Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek

Die unheimliche Bibliothek


Ein gewöhnlicher Bibliotheksbesuch sollte es werden für den jungen Erzähler dieser Kurzgeschichte — ein paar Bücher zurückgeben, ein paar neue ausleihen. Diesmal ist allerdings nichts so wie all die anderen Male zuvor, denn der Junge wird bereits erwartet von einem offenbar fast allwissenden, kauzigen Bibliothekar. Die anfängliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Alten schlägt allerdings schon schnell ins Gegenteil um: Mit drohenden Worten führt er den Protagonisten der Erzählung in ein Kellerverlies, das von einem geheimnisvollen Schafsmann bewacht wird. Einen Monat, so der Bibliothekar, solle der Junge in diesem Verlies bleiben, drei dicke Wälzer auswendig lernen und sich dann einer Prüfung unterziehen, die über seine Freilassung entscheidet. Der Schafsmann aber, ein sanftmütiger Geselle, der sehr unter dem herrischen Alten leidet, weiß, dass dem jungen Gefangenen ein ganz anderes Schicksal droht…

„Die unheimliche Bibliothek“ ist eine düstere, kafkaeske Erzählung, in der Haruki Murakami meisterhaft die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischt. Welche der Ereignisse wirklich geschehen sind, und was sich der Junge nur eingebildet hat, bleibt bis zum Ende und darüber hinaus unklar. Ist der Schafsmann ein Trugbild oder existiert das stumme Mädchen, das dem Gefangenen stets ausgewählte Köstlichkeiten in die Zelle bringt, nur in den Gedanken des verschreckten Bücherwurms? Schwer zu sagen. Viel leichter fällt da schon die Feststellung, dass „Die unheimliche Bibliothek“ eine sehr kurzweilige Lektüre darstellt — natürlich auch dank der stimmungsvollen Illustrationen von Kat Menschik, die zuvor bereits die Murakami-Erzählungen „Schlaf“ und „Die Bäckereiüberfälle“ visuell untermalt hatte.


Mitte November erscheint „Die unheimliche Bibliothek“ als günstige Taschenbuchausgabe bei Dumont. Kat Menschik illustrierte zuletzt „Kalevala – Eine Sage aus dem Norden“, Tilman Spreckelsens bei Galiani Berlin veröffentlichte Nacherzählung des finnischen Nationalepos.


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