Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden

Ein leicht philosophisch angehauchter Roman über einen Mann, der nach einer bitteren Trennung wieder zurück in die Spur finden möchte, oder ein modernes Märchen, das letzten Endes mehr Fragen offen lässt, als es beantwortet? „Wunderlich fährt nach Norden“ von Marion Brasch ist wohl beides.

Wunderlich

Herr Wunderlich, Mittvierziger, gescheiterter Bildhauer und nun freier Zeichenlehrer, führt ein sehr überschaubares und geordnetes Leben. Dieses wird allerdings in seinen Grundfesten erschüttert, als ihn seine Freundin Marie aus heiterem Himmel verlässt. Noch gezeichnet vom ersten Schock über diese Trennung, erhält Wunderlich eine anonyme SMS, die ihn auffordert, nach vorne zu blicken und weiterzumachen. Er glaubt an einen Irrläufer oder einen schlechten Scherz, doch die Verfasserin oder der Verfasser der Nachricht meldet sich immer wieder und scheint obendrein jede Menge über Wunderlichs Leben und das Schicksal vieler anderer Menschen zu wissen.

„Wer zum Teufel bist du?“
Sag ich nicht.“Aber du mischst dich in mein Leben ein, da hab ich ja wohl ein Recht darauf zu erfahren, wer du bist!“
Kann schon sein, aber ich sag’s dir trotzdem nicht.
„Aber was willst du von mir?“
Weiß ich noch nicht.

Aus irgendeinem Grund hält er sich an die Aufforderung der ersten SMS von Anonym und beschließt, sich erst einmal eine Auszeit zu gönnen und zu verreisen. Nach Norden soll es gehen, ohne genaues Ziel und ohne gründliche Planung.

Die Reise findet allerdings ein jähes Ende, als Wunderlich wegen eines abgelaufenen Ausweises seinen Zug verlassen muss und an einem verlassenen Bahnhof strandet. Dort trifft er auf Finke, einen etwas windschiefen Tagedieb, mit dem er schnell eine Art Freundschaft schließt – vielleicht auch, weil er ähnlich verloren wirkt wie er selbst. Auch hier meldet sich die allwissende Stimme wieder und warnt, Finke käme unter die Räder, wenn Wunderlich ihn jetzt alleine ließe. Die Vorhersage scheint einzutreffen, denn kurz nachdem Wunderlich beschlossen hat, weiterzuziehen, ist Finke spurlos verschwunden. Gemeinsam mit der jungen Toni und dem „Schönen Ringo“, einem ortsansässigen Kneipier, versucht er erfolglos, Finke wieder ausfindig zu machen. Der Wunsch, weiter nach Norden zu reisen, gewinnt aber schnell die Oberhand und als er schließlich in das Dorf von Finke, Toni und Ringo zurückkehrt, ist alles anders…

Wunderlich war der verwirrteste Mensch, den er kannte. Er kannte zwar nicht viele Menschen, doch was spielt das für eine Rolle, wenn das Wirrwarr größer ist als man selbst.

Marion Braschs zweiter Roman kombiniert die durchaus realistische Geschichte eines Mannes auf der Suche nach einer Luftveränderung geschickt mit diversen märchenhaften Elementen: Neben dem scheinbar allwissenden SMS-Versender tauchen Figuren auf, die nur Wunderlich sehen kann, stillgelegte Bahnhöfe erwachen wieder zum Leben und eine seltsame Substanz namens „Blauharz“, die körperliche und seelische Verletzungen heilt und obendrein die Erinnerungen an deren Ursprung auslöscht, kommt zum Einsatz.

 

Erklärungen für all das findet man als Leserin oder Leser nicht bzw. höchstens in sanften Andeutungen. Dementsprechend ratlos und verwirrt blieb ich auch nach den letzten Sätzen des Buches zurück. Ein Freund offener Enden bin ich in der Regel nicht, aber bei „Wunderlich fährt nach Norden“ hat mich der Schluss nicht weiter gestört. Vielleicht ja, weil der Titel schon wunderliche Dinge verspricht. Vielmehr aber, weil Marion Brasch hier eine schöne und vor allem sprachlich sehr ansprechende Geschichte gelungen ist, die ich gerne gelesen habe.

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden. S. Fischer Verlag, 288 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

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In den kommenden Wochen liest Marion Brasch viele Male aus „Wunderlich fährt nach Norden“. Alle Termine findet Ihr HIER.

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3 Kommentare zu „Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden

  1. Hallo Christoph,

    ich freue mich, dass dir der Roman scheinbar ähnlich gut gefallen hat, wie mir. Auch ich bin eigentlich kein Fan offener Enden oder vielen Lücken und Leerstellen. Bei diesem Roman passt für mein Empfinden aber alles zusammen.

    Sonnengrüße
    Mara

    1. Hallo Mara,

      das stimmt auf jeden Fall, dass bei diesem Buch alles zusammenpasst. Ich glaube, das ist auch das, was mir an „Herrn Wunderlich“ am besten gefallen hat – die Sprache, die märchenhaften Elemente und die gesamte Grundstimmung des Romans.

      Eine schöne Woche,
      Christoph

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