Abrechnung in den Alpen

Das finstere Tal

Sehe ich mir an, was ich in den letzten Wochen so gelesen habe, erkenne ich eine gewisse Tendenz zu den Themen „Winter“ und „Beklemmung“. Beides kombiniert Thomas Willmann in seinem — wie er selbst sagt — von Ludwig Ganghofer und Sergio Leone inspirierten, von Andreas Prochaska verfilmten Debütroman „Das finstere Tal“ ziemlich gekonnt.

Ende des 19. Jahrhunderts taucht kurz vor Winterbeginn ein mysteriöser, mit langem Mantel und breitkrempigem Hut gekleideter Fremder in einem abgelegenen Hochtal in den Alpen auf. Greider sei sein Name und er möchte über den Winter ein Quartier haben, um in Ruhe zu malen. Da man in dem gottverlassenen Örtchen nicht an Menschen von Außerhalb gewöhnt ist und erst recht nicht an solche, die einem so unnützen Beruf wie Maler nachgehen, raten die Wortführer des Dorfes — allesamt Söhne des berüchtigten Brenner-Bauern — Greider unverblümt, so schnell wie möglich das Weite zu suchen, am besten noch, ehe der drohende Schneefall den Rückweg mehrere Monate lang unpassierbar macht. Als der Fremde dann aber aus seinem Mantel ein Säckchen voller Münzen hervorholt und seine Bereitschaft bekundet, für seinen Aufenthalt gut zu bezahlen, wird die Gier der Dörfler größer als das Misstrauen. Greider wird ein Zimmer im Haus einer Witwe und ihrer Tochter zugewiesen und mit der Zeit gewöhnt man sich im Dorf an den offenbar harmlosen Maler, der stets auf der Suche nach Motiven mit Zeichenblock und Kohlestift durch die Gegend streift, sich ansonsten allerdings sehr unauffällig verhält. Als dann aber erst ein Brenner-Sohn bei Waldarbeiten tödlich verunglückt und ein anderer nicht von der Jagd zurückkehrt, wachsen die Zweifel daran, dass Greider wirklich nur zum Malen Quartier im Hochtal bezogen hat…

Die oben bereits erwähnte Kombination aus Alpenroman und Rache-Western mag zwar zunächst ein wenig abenteuerlich erscheinen, wird von Thomas Willmann aber zu einem erstaunlich stimmigen Gesamtbild zusammengefügt. Manche Zusammenhänge wirken zwar etwas konstruiert und zumindest als Krimileserin oder -leser kann man bereits früh erahnen, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln könnte, aber letzten Endes ist es eher die beeindruckende, kantige Sprache als die Geschichte, die „Das finstere Tal“ lesenswert macht. Mit kantigen, fast ein wenig urtümlich anmutenden Worten schafft Thomas Willmann eine beklemmende Atmosphäre, die das, was unter der Oberfläche des so beschaulichen, gottesfürchtigen Dorfes gärt und am Ende in einem furiosen Showdown zum Ausbruch kommt, beinahe mit Händen greifbar macht.


♦ Thomas Willmann: Das finstere Tal. Ullstein Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-548-28368-5. 9,99 Euro.    

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7 Kommentare zu „Abrechnung in den Alpen

  1. Eine schöne Rezension. Ich habe es auch gelesen und es bisher noch nicht rezensiert, weil mir ein wenig die richtigen Worte fehlen, um dieses Buch richtig verrorten zu können. Aber du sagst es ziemlich treffend: Es ist die Beklemmung, die die Geschichte trägt.
    Liebe Grüße
    Mareike

    1. Danke fürs Lob! Ich überlege, ob ich mir demnächst auch noch den Film ansehen soll. Allein, um herauszufinden, wie die Atmosphäre des Buches filmisch umgesetzt wurde…

      Liebe Grüße,
      Christoph

  2. Sehr gut! Eines meiner liebsten Bücher. Vor allem der grandiose Showdown, der es locker mit jedem guten Western aufnehmen kann.
    Der Film ist auch ganz für gemacht, wenn auch natürlich nicht ganz an die Vorlage heranreichend. Kann man sich aber gut anschauen.

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