Carlos María Domínguez: Das Papierhaus

Das Papierhaus

Unter einem Schmöker stellt man sich gemeinhin ein dickes Buch mit vielen Seiten und einer umfangreichen Handlung vor, in der man sich stundenlang verlieren kann. Dass ein echter Schmöker mit einer großen Geschichte manchmal aber auch in einem äußerst schmalen, viel zu schnell zu Ende gelesenen Bändchen Platz findet, beweist der Argentinier Carlos María Domínguez mit seiner Erzählung „Das Papierhaus“.

Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.

Bücher verändern das Schicksal der Menschen.

Besagte Bluma Lennon beschäftigte sich vor ihrem plötzlichen Tod im Fachbereich Hispanistik der ehrwürdigen Universität Cambridge als Dozentin und Wissenschaftlerin mit spanischsprachiger Literatur. Ein Posten, der nun dem namenlosen Erzähler der Geschichte, einem aus Argentinien stammenden Mann, zufällt. Auf dessen Schreibtisch landet wenig später ein an Bluma adressiertes Päckchen, das ein arg mitgenommenes und von Zementstückchen bedecktes Exemplar von Joseph Conrads Roman „Die Schattenlinie“ enthält. Der Absender hat das Buch wohl einst von Bluma geschenkt bekommen — darauf deutet eine Widmung hin — und wollte es nun aus einem unbekannten Grund an sie zurückgeben. Ohne genau zu wissen, warum, ist unser Erzähler sofort von dem mysteriösen Päckchen und dessen staubigem Inhalt fasziniert und beschließt, dem in der Widmung erwähnten Carlos — offenbar ein Mann, den Bluma einst auf einem Autorenkongress in Monterrey kennengelernt hatte — den Roman persönlich zusammen mit der traurigen Todesnachricht zu überbringen. Bei seinem nächsten Heimatbesuch recherchiert der Erzähler weiter und erfährt, dass es sich bei Carlos um einen gewissen Carlos Brauer, einen leidenschaftlichen Büchersammler aus Uruguay handelt, der in der Vergangenheit auf allerlei Auktionen zugegen war und sich im Laufe der Zeit eine beachtliche Bibliothek aufgebaut hat. Über den aktuellen Aufenthaltsort Brauers lässt sich allerdings nichts weiter in Erfahrung bringen, dafür weiß ein anderer Büchernarr Ungewöhnliches bis Beunruhigendes über seinen verschwundenen Sammlerkollegen zu berichten:

Irgendwann hatte er so viele Bücher — über zwanzigtausend, glaube ich –, dass er die Bücherregale in seinem keineswegs kleinen Wohnzimmer quer stellen musste wie in einer öffentlichen Bücherei. Sogar im Bad standen an allen Wänden Bücher, und sie sind ihm nur deshalb erhalten geblieben, weil er kein warmes Wasser mehr laufen ließ, um den Dampf zu vermeiden. Er duschte kalt, im Sommer wie im Winter.

Mit einer ruhigen, poetischen Sprache erzählt Carlos María Domínguez in diesem nicht einmal 90 Seiten starken, wunderbar aufgemachten und von Jörg Hülsmann grandios illustrierten Büchlein von der Liebe zur Literatur und den Büchern. Eine Leidenschaft, die unzähligen Menschen schon viel Freude bereitet hat, manchmal aber nicht ganz ungefährlich ist. Bluma Lemmon und Carlos Brauer ist sie — wenn auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise — letzten Endes zum Verhängnis geworden.

Eine große Empfehlung!


Carlos María Domínguez: Das Papierhaus. Insel Verlag, 89 Seiten, ISBN: 978-3-458-17615-2, 12 Euro.


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5 Kommentare zu „Carlos María Domínguez: Das Papierhaus

  1. Oh ja, allein der erste Satz des Buches ist Gold wert. Ein kleines Bändchen entpuppt sich als großer Schmöker mit großem Inhalt. Genauso habe ich diese wundervolle Erzählung über Bibliophilie und Bibliomanie auch gelesen. Falls Du magst hier zum Nachlesen:
    http://lustauflesen.de/das-papierhaus/
    Dein Blog übrigens hat jetzt in meinem WordPress-Reader seinen festen Platz gefunden. Freue mich auf weiteren Ausstausch über Bücher, Texte und Geschichten. lg_jochen

    1. Hallo Jochen,

      danke für den Link! Stimmt, „Das Papierhaus“ ist wirklich ein ganz besonders schönes Büchlein — jetzt bin ich auch sehr neugierig auf die längeren Sachen von Carlos María Domínguez geworden.

      Viele Grüße,
      Christoph

  2. Ich war immer hin- und hergerissen, über dieses Buch zu schreiben. Mir gefiel es, jedoch begeisterte es mich nicht. Wirklich irritierten mich aber die überwiegende Reaktionen vieler Bibliophilier, die die Geschichte als Hommage an das Buch verstehen. Das Buch ist in seiner Aufmachung sicher eine kleine Hommage. Doch die Geschichte ist doch weit mehr eine Persiflage auf die Bücherleidenschaft.

    1. Ja, Bluma und Carlos sind in der Tat eher abschreckende Beispiele dafür, wohin eine übertriebene Fixierung auf Bücher führen kann. Die eine ist tot, der andere hat seinen Verstand verloren — beides nicht unbedingt erstrebenswert. 😉

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