Robert Seethaler: Der Trafikant

Der Trafikant

Es gibt Bücher, die hat man schon ins Herz geschlossen, bevor man auch nur eine Zeile gelesen hat. „Der Trafikant“ von Robert Seethaler fällt unbedingt in diese Kategorie. Die minimalistische Covergestaltung, der wasserblaue Schnitt und dann noch der Umstand, dass das Verlagslogo einen Mops zeigt, der auf einem Bücherstapel sitzt — großartig! Welch ein Glück, dass der Romaninhalt seiner Verpackung in keinster Weise nachsteht.

Im Sommer 1937 kommt der 17 Jahre alte Franz Huchel, ein behütet aufgewachsener und etwas weltfremder Junge aus dem Salzkammergut, nach Wien, um dort in der Trafik (für Nicht-Österreicher: Schreibwaren-, Zeitungs- und Tabakgeschäft) von Otto Trsnjek in die Lehre zu gehen. Der alte Bekannte von Franz‘ Mutter, versehrt aus dem 1. Weltkrieg in die Heimat zurückgekehrt, hat den Laden im 9. Bezirk nach 1918 übernommen, ist seither zu einem wahren Philosophen des Trafikwesens gereift und gibt sein Wissen nur zu gerne an seinen jungen Schützling weiter:

Franz‘ hauptsächlicher Arbeitsplatz würde der kleine Hocker neben der Eingangstür sein. Dort solle er — wenn gerade nichts Dringlicheres anstehe — ruhig sitzen, nicht reden, auf Anweisungen warten und ansonsten etwas für Hirn und Horizont tun, sprich: Zeitung lesen. Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitungen lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein.

Unter den Stammkunden der Trsnjek’schen Trafik befindet sich der bin der Nähe wohnende, mittlerweile greise Sigmund Freud, dessen Wirken als „Deppendoktor“ sich auch bis ins Salzkammergut herumgesprochen hat. Bei einem eher beiläufigen Aufeinandertreffen rät der Professor Franz, sich eine Freundin zu suchen. Diesem Rat kommt er umgehend nach und verliebt sich bei einem Praterbesuch prompt in eine junge Böhmin, die ihn — sehr zu seinem Leidwesen — schon wieder verlässt, noch bevor er sie nach ihrem Namen fragen kann. So schnell gibt der schwer Verliebte allerdings nicht auf, macht das Mädchen ausfindig, findet heraus, dass es Anezka heißt und beginnt ein kurzes, aber heftiges Techtelmechtel mit ihm — am Ende steht Franz jedoch nur noch verwirrter und verletzter da als zuvor, was ihn abermals bei Freud, mit dem ihn mittlerweile eine Art Freundschaft verbindet, um Hilfe suchen lässt.

Freud seufzte. „Immerhin kommen mir die meisten Wege schon irgendwie bekannt vor. Aber eigentlich ist es ja gar nicht unsere Bestimmung, die Wege zu kennen. Es ist gerade unsere Bestimmung, sie nicht zu kennen. Wir kommen nicht auf die Welt, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. Man tapst sozusagen in einer immerwährenden Dunkelheit herum, und nur mit viel Glück sieht man manchmal ein Lichtlein aufflammen. Und nur mit viel Mut oder Beharrlichkeit oder Dummheit oder am besten mit allem zusammen kann man hie und da selber ein Zeichen setzen.“

Es sind aber nicht nur die komplizierten Liebesangelegenheiten, die das Leben zunehmend schwerer machen, sondern auch die neue, finstere Zeit, die Österreich mit großer Wucht erfasst. Diesen Wandel bekommt neben dem „Judenfreund“ Otto Trsnjek sowie Sigmund Freud und dessen Familie auch Franz zu spüren, der längst kein unbedarfter Junge mehr ist und gezwungen ist, über sich hinauszuwachsen.

Mit „Der Trafikant“ ist Robert Seethaler ein kleines Meisterstück gelungen: In einem charmanten, wienerisch gefärbten Tonfall und mit leisem Humor erzählt er auf knapp 250 Seiten eine ziemlich große Geschichte. Es geht ums Erwachsenwerden, um die Widrigkeiten der Liebe, eine ungleiche Freundschaft und nicht zuletzt um die Frage, wie man es schafft, sich in einer immer brutaler werdenden Umgebung seinen Anstand und seine Menschlichkeit zu bewahren. Ein uneingeschränkt empfehlenswerter Roman!


♠ Robert Seethaler: Der Trafikant. Kein & Aber Pocket, 256 Seiten, ISBN 978-3-0369-5909-2, Euro 9,90.

♠ An folgenden Terminen liest Robert Seethaler aus seinem aktuellen, im Hanser Verlag erschienenen Roman „Ein ganzes Leben“: 28. Januar — Freiburg, Buchhandlung Rombach // 10. Februar — Nürnberg, Buchhandlung Jakob // 11. Februar — Schweinfurt, Celtis-Gymnasium // 12. Februar — Darmstadt, Ev. Stadtkirche // 26. Februar — Saarbrücken, Filmhaus // 27. Februar — Mannheim, Alte Feuerwache // 4. März — Kassel, Staatstheater (Kleines Haus) // 5. März — Hildesheim, Literaturhaus St. Jakobi // 14. März — Köln, Kulturkirche // 26. März — Weimar, Buchhandlung Die Eule // 27. März — Dresden, Kulturhaus Loschwitz // 16. April — Singen, Städtische Bibliothek // 23. April — Koblenz, Buchhandlung Reuffel // 30. Mai — Potsdam, Villa Quand // 23. Oktober — Gingst auf Rügen, Kunstscheune Vaschvitz.

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