David Foenkinos: Zurück auf Los

Zurück auf Los


Bernard, die Hauptfigur von David Foenkinos‚ aktuellem Roman „Zurück auf Los“, ist ein Mann, dessen Leben eigentlich kaum Stoff für spannende Betrachtungen liefert: Fünfzig Jahre alt, seit fast drei Jahrzehnten mit der Psychotherapeutin Nathalie verheiratet, Vater einer zwanzigjährigen Tochter und Finanzberater bei einer großen Bank. Keine besonderen Hobbys, keine dunklen Geheimnisse, keine großen Träume. Dass er es sich in seiner Nische der Glückseligkeit vielleicht ein wenig zu bequem gemacht hat, soll er allerdings nur allzu schnell erfahren. Die große Wende in Bernards Leben kommt aber nicht mit einem spektakulären Ereignis oder einem lauten Knall, sondern kündigt sich ganz leise und nur kaum wahrnehmbar an. Als Tochter Alice das Haus verlässt, um ein Praktikum in Brasilien zu absolvieren, scheint der Putz, der die Ehe der Eltern bislang zusammengehalten hat, langsam zu bröckeln. Nathalie wird auf einmal immer wortkarger und Bernard ahnt höchstens, dass irgendetwas nicht stimmt:

Ich schwebte in einer noch namenlosen Angst. Jener Angst, die einen von einem Moment auf den anderen überkommen kann, wo sie doch in den Augenblicken davor noch gar nicht zu existieren schien, in den Augenblicken, in denen man sich seiner Welt noch sicher war, bevor man sich plötzlich in einer anderen Welt wiederfindet, in der die Dinge ins Wanken geraten und in der eine Frau das Gesicht abwendet, wenn man versucht, ihr einen Kuss zu geben.

Danach dreht sich die Abwärtsspirale immer schneller: Nathalie möchte, dass Bernard auszieht, dieser willigt in der Hoffnung, dass sich alles wieder einrenkt, ein und zieht vorerst in ein Hotel. Allerdings muss er schnell einsehen, dass seine Ehe, deren Scheitern er nie für möglich gehalten hatte, wohl nicht mehr zu retten ist. Als er dann auch noch aufgrund eines Missverständnisses seine Arbeit verliert, scheint er ganz unten angekommen zu sein. Als letzten Ausweg sieht er nur noch die Möglichkeit, wieder bei seinen Eltern, zu denen er zeitlebens ein sehr unterkühltes Verhältnis gehabt hatte, einzuziehen. Aber auch dort scheint Bernard das Unglück fast magisch anzuziehen:

Sollte es so etwas wie Glück auf Erden geben, würde mein fatales Genie sich bestimmt darauf verstehen, es zu besudeln.

Keine Sorge, ganz so trist und fatalistisch, wie es in dieser Zusammenfassung den Anschein macht, ist „Zurück auf Los“ gar nicht ausgefallen. Über weite Strecken liest sich der in einem lockeren Plauderton geschriebene Roman sogar sehr leicht und vergnüglich weg. Es macht Spaß, den bei allem Unglück äußerst sympathischen Bernard von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen zu folgen, und auch die meisten Nebenfiguren — allen voran Bernards wunderbar boshafte und knorrige Eltern — sind sehr liebenswert gezeichnet. Gerade der Umstand, dass „Zurück auf Los“ meist eine harmlose Komödie ist, verleiht den ernsthaften Stellen, die Foenkinos seinen Leserinnen und Lesern ohne Vorwarnung um die Ohren haut, umso mehr Wucht. Die eigentliche Handlung des Buches, die am Ende doch vorsichtig optimistisch wird, dürfte schnell wieder vergessen sein. Was bleibt von „Zurück auf Los“, ist die unbequeme Gewissheit, dass sich auch das eigene Leben zunächst unbemerkt, dann aber von jetzt auf gleich um 180 Grad wenden könnte.


David Foenkinos: Zurück auf Los. C.H. Beck, 252 Seiten, ISBN 978-3-406-67013-8; 16,95 Euro.

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