Kevin Wilson: Das Grosse-Schwestern-Handbuch

Alltäglich ist das Personal in Kevin Wilsons Kurzgeschichtenband „Das Große-Schwestern-Handbuch. Nachschlagewerk für sensible Jungs“ ganz sicher nicht: So lernen wir etwa eine ältere Frau kennen, die als Ersatz-Großmutter für mehrere betuchte Familien arbeitet und nach einer unglaublichen Entdeckung plötzlich in einer moralischen Zwickmühle steckt. Außerdem begegnen wir einem jungen Mann, der sich und seinen Bruder nach der spontanen Selbstentzündung der Eltern als Sortierer von Scrabble-Steinen über Wasser hält und werden Zeuge, wie vier zerstrittene Brüder in einem Origami-Wettfalten um das beträchtliche Erbe ihrer verstorbenen Mutter kämpfen. In einer anderen Geschichte buddeln drei perspektivlose College-Absolventen ein gigantisches Loch und die Leiterin eines Museums für Alltagsgegenstände ist jeden Tag von so viel Kram umgeben, dass sie es kaum schafft, in ihrem eigenen Leben Besitztümer anzuhäufen oder gar menschliche Nähe zuzulassen.

So skurril und eigenwillig die elf, im Original unter dem Titel „Tunneling to the Center of the Earth“ bereits 2009 veröffentlichten Erzählungen auch ausgefallen sein mögen, haben sie doch alle gemeinsam, dass sie im Kern Familiengeschichten sind, die von ganz gewöhnlichen Gefühlen handeln, die wohl jedem aus eigener Erfahrung bekannt sein dürften: Kevin Wilsons Protagonisten sind liebenswerte Gestalten, die oft verzweifelt darum kämpfen, ihren Platz im Leben zu finden, immer wieder scheitern, sich nach Liebe und Anerkennung sehnen oder davon träumen, endlich auch einmal ein wenig Glück zu haben. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Alltäglichem und Außergewöhnlichen liegt schließlich auch – wenngleich nicht alle Geschichten wirklich zünden – die große Stärke von „Das Große-Schwestern-Handbuch. Nachschlagewerk für sensible Jungs“.

Sehr gelungen ist in der deutschen Ausgabe der Anhang, in dem Kevin Wilson die literarischen Vorbilder seiner Geschichten verrät und von den Anfängen seines Daseins als Schriftsteller berichtet:

„Ich begann mit dem Schreiben, weil ich einsam war. Ich wünschte, ich könnte erhabene, künstlerische Gründe nennen, aber in Wahrheit wollte ich geküsst werden.“

Über den Autor: Kevin Wilson wurde 1978 in Tennessee geboren, wo er mit seiner Familie auch heute wieder lebt und neben seiner Tätigkeit als Schrifsteller an der University of the South lehrt. Sein Debütroman „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ wurde im Jahr 2012 auf Deutsch veröffentlicht.

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