Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Eine schummrige Buchhandlung, kauzige Charaktere, eine unterirdische Bibliothek, ein jahrhundertealter Geheimbund und ein vertracktes Rätsel. Kurzum: Robin Sloans Debütroman „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ hat fast alles, womit man mich begeistern kann.

Penumbra

Aber von Anfang an: Der junge Webdesigner Clay Jannon, nach der Pleite seines allzu ambitionierten Arbeitgebers ohne Beschäftigung, stolpert durch Zufall auf einem seiner Streifzüge durch San Franciscos nicht ganz so vornehme Ecken in eine staubige Buchhandlung, die von einem alten Zausel namens Ajax Penumbra geleitet wird. Seltsam hingerissen von diesem aus der Zeit gefallenen Ort, nimmt Clay einen Aushilfsjob in dem durchgehend geöffneten Laden an. Während der langen, ereignislosen Nachtschichten fällt ihm auf, dass Penumbras Buchhandlung offenbar zwei Geschäftsfelder umfasst: Neben dem schlecht gehenden Antiquariat, in das sich kaum jemals ein Kunde verirrt, gibt es noch eine Art Bibliothek, in der sich Gestalten, die noch sonderbarer sind als Penumbra selbst, mit großer Aufregung vergilbte alte Bücher ausleihen, um mit ihnen zu „arbeiten“.

Ist es ein Buchklub? Wie wird man Mitglied? Zahlt hier jemand auch irgendwann mal Beitrag?
So etwas frage ich mich, wenn ich allein hier sitze, nachdem Tyndall oder Lapin oder Fedorov gegangen sind. Tyndall ist wahrscheinlich der Schrägste, aber sie sind alle ziemlich schräg: Alle ergrauend, besessen, anscheinend aus einer anderen Zeit oder einer anderen Welt importiert.

Obwohl es ihm eigentlich streng untersagt ist, wirft Clay auf Drängen eines Freundes einen Blick in die von Penumbra liebevoll „Ladenhüter“ genannten Bände und entdeckt ein unverständliches Kauderwelsch, hinter dem er eine Art Code vermutet. Aus Neugierde und wohl auch, um die attraktive Google-Mitarbeiterin Kat zu beeindrucken, macht sich Clay daran, ein System in das Chaos der Ladenhüter-Abteilung zu bringen. Die Entdeckung, die er dabei macht, scheint seinen Chef gleichermaßen zu begeistern wie zu entsetzen.

In Penumbras Mikromuskeln zittert es. So in nächster Nähe zu ihm wird mir wieder bewusst, dass er tatsächlich sehr, sehr alt ist.
„Google“, haucht er. Es folgt eine lange Pause. „Wie kurios.“ Er richtet sich auf. Er hat einen höchst seltsamen Gesichtsausdruck – die emotionale Entsprechung zu ERROR: 404 NOT FOUND.

Als Penumbra daraufhin fluchtartig die Stadt verlässt, folgen Clay, Kat und der StartUp-Gründer Neel dem alten Mann nach New York, wo sie auf die „Gemeinschaft des Ungebrochenen Buchrückens“ treffen, die ein jahrhundertealtes Geheimnis hütet…

„Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ hat mich ähnlich in ihren Bann geschlagen wie Carlos Ruiz Zafóns Werke um den Friedhof der vergessenen Bücher. Obwohl die Handlung von Robin Sloans Erstling im Hier und Jetzt angesiedelt ist und weit weniger mystische Elemente enthält als die Romane des Spaniers (dafür aber einige Anleihen aus Fantasy-Romanen für jüngere Leser), nimmt auch hier die Faszination, die noch immer vom gedruckten Wort ausgeht, eine zentrale Stellung ein. Letzten Endes löst Clay das große Rätsel, an dem eine ganze Armada hochgerüsteter Technik-Freaks gescheitert ist, mit einem simplen Kniff und genauer Beobachtungsgabe – ein Beweis dafür, dass das Analoge auch in unserer Zeit manchmal die bessere Wahl ist.

Ein kluges, spannendes und liebenswertes Buch, das ich mit viel Freude gelesen habe. Eben genau das richtige Buch, genau zur rechten Zeit.

Ein Mann hastet eine dunkle, einsame Straße entlang. Schnelle Schritte und schwerer Atem. Staunen und verzweifelte Erwartung. Ein Glöckchen über einer Tür und das Bimmeln, das es von sich gibt. Ein Verkäufer und eine Leiter und ein warmes, goldenes Licht, und dann: genau das richtige Buch, genau zur rechten Zeit.

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra. Blessing Verlag, 352 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

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2 Kommentare zu „Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

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