Cheryl Strayed: Der große Trip

Cheryl Strayed


Obwohl ich selbst nicht unbedingt ein allzu abenteuerlustiger Typ bin, habe ich doch ein gewisses Faible für Bücher, in denen auf Berge geklettert, durch die Wildnis gewandert oder in der Tiefsee getaucht wird. Dementsprechend Freude hat mir die Lektüre von Cheryl Strayeds „Der große Trip“ bereitet — die Verfilmung mit Reese Witherspoon, die als Oscar-Kandidatin gehandelt wird, läuft ab morgen in den hiesigen Kinos.

Die Handlung des Buchs spielt Mitte der 90er Jahre: Cheryl Strayed, heute eine erfolgreiche Journalistin, Autorin und Mutter zweier Kinder, steht damals gerade an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Nach dem plötzlichen Krebstod ihrer damals gerade 45 Jahre alten Mutter gerät ihre gesamte Existenz ins Wanken. Der bis dahin liebevolle Stiefvater wird mehr und mehr zu einem Fremden, die Geschwister verschwinden in unterschiedliche Himmelsrichtungen, der College-Abschluss gerät zur Nebensache und in der früh geschlossenen Ehe kriselt es ebenfalls. Nach der Scheidung treibt Cheryl mehrere Jahre planlos herum, kommt oft bei Freunden unter, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und schläft wahllos mit Männern, von denen sie einer schließlich an den Rande der Heroinsucht treibt. Die Rettung aus der schier ausweglosen Situation kommt dann völlig unerwartet, als Cheryl in einem Outdoorladen zufällig ein Wanderführer des Pacific Crest Trail (oder kurz PCT) — ein Fernwanderweg, der entlang der US-Westküste von der mexikanischen Grenze bis hinauf nach Kanada führt — in die Hände fällt. Kurzerhand beschließt sie, auf einer dreimonatigen, gut 1.600 Kilometer langen PCT-Wanderung die Geister der Vergangenheit zu vertreiben, die Sorgen des Alltags zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen. Ganz so leicht ist dieses Vorhaben allerdings nicht in die Tat umzusetzen, denn die untrainierte Trekking-Novizin macht praktisch alles falsch, was man falsch machen kann: Unzureichende Vorbereitung, zu kleine Stiefel und ein viel zu schwerer Rucksack (in dem trotzdem einige wichtige Ausrüstungsgegenstände fehlen) lassen den eigentlichen Zweck des Selbstfindungstrips deutlich in den Hintergrund treten:

Ich hatte mir diesen Trip vorgenommen, um über mein Leben nachzudenken. Um mir darüber klar zu werden, woran ich zerbrochen war, und um mein Herz wieder zu kitten. Doch in Wahrheit wurde ich, zumindest bis dahin, voll und ganz von den einfachsten körperlichen Leiden in Anspruch genommen.

Mit ungebrochenem Optimismus, großem Kampfgeist und der Hilfe vieler ihr wohlgesonnener Mitwanderer gelingt es Cheryl am Ende allerdings, allen Widrigkeiten zu trotzen. Obwohl sich „Der große Trip“ dann und wann doch ein wenig in die Länge zieht, lohnt sich die Lektüre der gut 450 Seiten dennoch, weil es einerseits Spaß macht, die Fortschritte der tapferen Wanderin mitzuverfolgen, die oft recht traurige Lebensgeschichte der Cheryl Strayed andererseits auch ziemlich zu Herzen geht. Insofern ist „Der große Trip“ ein gelungenes Mittelding aus Bill Brysons sehr launigem Appalachian Trail-Abenteuer „Picknick mit Bären“ und Jon Krakauers tief berührender Charakterstudie „In die Wildnis“.



Cheryl Strayed: Der große Trip — Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst. Goldmann Verlag, 448 Seiten, ISBN 978-3-442-15859-1; 9,99 Euro.

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3 Kommentare zu „Cheryl Strayed: Der große Trip

  1. Wie schön, dass dir das Buch ähnlich gut gefallen hat, wie mir – ich war sehr angetan, auch wenn es zwischendurch in der Tat immer mal wieder einige zähe Stellen gibt. Kritik an dem Buch wurde bisher ja auch übrigens von Profiwanderern getätigt, wenn man eher Interesse an einer starken Frau und einer spannenden Lebensgeschichte hat, ist man bei diesem Buch aber gut aufgehoben …

    1. Dass Wanderprofis das Buch kritisieren, kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen — schließlich ist die Wanderung ja auch eher eine Übersprungshandlung als ein vorher akribisch geplantes Unterfangen. Gerade das macht doch erst den Reiz des Buches aus.

      (Was ich auch interessant finde: Das Drehbuch zur Verfilmung hat Nick Hornby geschrieben.)

  2. Danke für den Hinweis. Bücher über starke Frauen, die ihren Weg gehen, ohne tragisch daran zugrunde zu gehen, lese ich sehr gerne. Leider gibt es davon nicht allzu viele. Falls du noch mehr Empfehlungen zu diesem Thema hast, gerne her damit!

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