Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge

Advent im Hochgebirge

Wenn ein Fest bevorsteht, machen sich die Menschen dazu bereit, jeder nach seiner Weise.

Zu „meiner Weise“ der Einstimmung auf das Weihnachtsfest gehört sein ein paar Jahren stets die Lektüre von „Advent im Hochgebirge“ — meist begleitet von Plätzchen und Kaffee. Benedikt, der Protagonist der 1936 erstmals auf Deutsch erschienenen Erzählung (interessanterweise wurde die Geschichte in Dänemark, der Wahlheimat des Verfassers, erst ein Jahr später veröffentlicht, in Island fand sie noch später den Weg in die Buchläden) des großen isländischen Schriftstellers Gunnar Gunnarsson, bereitet sich dagegen auf deutlich unbequemere, aber auch edlere Art auf die bevorstehenden Festtage vor: Seit vielen Jahren zieht es den Eigenbrötler immer zu Beginn der Adventszeit in die Berge, wo er verloren gegangene Schafe einsammelt und so vor dem sicheren Tod bewahrt. Auch diesmal wieder bricht der wortkarge, mittlerweile nicht mehr ganz junge Einzelgänger — begleitet nur von seinem Hund Leo und dem Hammel Knorz — zu seiner Adventswanderung auf, in diesem Jahr bleibt ihm aber nicht einmal Zeit für eine kurze Einkehr auf einem der letzten Einödhöfe. Die Wolken am Himmel künden nämlich von Schneefall und Benedikt möchte unbedingt sein Lager aufgeschlagen haben, wenn der Sturm losbricht. Überflüssig zu erwähnen, dass man als Leserin oder Leser zu diesem Zeitpunkt natürlich längst ahnt, dass es doch recht eng werden könnte für das ungleiche Trio…

„Advent im Hochgebirge“ ist mir im Laufe der Zeit doch sehr ans Herz gewachsen. Gunnar Gunnarsson erzählt die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte, die angeblich Ernest Hemingway zum Schreiben von „Der alte Mann und das Meer“ inspiriert hat, in einem ruhigen Tonfall und mit kargen, aber oft sehr poetischen Worten. Wie man im klugen Nachwort des isländischen Schriftstellers Jón Kalman Stefánsson (dessen Romane — allen voran „Der Schmerz der Engel“ — ich ebenfalls nur sehr empfehlen kann) lernt, kursieren allerlei sehr gebildete Interpretationen zu dieser Erzählung. Letzten Endes kann man Benedikts Adventswanderung aber so lesen, wie man möchte. Sei es, als Kampf eines Menschen mit den unberechenbaren Naturgewalten, als fast biblisch anmutendes Gleichnis der Nächstenliebe oder meinetwegen auch als Plädoyer dafür, sich in brenzligen Situationen erst einmal einen Kaffee zu genehmigen, wird das braune Getränk im Laufe der Geschichte doch einige Male ausgiebig gelobt.

Was Kaffee ist, weiß nur, wer ihn in einer Höhle unter der Erde getrunken hat, bei 30 Grad Kälte und inmitten einer Wüste von Unwetter und Bergen.

Damit ein schönes erstes Adventswochenende!


Gunnar Gunnarsson – Advent im Hochgebirge, ins Deutsche übertragen von Helmut de Boor, Reclam Verlag, 103 Seiten, ISBN 978-3-15-018633-6, 3 Euro.


Advertisements

6 Kommentare zu „Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s