Mord und Totschlag (2)

Heute: „Mordsommer“ von Rudi Jagusch

MordsommerEin immer wieder gerne benutzter Handlungsrahmen des Spannungsgenres ist ja dieser hier: Ein Grüppchen überdurchschnittlich intelligenter, nach Außen hin angepasster, aber dank Wohlstandsverwahrlosung komplett empathielos gewordener Teenager vertreibt sich die Langeweile mit geheimen, sadistischen Spielchen zulasten von Tier und Mensch. Irgendwann läuft eine dieser Mutproben ganz schrecklich aus dem Ruder, nicht selten mit Todesfolge. Zum Glück für die Halbwüchsigen bleibt die Tat unentdeckt und demnach ohne juristische Konsequenzen — man schwört sich, niemals ein Wort über die Vorfälle zu verlieren und geht dann weiter seines Weges. Viele Jahre später erhalten die ehemaligen Mitglieder der Gruppe, mittlerweile allesamt gesetzestreue Bürger mit angesehen Berufen, mysteriöse Briefe mit dem sinngemäßen Inhalt „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ und werden nacheinander auf mehr oder weniger grausame Art und Weise um die Ecke gebracht. Täter ist in aller Regel entweder jemand, der damals auch gerne dabei gewesen wäre, aber schroff abgewiesen wurde, ein ehemaliges Opfer auf Rachefeldzug oder aber auch ein Cliquenmitglied selbst, das die Fehler von damals eingesehen hat und als Folge einer ziemlich verqueren Vorstellung von Moral und Gerechtigkeit nun eben das Gesetz selbst in die Hand nimmt.

An diesen bewährten, eigentlich auserzählten Stoff hat sich nun auch Rudi Jagusch in seinem neuen Thriller „Mordsommer“ gewagt. Auch hier haben sich ein paar wohlhabende Teenager Anfang der Neunziger in bester Uhrwerk-Orange-Manier etwas Scheußliches zu Schulden kommen lassen und werden gut zwanzig Jahre später von der Vergangenheit eingeholt. So weit, so klischeehaft. Weil Rudi Jagusch die Haupthandlung seines Romans aber kurzerhand in ein verlassenes Dorf in der Eifel (das tatsächlich existierende „Geisterdorf“ Staudenhof) verlegt hat, in dem die Protagonisten ihrem Peiniger schutzlos ausgeliefert sind, entwickelt sich allerdings doch eine ziemlich kurzweilige und spannende Geschichte. Nicht zuletzt beginnen die in die Falle Getappten nämlich schnell, sich gegenseitig zu verdächtigen und in jedem der ehemaligen Freunde einen skrupellosen Mörder zu sehen. So wird aus dem Thriller zunehmend ein klaustrophobisches Kammerspiel, dessen Auflösung hier natürlich nicht verraten werden soll…

Rudi Jagusch — Mordsommer
Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43785-2
464 Seiten; € 9,99 (eBook € 8,99).

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