Stephen King — Revival

Revival

Nachdem „Mr. Mercedes“, der zuletzt in Deutschland veröffentlichte Roman von Stephen King, ein schnörkelloser Thriller ohne Monster, Okkultes oder anderen Gruselkram war, beschreitet der Amerikaner in seinem aktuellen Buch „Revival“ wieder gewohnte Pfade. Zumindest halbwegs, denn die wahrhaft übersinnlichen Dinge passieren erst in den letzten Kapiteln des gut 500 Seiten starken Werks. Vorher schreitet die Handlung größtenteils ruhig voran und statt auf wenige Schockmomente setzt Stephen King auf ein stetig wachsendes Bedrohungsszenario, so dass sich die Lektüre in etwa so anfühlt wie der bange Blick auf ein noch etwas entferntes, aber erbarmungslos näherkommendes Gewitter.

„Gewitter“ ist dabei ein gutes Stichwort, denn kaum etwas fasziniert Charles Jacobs, den — wenn man es denn so nennen will — Bösewicht von „Revival“ so sehr wie Blitze und die ihnen innewohnende elektrische Energie. Das war schon so, als er, damals ein junger und lebensfroher Pfarrer, im Sommer 1962 in das Leben von Jamie Morton, dem zu dieser Zeit sechs Jahre alten Erzähler des Romans, tritt. Obwohl die beiden kaum mehr eint als der Umstand, dass Jamie mit großer Freude die Jugendgruppe des sympathischen Reverend besucht, steht damals schon fest, dass es ein unsichtbares Band gibt, das ihre Lebenswege untrennbar miteinander verbindet. Viele Jahre nach der ersten Begegnung kommt es Anfang der Neunziger zu einem weiteren Aufeinandertreffen — Charles Jacobs hat seinen Beruf als Geistlicher aufgegeben, nachdem er nach dem tragischen Unfalltod seiner Frau und seines kleinen Sohnes vom Glauben abgefallen ist und tingelt als eine Art Illusionist über Provinzjahrmärkte und der leidlich erfolgreiche Rockgitarrist Jamie ist dem Heroin scheinbar unrettbar verfallen. Jacobs befreit seinen früheren Schützling mit Hilfe einer selbst entwickelten elektrischen Apparatur von seinem Laster und fortan verfolgt Jamie den weiteren Werdegang des ehemaligen Pastors, der mehr und mehr zu einem von vielen Hoffnungslosen fast kultisch verehrten Wunderheiler wird, mit wachsender Skepsis. Selbst von unerklärlichen Nebenwirkungen seiner plötzlichen Heilung geplagt, vermutet Jamie nämlich, dass der zunehmend wirrer erscheinende Jacobs bei seinen Experimenten und Forschungen möglicherweise gefährliche Kräfte entfesselt hat, die den menschlichen Verstand bei Weitem überfordern könnten…

So führen wir nämlich unsere eigene Verdammnis herbei — indem wir bewusst die Stimme überhören, die uns anfleht innezuhalten. Aufzuhören, solange noch Zeit dazu ist.

Mir hat „Revival“, wie zuletzt auch „Mr. Mercedes“, viel Spaß gemacht. Jamie Morton ist ein sympathischer Protagonist und auch von seinem Gegenspieler, dem schwer zu durchschauenden Charles Jacobs, geht eine große Faszination aus. Wie Stephen King das zunächst fast gemächliche Tempo im Verlauf der Handlung immer weiter anzieht und schließlich im furiosen Finale auf die Spitze treibt, ist gewohnt gekonnt und äußerst lesenswert. Zusätzlichen Mehrwert bekommt der Roman dadurch, dass „Revival“ nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern auch eine Reihe von beinahe existenziellen Fragen aufwirft: Steckt hinter dem Umstand, dass sich die Lebenswege mancher Menschen immer wieder auf schicksalhafte Art und Weise kreuzen, vielleicht mehr als nur Zufall? Gibt es Erkenntnisse, deren Entdeckung lieber im Verborgenen bleiben sollte? Und natürlich jene dritte große Frage, die an dieser Stelle zwecks Erhalt der Spannung nicht gestellt wird.


Stephen King
Revival
Heyne Verlag; 512 Seiten; € 22,99

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2 Kommentare zu „Stephen King — Revival

  1. Erst gestern habe ich eine Besprechung zu „Revival“ gelesen, die mich sehr neugierig gemacht hat – ich habe ja eine lange King-Pause hinter mir und bin erst durch „Joyland“ wieder auf den Geschmack gekommen. Dieses hier steht nun ganz oben auf meiner Wunschliste und ich bin schon auf die Lektüre gespannt. Ist ja vielleicht genau das richtige, für die im Moment etwas regnerischen Feiertage!

    1. Verregnete Feiertage auf der Couch lassen sich mit dem Buch auf jeden Fall rumbringen. ☺

      Später in diesem Jahr soll ja auch noch der Nachfolger von „Mr. Mercedes“ erscheinen — darauf bin ich schon ziemlich gespannt.

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