Augustus Waters gesagt und geschrieben. Neues werde ich also nicht hinzufügen können, weshalb ich mich an dieser Stelle eben kurz halte: Auch mich hat “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” sehr begeistert. Romane, in denen Krankheit und Tod einen nicht ganz so geringen Stellenwert einnehmen, kommen ja oft ein wenig arg salbungsvoll und pathosgetränkt daher, was hier zum Glück überhaupt nicht der Fall ist. Die beiden jungen Protagonisten gehen sehr gefasst, klug und sarkastisch mit ihrem Schicksal um und John Green versteht es fast schon meisterhaft, die Handlung stets auf dem schmalen Grat zwischen “oh je, das ist so traurig” und “hurra, das ist so charmant und witzig” balancieren zu lassen. Teilweise handeln Hazel und Augustus fast schon ein wenig zu weise für ihr Alter, was neben dem Umstand, dass man kein Prophet sein muss, um schon früh zu erahnen, wie die Geschichte ausgeht, die einzige minimale Schwäche eines ansonsten uneingschränkt lesens- und liebenswerten Romans ist.

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Deutscher Taschenbuch Verlag, 336 Seiten, 9,95 Euro.
Am 12. Juni läuft Josh Boones Verfilmung des Romans in den hiesigen Kinos an. Einen Trailer gibt es zum Beispiel hier zu sehen.

PS: Im Hotel “Filosoof”, in dem Hazel und Augustus während ihres Amsterdam-Aufenthalts absteigen, habe ich auch schon einmal mehrere Nächte verbracht. Die im Buch beschriebene Winzigkeit der Badezimmer kann ich nur bestätigen, die Schönheit der Stadt hat sich mir dagegen leider nicht so ganz erschlossen. Tipp: Lieber nicht im Winter hinfahren.

Sven Regener: Magical Mystery

Magical MysteryEin Überbleibsel vom weihnachtlichen Gabentisch: Die Trilogie um Frank Lehmann habe ich mit großem Vergnügen gelesen, weshalb mir nicht ganz klar ist, warum ich mir mit “Magical Mystery” doch so lange Zeit gelassen habe. Aber sei’s drum – nun ist das Ding ja ausgelesen!

Sven Regeners vierter Roman – zwischendurch erschienen mit “Angulus Durus” (mit Germar Grimsen) und der Blogartikel-Sammlung “Meine Jahre mit Hamburg Heiner” zwei weitere Bücher – widmet sich einem Nebendarsteller aus “Herr Lehmann”, nämlich Frank Lehmanns bestem Freund Karl Schmidt, der nach mehreren durchwachten Nächten just am Tag des Mauerfalls in die Psychiatrie eingewiesen werden musste. Rund fünf Jahre sind seit diesem Vorfall vergangen und Karl, der inzwischen sein Dasein als Nachwuchskünstler in Berlin hinter sich gelassen hat, lebt in einer therapeutischen Wohngruppe für ehemalige Drogenkranke in Hamburg-Altona. Er hat allen schädlichen Suchtmitteln abgeschworen (wobei sein Kaffee-Konsum bedenkliche Ausmaße erreicht hat), beteiligt sich fleißig an den “Plenums oder Plena oder gar Plenata” von Gruppenleiter Werner und geht pflichtbewusst seiner Arbeit als Aushilfshausmeister eines Kinderheims nach.

Auf einmal aber wird Karl von seiner Berliner Vergangenheit eingeholt: Seine alten Freunde Raimund und Ferdi, als Technopioniere, Clubbetreiber und Begründer der Plattenfirma “Bumm Bumm Records” zu beträchtlichem Reichtum gekommen, planen ihren nächsten großen Coup, nämlich eine an den “Magical Mystery”-Flop der Beatles angelehnte Club-Tour. Für diese benötigen sie noch einen Fahrer, der die Horde verpeilter DJs von Auftritt zu Auftritt fahren und möglichst nüchtern bleiben soll; ein Job wie gemacht für Karl, der ja – wie Ferdi nicht müde wird zu betonen – “nichts nehmen darf”. Kurzentschlossen nimmt er an, bricht alle Regeln der Wohngruppe von “Sozpäd-Titan” Werner und stürzt sich in ein Abenteuer, das vom ersten Tag an in Chaos ausartet…

Wie die “Herr Lehmann”-Romane, auf die immer mal wieder Bezug genommen wird (deren Kenntnis aber fürs Verständnis dieses Buches nicht unbedingt nötig ist), lebt auch “Magical Mystery” weniger von der eher überschaubaren Handlung als von Sven Regeners grandios lakonischem Schreibstil. Die Charaktere sind allesamt schrullige Gestalten, zwischen denen sich immer wieder oft seitenlang herrlich sinnfreie Dialoge entspinnen. Neben dem Protagonisten selbst sind vor allem der dampfplaudernde Ferdi, gleichermaßen 68er wie Raver sowie der chronisch verwirrte DJ Schöpfi besonders liebenswert geraten. Nach den gut 500 Seiten legt man das Buch jedenfalls etwas wehmütig aus der Hand. Gut nur, dass das Ende geradezu nach einer Fortsetzung schreit und auch Frank Lehmanns weiterer Werdegang, der ganz kurz angerissen wird, sicher ebenfalls ein lesenswertes Buch abgeben würde…

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückehr des Karl Schmidt. Verlag Galiani Berlin, 512 Seiten, € 22,99.