Max Scharnigg: Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau

Jasper Honigbrod, der zu Beginn des Buches sechs Jahre alt ist und größtenteils als Erzähler durch Max Scharniggs zweiten Roman „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ führt, wächst in einer eigenwilligen Männerwirtschaft auf. Gemeinsam mit seinen beiden „Opis“ – seinem Großvater Ludwig und seinem Vater Max – lebt der Junge auf einem Einödhof namens Pildau, wo sich ein beschaulicher Tag an den nächsten reiht. Ludwig Honigbrod, Erfinder und Ingenieur, dem die beiden Weltkriege eine glänzende Karriere verbaut haben, kümmert sich um die Bewirtschaftung des Hofes, der vorwiegend vom Mangoldanbau abhängig ist. Max, der zerstreute Intellektuelle mit einer Vergangenheit an Englands besten Bildungseinrichtungen, zieht sich jeden Tag stundenlang zum Lesen in seine Bibliothek in der Scheune zurück, während Jasper durch die Gegend streunt, selbst erdachte Mutproben besteht und der unsichtbaren Schleie im Karpfenteich nachspürt. Abwechslung in den ruhigen Alltag zwischen der Gutenmorgengeschichte um den Reiseritter Robert und den in rauen Mengen getrunkenen Zuckerkaffee bringen lediglich die fast rituell begangenen Tage, an denen die Hofstange mit viel Einfallsreichtum und unter größten Mühen verlängert wird. Als Max aber eines Nachts ein kleines Mädchen aus einem brennenden Auto rettet, kurzerhand nach Pildau mitbringt und – nach dem Hersteller des Unfallwagens – Lada nennt, wird vor allem Jaspers Leben gehörig durcheinandergewirbelt…

„…es waren schöne Jahre, aber wenn ihnen das jemand gesagt hätte, sie hätten es nicht geglaubt, denn die schönen Jahre gelten immer erst in der Rückschau.“

Max Scharnigg, der bereits mit seinem schmalen Romandebüt „Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ sehr viel Freude bereitet hat, entäuscht auch mit „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ nicht. Die Charaktere sind einmal mehr ebenso liebenswert wie skurril, so dass man kaum anders kann, als sie umgehend ins Herz zu schließen und mit viel Neugierde in ihre Geschichte einzutauchen. Die Haupthandlung des Buches bleibt zwar recht überschaubar, wird aber durch mehrere Rückblicke in die Vergangenheit der Figuren um einige Facetten erweitert. Die größte Stärke des Romans ist allerdings seine wunderbar aus der Zeit gefallene und fast schon märchenhafte Sprache: Ein Betrunkener ist da „laut vom Branntwein“ und die Verstorbenen sind „verhimmelt“, um nur zwei ganz besonders schöne Einfälle anzuführen.

Ein wenig Zeit braucht es schon, um sich in der merkwürdigen Welt von Pildau und ihrer nicht minder windschiefen Bewohner einzufinden, aber wer sich darauf einlässt, wird mit ein paar gewinnbringenden, vergnüglichen Lesestunden belohnt.

Über den Autor: Max Scharnigg wurde 1980 in München geboren, wo er heute noch lebt und neben seinem Schaffen als Schriftsteller als Journalist u.a. für die Süddeutsche Zeitung und Nido arbeitet. 2011 erschien mit „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ sein Debütroman, der u.a. mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde.

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