Stephanie Bart: Deutscher Meister

Deutscher Meister


Viel Lob von allen Seiten hat die in Berlin lebende Autorin Stephanie Bart in diesem Herbst bereits für ihren zweiten Roman „Deutscher Meister“ eingeheimst. Zu Recht, denn das in der Zeit unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten spielende Buch erzählt nicht nur ein weiteres der vielen traurigen Einzelschicksale dieser Jahre, sondern zeigt am Beispiel des Boxsports eindrucksvoll, wie die menschenverachtende Ideologie der Nazis — teils eher subtil, teils mit brutaler Gewalt — Einzug in den Alltag erhielt.

Berlin, 1933: Der Erste Vorsitzende des Verbandes Deutscher Faustkämpfer ist außer sich vor Begeisterung, als er erfährt, dass Hitler ein glühender Verehrer des Boxens ist und verkündet, alle deutschen Jugendlichen sollten in dieser besonders edlen Kampfkunst unterrichtet werden. Sofort sieht der recht blasse und nicht besonders durchsetzungsstarke Funktionär endlich seine große Chance gekommen und setzt die Leitlinien der neuen Machthaber von jetzt auf gleich rigoros um. Alle jüdischen Kämpfer, Trainer und Promoter werden sofort aus dem Verband ausgeschlossen, was das zu diesem Zeitpunkt ohnehin am Boden liegende deutsche Berufsboxen für die Zuschauer aber gleich noch unattraktiver macht. Eines der wenigen Zugpferde bleibt Johann Rukelie Trollmann, der — sehr zum Verdruss des Ersten Vorsitzenden — ein Sinto ist. Da der populäre „Zigeuner“ nicht so leicht aus dem Weg geschafft werden kann, bekommt Trollmann schließlich einen Titelkampf zugesprochen, bei dem ihm sein Gegner Adolf Witt die Grenzen aufzeigen und der Öffentlichkeit zudem die Überlegenheit des „arischen Boxens“ eindrucksvoll vor Augen führen soll. Allerdings geht auch dieser Plan nicht auf, da Witt nach den kruden Trainingseinheiten seines nach den Erkenntnissen der nationalsozialistischen Rassenlehre arbeitenden Coaches Haymann in einer beklagenswerten körperlichen Verfassung ist und von Trollmann — der im Ring in etwa so auftritt wie später der große Muhammad Ali — nach allen Regeln der Kunst so sehr vorgeführt wird, dass es an seinem klaren Sieg nicht einmal mit zweifelhaften Punktrichterurteilen etwas zu rütteln gibt. Dass die Anhänger der neuen Ideologie zwar immer gerne mit großen Worten von Ehrhaftigkeit zur Stelle sind, diese Tugenden im Falle einer Niederlage jedoch sehr schnell über Bord werfen oder ins Absurde verkehren, muss der Siegreiche allerdings nur allzu schmerzlich erfahren:

Im Ring hatte Trollmann die Geschichte auf seiner Seite, aber außerhalb der Seile bekämpfte ihn die Gegenwart, in der die Dümmeren sich aufmachten, über Schwächere zu siegen.

Stephanie Bart erzählt die sich über wenige Monate erstreckende Handlung des Romans in einer nüchternen, fast berichtshaften Sprache, was jedoch nicht dazu führt, dass „Deutscher Meister“ eine langatmige und trockene Lektüre wäre. Im Gegenteil: Trotz der teils sehr ausführlichen Darstellungen liest sich das knapp 400 Seiten starke Buch ungemein spannend. Letzten Endes liegt die große Stärke dieses äußerst lesenswerten Romans wohl vor allem darin, dass er es schafft, seinen Leserinnen und Lesern ein ernsthaftes, sehr bedrückendes Thema (allein der Schrecken, der einen befällt, wenn beschrieben wird, wie sich ein paar Bekannte zur Bücherverbrennung verabreden, als würde es sich dabei um einen netten Abend in der Kneipe handeln…) kurzweilig und ohne erhobenen Zeigefinger nahezubringen.

Für Johann Rukelie Trollmann stellte der aberkannte Meistertitel erst den Auftakt zu einer ganzen Reihe betrüblicher Ereignisse dar, die mit seiner Ermordung in einem Außenlager des KZ Neuengamme im Jahr 1944 ihr trauriges Ende fanden. Dass man sich nach Jahrzehnten des Vergessens nun wieder an ihn erinnert, ist nicht zuletzt Eike Besudens 2013 erschienenem Film „Gibsy“ und Stephanie Barts Roman zu verdanken.


Stephanie Bart: Deutscher Meister. Hoffmann & Campe Verlag, 384 Seiten, 22 Euro.

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