Verloren im Wald

Friends

Zu den bizarrsten Enthüllungen, die im Zuge der Ermittlungen um die NSU-Mordserie ans Licht kamen, darf wohl die Feststellung gewertet werden, dass zwei Polizisten, einer davon ein direkter Vorgesetzter der vom NSU ermordeten Michele Kiesewetter, jahrelang Mitglieder eines deutschen Ablegers des Ku-Klux-Klan gewesen sind. Einer Vereinigung also, die der Normalbürger mit den amerikanischen Südstaaten und längst vergangenen, dunklen Tagen der Rassentrennung in Verbindung bringt und deren letzte Nachfolger man wohl eher unter ewig gestrigen US-Waffennarren vermutet als in der baden-württembergischen Provinz. Ähnlich seltsam wie die Enthüllung selbst dürften dann auch die Vernehmungen der beiden Polizeibeamten gewesen sein, die zu Protokoll gaben, gar nicht gewusst zu haben, dass es sich beim Ku-Klux-Klan um einen im Kern rassistischen Geheimbund handelte und sich überdies über die aus ihrer Sicht wenig durchdachte Organisation der Treffen beklagten.

Genau an diesem Punkt setzt „Friends“ an, das Comic-Debüt des an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg studierenden Jan Soeken. Auf knapp 40 Seiten begleiten die Leserinnen und Leser die beiden Polizisten Thomas und Hermann auf dem Weg zu einem Gruppentreffen des baden-württembergischen Ku-Klux-Klan. Da die Wegbeschreibung des Klan zum Treffpunkt äußerst dürftig ausgefallen ist und die beiden Neu-Mitglieder zudem ihr GPS-Gerät zu Hause vergessen haben, gestaltet sich der Marsch durch den Wald als äußerst unschön. Dass die beiden dann auch noch ihre Roben samt Kapuze tragen müssen, macht vor allem dem labilen Thomas schwer zu schaffen. Als sie mitten im Wald auf einen verlassenen Zwinger mit einem angeketteten Hund treffen, wird die Freundschaft endgültig auf die Probe gestellt — sehr zum Verdruss des dominanten Hermann:

Wie du dich wieder aufführst, solltest dich mal sehen! Erst willst du was ändern, willst zum Klan. Dann kommt irgendein Köter und die Mütze ist zu heiß. Du hast den Biss wieder nicht. Weißt nicht, was du willst.

Besonders viel passiert in „Friends“ wahrlich nicht und auch die schlichten, teilweise fast kindlich wirkenden Bleistiftzeichnungen sind nicht unbedingt ein optischer Hochgenuss, aber dennoch liest man Jan Soekens schmalen Band mit Gewinn. Zwei Freunde, wahrscheinlich Rassisten oder zumindest sehr empfänglich für Parolen vom rechten Rand, irren planlos durch den Wald und bekommen sich in die Haare. Mit hintergründigem Witz und einem feinen Gespür für die Absurdität der seiner Geschichte zu Grunde liegenden wahren Begebenheit zeigt Jan Soeken an einem aktuellen Beispiel, dass das Böse — ganz wie von Hannah Arendt einst behauptet — hin und wieder eben doch ganz banal und unspektakulär daherkommt.


♦ Jan Soeken: Friends. avant-verlag, 48 Seiten, ISBN 978-3-945034-14-9; 10 Euro.

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Ein Kommentar zu „Verloren im Wald

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