Jeannette Walls – „Die andere Seite des Himmels“

Die andere Seite des HimmelsIn einer denkwürdigen „Simpsons“-Folge steht der Schulrowdy Nelson Muntz eines Abends vor der Tür unserer gelben Lieblingsfamilie, erklärt, dass ihn seine Mutter zurückgelassen habe, um in der Großstadt den Durchbruch als Schauspielerin zu schaffen, und bricht schließlich bei der Feststellung, dass ihr Talent leider äußerst begrenzt sei, in bittere Tränen der Verzweiflung aus.

Als eine Künstlerin von ähnlich überschaubarem Talent wie Mrs Muntz darf man sich wohl auch Charlotte Holladay vorstellen, die trotz zahlloser Rückschläge und ihres immer weiter fortschreitenden Alters immer noch an den großen Durchbruch als Musikerin glaubt und dafür gerne einmal ihre beiden Töchter, die sie alleine großzieht, im Stich lässt. Als ihre Mutter die 12 Jahre alte Bean (die auch die Erzählerin des Buches ist) und deren drei Jahre ältere Schwester Liz im Sommer 1970 wieder einmal zu Hause zurücklässt, um dem Ruf eines zweifelhaften Talentsuchers zu folgen, beschließen die beiden klugen und aufgeweckten Mädchen, sich von Kalifornien mit dem Bus bis nach Virginia durchzuschlagen, wo mit ihrem Onkel Tinsley – Charlottes älterem Bruder – der einzige ihnen bekannte Verwandte lebt. In der Kleinstadt Byler und bei ihrem verwitweten Onkel, der neben seiner Frau auch der Vergangenheit als Spross einer längst im Abstieg begriffenen Webereibesitzer-Familie hinterhertrauert, lernen Bean und Liz eine ganz neue Welt kennen. Fernab von der in den schönsten Farben ausgemalten Scheinwelt ihrer Hippie-Mutter wird das beschauliche Leben in Byler von alten Familienzwisten, der Sorge um die im Vietnamkrieg kämpfenden Söhne der Stadt, Vorbehalte gegen die zunehmenden Rechte der schwarzen Bevölkerung und der innigen Liebe zum Football-Team der örtlichen Highschool geprägt. Außerdem lernen Bean und Liz auf die unangenehme Art und Weise, dass es nicht ratsam ist, sich mit dem großspurigen und wegen seines aufbrausenden Temperaments in der ganzen Stadt gefürchteten Mr Maddox anzulegen…

Mit „Die andere Seite des Himmels“ ist der 1960 in Phoenix, Arizona geborenen Jeannette Walls ein sehr lesenswertes Portrait zweier ebenso gewöhnlicher wie besonderer Mädchen und gleichzeitig eine genaue Beschreibung des Kleinstadt-Amerikas der frühen 70er Jahre gelungen. Einige Szenen des Romans sind zwar ein wenig vorhersehbar ausgefallen, was aber die Lesefreude nur ganz geringfügig trübt, denn Jeannette Walls versteht es meisterhaft, liebenswerte Charaktere zu zeichnen, Spannungsbögen aufzubauen und ihre an sich eher ernsthafte Geschichte mit leisem Humor zu würzen. Ich hatte mit „Die andere Seite des Himmels“ viel Spaß und habe mir am Ende gewünscht, noch länger am Leben von Liz, Bean und all den anderen Bewohnern von Byler teilhaben zu dürfen.

„Die andere Seite des Himmels“ ist bei Hoffmann & Campe erschienen, wurde von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel ins Deutsche übersetzt und kostet 19,99 Euro.- Weitere Bücher von Jeannette Walls: „Schloss aus Glas“ (2005), „Ein ungezähmtes Leben“ (2010).

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