Von Schnecken und Krankheiten

Schneckenforscher

Dafür, dass Schnecken — neben Ratten und Spinnen — nicht gerade zu meinen Lieblingstieren gehören, habe ich mich in den letzten Wochen doch recht ausgiebig mit ihnen beschäftigt. Allerdings muss ich gestehen, dass mir die literarische Auseinandersetzung mit den schleimigen Tieren nach wie vor deutlich lieber ist als die Begegnung mit ihnen in freier Natur. Kaum ein Gedanke lässt mich nämlich so sehr schaudern wie der, eines Tages barfuß auf eine Nacktschnecke zu treten…

Aber wie dem auch sei, vom ersten „Schnecken-Buch“ habe ich vor einer Weile bei Buzzaldrins Bücher zum ersten Mal gehört und als „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ wenig später in der Bücherei vor mir stand, griff ich ohne Zögern zu. Kein Fehler, denn die Geschichte, die Elisabeth Tova Bailey darin erzählt, ist ebenso spannend wie berührend. Von einer mysteriösen Krankheit lange Zeit ans Bett gefesselt, verliert die amerikanische Journalistin und Biologin nach und nach jegliche Lebenslust, bis ihr eine Freundin ein Ackerveilchen schenkt, an dem sie eine kleine Schnecke entdeckt. Mit der Zeit wird das unscheinbare Tierchen nicht nur zu einer willkommenen Ablenkung und einem interessanten Forschungsobjekt, sondern auch zu einem treuen Begleiter, der der Patientin neuen Mut macht. Das mag sich nun ein wenig kitschig anhören, aber Elisabeth Tova Bailey, deren Buch insgesamt eher eine leicht und kurzweilig zu lesende Kulturgeschichte der Schnecke als sonst etwas ist, verzichtet nämlich zum Glück auf salbungsvolle Worte und platte, an Kalendersprüche erinnernde Lebensweisheiten — und genau das macht diesen schmalen Band zu einer gewinnbringenden Lektüre.

Ich hätte mir niemals träumen lassen, was mich durch das vergangene Jahr gebracht hat: eine Waldschnecke und ihre Nachkommen — ohne sie hätte ich es, glaube ich, wirklich nicht geschafft. Zu beobachten, wie ein anderes Geschöpf seinem Leben nachgeht … gab auch mir, der Beobachterin, einen Daseinszweck.


Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen. Piper Verlag, 176 Seiten, ISBN 978-3-492-30237-1; 8,99 Euro.


Mehrmals lobend erwähnt wird bei Elisabeth Tova Bailey Patricia Highsmiths Kurzgeschichtensammlung „Der Schneckenforscher“, die ich mir gleich im Anschluss zu Gemüte geführt habe. In zwei der elf zwischen 1941 und 1966 entstandenen Stories spielen die Weichtiere eine nicht unerhebliche Rolle — allerdings auf höchst unterschiedliche Weise. Während „Auf der Suche nach Soundso Claveringi“ in der Welt der Phantastik anzusiedeln ist, ist die Titelgeschichte deutlich subtiler augefallen, wird dem Protagonisten hier doch eine anfangs harmlose, sich später aber ins Wahnhafte steigernde Faszination für Weinbergschnecken letzten Endes zum Verhängnis. Auch die übrigen neun Erzählungen leben allesamt von ihren nervlich arg mitgenommenen Charakteren, deren Alltag wie ein ungebremster Güterzug auf die Katastrophe zusteuert. Leise und ohne große Knalleffekte, aber mit stetig wachsender Beklemmung gelingt Patrica Highsmith im „Schneckenforscher“ etwas, was sich bei mir während der Lektüre von Kurzgeschichten nur sehr selten einstellt: Ich hatte tatsächlich sehr große Freude am Lesen.


Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher. Diogenes Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-257-23423-7; 8,90 Euro.

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Ein Kommentar zu „Von Schnecken und Krankheiten

  1. Schneckis sind schon was Tolles! Zu Highsmith gibt es die Anekdote, dass sie auf einer Party erschien mit einem Salatkopf in der Handtasche, in dem es sich Hunderte Schnecken Wohl ergehen ließen, sodass man ihr Schmatzen nicht überhören konnte.

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