Paul Auster: Bericht aus dem Inneren

Bericht aus dem Inneren

Im Lauf der Jahre hat sich Paul Auster bereits einige Male mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt und autobiographische Bücher vorgelegt, die sich in ihrer Form allerdings doch recht deutlich von klassischen Autobiographien unterschieden. Zuletzt widmete sich der Amerikaner im „Winterjournal“ seinem Körper und dem Älterwerden, in „Bericht aus dem Inneren“ geht es nun um die eigene Kindheit.

Im ersten, ebenfalls „Bericht aus dem Inneren“ betitelten, knapp 100 Seiten langen Teil, ruft sich Paul Auster in einer Art Selbstgespräch Erinnerungen aus den frühen bis mittleren 50er Jahren — also die Zeit, in der er zwischen fünf und zwölf Jahre alt war — ins Gedächtnis. Diese nicht chronologisch geordneten, sondern wild durcheinandergewürfelten „Erinnerungshappen“ erstrecken sich über mehrere Seiten oder nur einige Sätze, werden an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen und miteinander verknüpft oder stehen einfach für sich selbst. Hin und wieder ist das ein wenig verwirrend, liest sich aber insgesamt erstaunlich kurzweilig. Dabei ist das, was wir Leserinnen und Leser vom jungen Paul Auster erfahren, nicht allzu aufregend oder außergewöhnlich. Es handelt sich eben um einen ganz normalen Mittelschichts-Jungen aus den 50er Jahren, der mit seiner Familie am Rande einer amerikanischen Kleinstadt wohnt, für die Sportstars seiner Zeit schwärmt, mit seinen Freunden gerne Baseball spielt und die Sommermonate im Ferienlager verbringt. Mit etwas gutem Willen könnte man die Freude am Lesen und die ersten ungelenken Schreibversuche als Vorboten der späteren Schriftstellerlaufbahn deuten, aber an sich könnte es sich bei dem beschriebenen Jungen auch um den späteren Buchhalter John Miller oder irgendeinen anderen Durchschnitts-Amerikaner handeln.

Etwas Geduld braucht es schließlich auch beim Lesen von „Zwei Schläge auf den Kopf“, den zweiten Teil des Buches, in dem Paul Auster — erneut in der Du-Form, die er konsequent durchhält — minutiös zwei Filme beschreibt, die ihn in seiner Kindheit bzw. frühen Jugend sehr beeindruckt haben. Spannender wird es dann jedoch in „Zeitkapsel“, lernen wir hier doch die frühen Tage des Autoren von Weltruf kennen. Anhand von Briefen, die er an seine damalige Freundin und spätere Ehefrau Lydia Davis geschrieben hat, lässt Paul Auster die Jahre zwischen 1966 und 1969 Revue passieren — eine Zeit des Aufruhrs, nicht nur weltpolitisch, sondern auch im Leben des College-Studenten. Die Briefe, die er seiner damals in London lebenden Freundin aus New York und Paris, wo er ein Auslandsjahr verbringt, schickt, zeigen einen leidenschaftlichen und sprunghaften jungen Mann, der mit aller Kraft, aber größtenteils nicht unbedingt zielgerichtet am Aufbau einer Existenz als Autor arbeitet. Dabei macht er nicht immer einen besonders gefestigten Eindruck, pendelt der Tonfall seiner offenbar recht hastig verfassten Briefe meist zwischen großer Euphorie und tiefster Depression:

In mir ist eine furchtbare Schüchternheit, die mich selbst in den simpelsten gesellschaftlichen Situationen lähmt — eine Abneigung zu sprechen, eine Befangenheit, die meine Einsamkeit noch steigert. […] Meine Grübeleien und meine Melancholie sind unheilbar … Und doch habe ich das Gefühl, im Innersten stark zu sein — dass ich nie zusammenbrechen werde, egal wie schlimm es noch kommen mag. In gewisser Hinsicht macht mir das am meisten Angst …

Abgerundet wird „Bericht aus dem Inneren“ von einem „Album“, das Bilder von den im Buch angesprochenen politischen Ereignissen, von Sportlern, Politikern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und zeitgenössischen Filmen zeigt. Auch für diese Bildersammlung gilt letzten Endes das, was für das gesamte Buch gilt: Schon recht interessant, aber eben auch ein wenig fragmentarisch und anstrengend — für Freundinnen und Freunde Paul Austers bestimmt dennoch eine sehr gewinnbringende Lektüre.


Paul Auster: Bericht aus dem Inneren. Rowohlt Verlag, 368 Seiten, ISBN 978-3-498-00089-9, Euro 19,95.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s