Steven Galloway: Der Illusionist

Der Illusionist

Zu Beginn von Steven Galloways neuem Roman „Der Illusionist“ lernen wir Martin Strauss kennen, einen älteren Herrn, dem von seinem Arzt mitgeteilt wird, dass er langsam den Verstand verliert. Eine schleichende Krankheit, die dazu führt, dass tatsächlich erlebte Erinnerungen verblassen und womöglich ersetzt werden von der umso lebhafteren Erinnerung an Ereignisse, die niemals stattgefunden haben. Viel Zeit bei klarem Verstand bleibt Martin Strauss also nicht mehr und damit auch nicht, um reinen Tisch zu machen. Martin Strauss ist nämlich ein Mörder — und zwar der Mörder des weltberühmten Zauberers Harry Houdini. Behauptet er zumindest, womit wir auch schon bei der zentralen Frage dieses Buches angelangt wären. Wo verläuft die Grenze zwischen Wirklichkeit und Illusion? Gibt es so etwas wie die eine, unverrückbare Wahrheit überhaupt oder glauben wir eben gerne an das, was uns plausibel oder einfach nur bequem erscheint?

Eins plus eins ist nicht gleich zwei. Naja, doch, ist es schon. Manchmal. Aber nicht immer. Mir ist die Unmöglichkeit bewusst. Ein Großteil der Welt ist binär. Man lebt, man ist tot. Aber was würde passieren, wenn man nicht sicher wäre, dass es die Zahl eins überhaupt gibt?

Steven Galloway lässt uns in „Der Illusionist“ nicht nur an der Geschichte des Martin Strauss teilhaben, der nach seinem angeblichen Mord untertauchen muss und es mit allerlei finsteren Gestalten zu tun bekommt, die ihm nach dem Leben trachten, sondern bringt uns auch — oft angelehnt an dessen tatsächliche Biographie — den schillernden Harry Houdini näher. Wir erfahren, wie aus dem ungarischen Immigrantensohn und Schlosserlehrling Erik Weisz zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Magier von Weltrang wird, der Tausende Menschen in Staunen und Begeisterung versetzt und so zum vermutlich ersten weltweiten Popstar wird. Ein unsteter Frauenheld, für dessen Tricks und Fähigkeiten sich bald Geheimdienste und Machtmenschen interessieren, der einen Feldzug gegen die Spiritismus-Bewegung und nicht zuletzt deren berühmten Fürsprecher Sir Arthur Conan Doyle führt, und der sich eine beträchtliche Anzahl einflussreicher Feinde macht. Gerade diese Kapitel aus dem Leben Houdinis lesen sich sehr spannend und kurzweilig, wobei man sich bei den ganzen politischen Verwicklungen hin und wieder fast in einem Agenten-Thriller wähnt. Zudem hat Steven Galloway in seinen Roman jede Menge Zeit- und Gedankensprünge eingebaut, was es manchmal gar nicht so einfach macht, die kunstvoll konstruierte Handlung vollends zu überblicken. Aber genau das ist es ja, was dieses lesenswerte Buch mit einem guten Zaubertrick verbindet: Verwirrung stiften, falsche Fährten legen und täuschen — bis sich am Ende die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Illusion komplett aufgelöst haben.

Er ist der berühmteste Mensch der Welt geworden in einer Zeit, als es schwer war, weltberühmt zu sein, weil er sich aus den unmöglichsten Situationen befreien konnte. Nichts konnte ihn halten. Aber das stimmt natürlich nicht — alle seine Entfesslungen waren gefälscht. Er ist nie wirklich entkommen, weil er nie wirklich gefesselt war. Es schien nur so.

Zum Autor: Steven Galloway wurde 1975 in Vancouver geboren und lehrt neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller Kreatives Schreiben an der University of British Columbia. Bisher hat er vier Romane veröffentlicht, darunter der vielfach ausgezeichnete, in 30 Ländern erschienene Besteller „Der Cellist von Sarajevo“.

Steven Galloway: Der Illusionist. Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz. Luchterhand Literaturverlag, ISBN 978-3-630-87457-9, 352 Seiten, € 19,99.

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