David Baddiel: Halb so wild

Dass David Baddiel auch Romane schreibt, war mir bisher nur ganz weit hinten im Hinterkopf bewusst – wie den meisten Menschen hierzulande ist mir der englische Komiker natürlich vor allem wegen seines Gassenhauers „Football’s Coming Home“ zur EM 1996 ein Begriff. Vor einer Weile bin ich bei Buzzaldrins Bücher auf David Baddiels mittlerweile vierten Roman „Halb so wild“ (woher der deutsche Titel kommt, kann ich beim besten Willen nicht sagen – der Originaltitel „The Death of Eli Gold“ kommt da deutlich besser auf den Punkt) aufmerksam geworden und war sofort neugierig. Die Lektüre des knapp 550 Seiten starken Buches habe ich dann auch zu keinem Zeitpunkt bereut.

Zentrale Person von „Halb so wild“ ist der 87 Jahre alte Eli Gold, größter lebender Schriftsteller der Welt und dem Tode geweiht. Seit einer ganzen Weile liegt der in fünfter Ehe verheiratete, streitbare Autor und Freund solcher Größen wie Bill Clinton und Philip Roth, in einem New Yorker Krankenhaus im Koma; wann er stirbt, ist nur noch eine Frage der Zeit. Rund um die Uhr bewacht wird er im Krankenhaus von seiner aktuellen Ehefrau Freda, was der gemeinsamen, acht Jahre alten Tochter Colette nicht ganz so sehr behagt. Einerseits möchte das altkluge Mädchen natürlich nicht Abschied von ihrem Vater nehmen, andererseits stört es sie, dass die momentane Situation so großen Einfluss auf ihren gewohnten Alltag hat. Aus London hat sich Harvey Gold, Sohn aus einer früheren Ehe, ans Sterbebett seines berühmten Vaters aufgemacht. Auch dem Mittvierziger bereitet Elis bevorstehender Tod große Bauchschmerzen, zumal die beiden seit vielen Jahren ein eher zerrüttetes Verhältnis pflegten. Harvey, ein von Selbstzweifeln und Angstzuständen geplagter Familienvater, hat es nie geschafft, als Schriftsteller aus Elis Schatten zu treten und fristet nun ein unglamouröses Dasein als Ghostwriter für leidlich populäre Prominente, deren Autobiographien er verfasst. Ebenfalls in London verfolgt Violet Gold, Elis erste Frau, in einem Altenheim die Nachrichtenlage und erinnert sich an ihr Zusammensein mit dem jungen amerikanischen Soldaten, der sie nach seinem Durchbruch als Schriftsteller hat sitzen lassen. Außerdem ist Elis ehemaliger Schwager nach New York gereist, um noch vor dem natürlichen Ableben Rache zu nehmen für den Tod seiner Schwester, für den der gläubige Mormone den Autor verantwortlich macht…

Seinen besonderen Reiz bezieht „Halb so wild“ aus dem Umstand, dass Eli Gold, die eigentliche Hauptfigur, aufgrund ihres Gesundheitszustands im Buch kein einziges Mal selbst zu Wort kommt. Durch die verschiedenen Blickwinkel, aus denen die Geschichte erzählt wird, entsteht aber trotzdem ein vielschichtiges Bild vom Charakter und der Lebensgeschichte des scheidenden Schriftstellers. Hier und da hätte David Baddiel an manchen Erzählsträngen ein wenig kürzen können, aber insgesamt gelingt es seinem Roman trotz des großen Umfangs, fast ohne jede Länge klug, humorvoll und spannend zu unterhalten. Ein überaus lesenswertes Buch – vor allem für Freundinnen und Freunde von Woody Allen und Nick Hornby!

Über den Autor: David Baddiel wurde 1964 in New York geboren, wuchs aber in London auf, wo er mit seiner Familie auch heute noch lebt. Bekanntheit erlangte er vor allem als Komiker zusammen mit seinem Kollegen Frank Skinner, später machte er sich auch als Roman- und Drehbuchautor („Alles koscher!“) einen Namen.

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