Heinrich Steinfest: Der Allesforscher

Mit „Der Allesforscher“ hat Heinrich Steinfest, der sich in der Vergangenheit vor allem als Autor von Kriminalliteratur einen Namen gemacht hat, einen gleichermaßen faszinierenden wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der zu Recht auf der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis gelandet ist.

Allesforscher

Sixten Braun ist ein erfolgreicher Jungmanager, der als Asien-Experte eines US-Konzerns die Regeln der globalen Kapitalismus bestens verinnerlicht hat und damit recht gut lebt.

Ich bin kein Zyniker. Zynisch sind die, die allen Ernstes meinen, an einem Computer zu arbeiten, auf dem ein angebissener Apfel klebt, sei irgendwie wohltätig. Oder Nudeln zu essen, in denen kein Ei steckt. Als seien solche Nudeln vom lieben Gott persönlich vorgekaut worden.

Auf einer seiner Geschäftsreisen in Taiwan beginnt allerdings eine Kette von Ereignissen, die sein Leben nachhaltig auf den Kopf stellt: Arglos an einer Straßenecke stehend, wird Sixten von den umherfliegenden Innereien eines explodierenden Pottwals (!) für ein paar Tage ins Koma geschickt. Kaum genesen, beginnt er – trotz Verlobung – eine Affäre mit der geheimnisvollen, ebenfalls aus Deutschland stammenden Ärztin Lana, nur um wiederum wenige Tage später auf einer Reise nach Japan als einziger Passagier einen Flugzeugabsturz zu überleben. Auch in den folgenden Jahren kommt das aufregende Leben des jungen Mannes nicht zur Ruhe: Seine Ehe scheitert ebenso wie die Managerkarriere nach wenigen Jahren und die von ihm immer noch vergötterte Lana stirbt an einem Gehirntumor.

Und es war ja auch gar nicht der Flugzeugabsturz gewesen, der mir die Fähigkeit zum Angsthaben beschert hatte, sondern meine Liebe zu Lana. Wer wirklich liebt, fürchtet natürlich um diese Liebe. Das ist etwas anderes, als im Aktiengeschäft Geld zu verlieren. Angst um die Liebe und Angst um die Kinder, das ist fundamental.

Mit dem Umzug nach Stuttgart, der Umschulung zum Bademeister und der Wiederaufnahme seiner alten Leidenschaft Hürdenlauf scheint schließlich ein wenig Normalität einzukehren, bis Sixten urplötzlich die Nachricht erhält, dass er offenbar einen Sohn mit Lana gezeugt hat, der nun sieben Jahre alt ist und nach dem Tod der Mutter und einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung der Pflegemutter nur noch ihn hat. Obwohl Sixten beim ersten Anblick des kleinen Simon sicher ist, dass es sich bei dem asiatischen Jungen ganz sicher nicht um seinen leiblichen Sohn handeln kann, willigt er ein, ihn zu adoptieren. Dass sich Simon nur in einer völlig unbekannten Sprache verständigen kann und obendrein – wie Sixtens Schwester Astri, die in jungen Jahren beim Bergsteigen ums Leben gekommen ist – fanatisch vom Klettern begeistert ist, macht Vater-Sohn-Beziehung jedoch nicht einfacher…

Zugegebenermaßen ist mir der Einstieg ins Buch trotz einiger sehr geschickter Kniffe nicht ganz leicht gefallen. Mit zunehmender Dauer fand ich allerdings immer mehr Gefallen an dem teilweise fantastisch anmutenden, aber durchaus nicht unrealistischen Szenario, das Heinrich Steifest für seine sympathisch-verschrobenen Charaktere entwirft. Das etwas konstruiert wirkende und recht rätselhafte Finale des Romans hat mich dann jedoch wieder ein wenig ratlos zurückgelassen, wobei mich die Art und Weise, wie sich am Ende die losen Stränge der Handlung zusammenfügen, doch sehr versöhnlich gestimmt hat. Ich habe den „Allesforscher“ gerne gelesen, diesen klugen, streckenweise sehr philosophischen Roman mit vielen außergewöhnlichen Einfällen und sanftem Humor.

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher. Piper Verlag, 400 Seiten, € 19,99. // {Leseprobe}

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Heinrich Steinfest liest an folgenden Terminen aus „Der Allesforscher“: 19.9. Stuttgart – Stadtteilbibliothek Stuttgart-Neugereut, 25.9. Ditzingen-Schöckingen – Altes Rathaus Schöckingen, 5.10. Darmstadt – Stadtkirche, 3.11. Schwabach – Alte Synagoge (Lesart Schwabach).

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