Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten

Ein ganzes Weilchen hat es gedauert, bis es Jess Walters „Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten“ zu uns geschafft hat. Während der in den USA im Jahr 2012 erschienene Nachfolger „Schöne Ruinen“ bereits als Taschenbuchausgabe vorliegt, brauchte es beim erstmals 2009 veröffentlichten Wirtschaftskrisenroman gut fünf Jahre bis zur deutschen Übersetzung.

Jess WalterProtagonist des Buches ist der Mittvierziger Matt Prior, der mit seiner Familie schon immer ein wenig über seine Verhältnisse gelebt hat. Solange er als Wirtschaftsjournalist bei einer Lokalzeitung ein relativ sicheres Auskommen hatte, waren die monatlichen Zinsrückzahlungen für das viel zu große Eigenheim und die Kosten für die Privatschule der beiden Söhne zumindest halbwegs bezahlbar, doch als er seinen Job zugunsten einer äußerst fragwürdigen Geschäftsidee (eine Website, die – und das ist wohl der brillanteste Einfall dieses Romans – lyrisch verpackte Anlagetipps, so genannte „Finanzpoesie“, verbreitet) hinschmeißt, bricht das ohnehin schon auf tönernen Füßen stehende Finanzkonstrukt der Familie Prior, auch bedingt durch die in den USA grassierende Wirtschaftskrise, vollends zusammen. Die laufenden Kosten können nicht annähernd bedient werden, der Schuldenberg wächst in atemberaubender Geschwindigkeit und Matt, dessen Ehe mit Lisa zudem von einem Tiefpunkt zum nächsten schlittert, bleiben nur noch wenige Tage Zeit, um die letzte Hypothekenrate von gut 30.000 Dollar zu bezahlen, um zumindest nicht auch noch das Haus zu verlieren. Als er schließlich auf dem Parkplatz eines Supermarktes zufällig die Bekanntschaft einiger zwielichtiger Kiffer und Kleindealer macht, keimt bei Matt, der ein echtes Händchen für unglückliche Entscheidungen zu haben scheint, ein abwerwitziger Plan zur Lösung seiner angespannten Situation auf.

Dass sich eigentlich grundanständige Personen in kriminelle Machenschaften verstricken, um einer wie auch immer gearteten Notlage zu entgehen, kennt man schon aus zahlreichen Büchern, Filmen und TV-Serien („Weeds“, „Breaking Bad“ etc.) – insofern ist der Plot von „Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten“ nicht wahnsinnig originell, und auch von einer langsam auseinanderbrechenden Familie der US-Mittelschicht hat man schon ziemlich oft gelesen. Neues serviert Jess Walter seinen Leserinnen und Lesern also wahrlich nicht, aber dennoch lohnt sich die Lektüre des vielleicht ein wenig zu lang ausgefallenen Romans. Das Personal, allen voran natürlich der arg verpeilte Matt, aber auch der fast schon bemitleidenswerte Marihuana-Baron Monte und Matts dementer Vater, der sich andauernd über bärtige Football-Spieler und „Trockenfleisch-Geschnetzeltes“ auslässt, ist ziemlich liebenswert. Außerdem gelingt es Jess Walter, die amerikanische Finanzkrise sarkastisch zu kommentieren, ohne die beängstigenden Folgen ins Lächerliche zu ziehen.

Offenbar ist Nick Hornby ein großer Fan der Romane Jess Walters – kein Wunder, denn vom ganzen Tonfall her sind sich die beiden Autoren nicht ganz unähnlich. Wer also Freude an den Büchern des Engländers hat, darf bei „Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten“ getrost zugreifen.

» Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten. Blessing Verlag, 384 Seiten, € 19,99. // Schöne Ruinen. Heyne Verlag, 464 Seiten, € 9,99.

» Nick Hornbys neuer Roman „Funny Girl“ erscheint im November. Ein Veröffentlichungstermin der deutschen Übersetzung ist noch nicht bekannt.

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