Benjamin Lebert: Mitternachtsweg

Benjamin Lebert


Benjamin Leberts aktueller Roman „Mitternachtsweg“ ist das letzte Buch, das ich im eben zu Ende gegangenen Jahr gelesen habe — ein mehr als würdiger Abschluss eines interessanten Lesejahres, in dem ich erfreulich viel Gutes und nur wenig Schlechtes in die Finger bekommen habe.

„Mitternachtsweg“ ist ein klug aufgebautes, verschachteltes Buch, das Seemannsgarn, alte Sagen und nicht zuletzt eine tragische Liebesgeschichte geschickt miteinander kombiniert. Zunächst erfahren die Leserinnen und Leser, wie Peter Maydell, ein pensionierter, aber immer noch recht umtriebiger Redakteur der Lübecker Zeitung, Post von einem freien Mitarbeiter bekommt, der sich auf Artikel über mysteriöse Geschehnisse spezialisiert hat. Anders als seine anderen Manuskripte ist dieser Beitrag von Johannes Kielland — neben seiner Tätigkeit als freier Journalist studiert der junge Mann Geschichte in Hamburg und ist ein Anhänger der Gothic-Szene — allerdings deutlich umfangreicher, persönlicher und beunruhigender. Kielland berichtet Maydell von einem Artikel, den er vor einer Weile über einen jungen Ertrunkenen, der an den Strand von Westerland gespült und aufgrund seiner ungeklärten Identität auf dem Sylter „Friedhof der Namenlosen“ bestattet wurde, geschrieben hat. Kurz nach Veröffentlichung meldete sich eine Mittzwanzigerin namens Helma Marie Brandt bei Johannes Kielland und behauptete, sie hätte den Toten gekannt — er sei ihr Geliebter gewesen. Obwohl Kielland von Anfang an Zweifel an der Geschichte der Cafébesitzerin hegte, fühlte er sich dennoch angezogen von der attraktiven Frau und fand sich schon bald in einer äußerst seltsamen Geschichte, die ihn an seinem Verstand zweifeln und um sein Leben fürchten ließ. Maydell, über dessen weitere Rolle in der Handlung an dieser Stelle nichts verraten werden soll, macht sich, nachdem er das Manuskript gelesen hat, sofort auf die Suche nach Johannes Kielland und hofft, nicht zu spät zu kommen…

Im Verlauf meines zugegebenermaßen noch jungen Lebens habe ich den Eindruck gewonnen, dass jede Geschichte, egal welcher Art, letztlich immer nur von diesem einen kurzen Moment aus erzählt wird, in dem sich das Herabfallen in die Tiefe ankündigt, aber schon nicht mehr verhindert werden kann.

Mich hat Benjamin Leberts kurzer Roman nicht nur in sprachlicher wie struktureller Hinsicht sehr beeindruckt, sondern mir auch einige Male einen großen Schrecken eingejagt (ein Kunststück, das den meisten Thrillern, die ich lese, nicht gelingen mag). Wie die subtil gruselige Geschichte langsam an Fahrt aufnimmt, immer wieder neue Puzzelteile preisgibt und mit überraschenden Wendungen aufwartet, ist große Klasse. Für mich ist „Mitternachtsweg“ einer der gelungensten deutschsprachigen Romane des Jahres 2014 und jedes Mal, wenn mich nun schwarze Lederhandschuhe leicht frösteln lassen, werde ich mich an dieses Buch erinnern.


Benjamin Lebert: Mitternachtsweg. Hoffmann & Campe, 240 Seiten, ISBN 978-3-455-40437-1; 18 Euro.

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2 Kommentare zu „Benjamin Lebert: Mitternachtsweg

    1. Hallo Leo,

      ich habe „Kannst Du“ kurz nach seinem Erscheinen gelesen und kann mich deswegen nur noch vage daran erinnern. Allerdings weiß ich noch, dass mich das Buch damals auch nicht allzu sehr gepackt hat — vor allem, weil ich die Story nicht ganz so aufregend fand. „Mitternachtsweg“ ist da in jeder Hinsicht deutlich besser gelungen.

      Viele Grüße,
      Christoph

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