Jonathan Evison: Umweg nach Hause

Umweg nach Hause

Immer wieder ein gerne bemühtes Roman-Thema: Der Road-Trip, vorzugsweise mit ungleichen, liebenswert verschrobenen Charakteren, die aus irgendeinem Grund quer durchs Land brausen, skurrile Dinge erleben und auf ihrem Weg weitere, nicht minder verschrobene Gestalten aufgabeln. Damit wäre in groben Zügen auch schon die Geschichte von Jonathan Evisons Roman „Umweg nach Hause“ umrissen, aber selbstverständlich steckt ein wenig mehr in dem im Original bereits 2012 unter dem Titel „The Revised Fundamentals of Caregiving“ erschienenem Buch.

Protagonist und Erzähler des Romans ist der 40-jährige Benjamin Benjamin, dessen bemerkenswert einfallsloser Name bereits auf einen wenig aufregenden Charakter hindeutet. Jedenfalls hatte Ben das Glück nur ganz selten auf seiner Seite, sein Leben mit Aushilfsjobs und später als leicht überforderter Familienvater und Hausmann hätte er aber sicher ganz gut ausgehalten. Doch nicht einmal das ist ihm vergönnt, denn eine schreckliche Tragödie — die genaueren Umstände erfahren wir Leserinnen und Leser in kurzen Rückblenden — löscht das kleine Glück von jetzt auf gleich unwiederbringlich aus.

Hören Sie zu: Alles, was Sie zu wissen glauben, jede Beziehung, die Sie für sicher gehalten haben, jeder Plan und jede Möglichkeit, über die Sie nachgedacht haben, jede Idee und jede Anstrengung, die Sie ausgebrütet haben, kann Ihnen vom einen Augenblick zum nächsten geraubt werden. Früher oder später wird das auch passieren. […] Denn keine sichere Basis, keine Willensanstrengung und keine Gewohnheit wird Sie davor schützen: nichts ist unzerstörbar.

Ben kämpft sich zurück ins Leben und landet nach einer Umschulung zum Krankenpfleger bei Trevor, mit dem es das Schicksal noch schlechter gemeint hat. Der Teenager, der mit seiner alleinerziehenden Mutter auf einer Farm lebt, leidet an einer seltenen Form des Muskelschwunds, die ihn an den Rollstuhl fesselt und ihn immer weiter bewegungsunfähig macht. Diverse Umstände, die hier jetzt nicht in aller Ausführlichkeit erläutert werden sollen, führen schließlich dazu, dass sich Ben und Trevor in einem klapprigen Van auf den Weg quer durch die USA machen, um Trevors lange Zeit abwesenden Vater (natürlich ist auch er eine traurige Gestalt — die einzige in dem Buch übrigens, die etwas arg überzeichnet und slapstickhaft wirkt) in Salt Lake City aufzusuchen. Unterwegs passieren, wie ganz zu Beginn dieses Blogeintrags bereits angedeutet, allerlei kleinere und größere Missgeschicke und auch weitere, vom Leben gezeichnete „Beifahrer“ wie die junge Ausreißerin Dot, die hochschwangere Peaches und ihr nichtsnutziger Freund Elton, lassen nicht lange auf sich warten.

Letzten Endes ist es die x-te Variation einer altbekannten Geschichte, die Jonathan Evison in „Umweg nach Hause“ erzählt, aber dennoch lohnt sich die Lektüre dieses über weite Strecken sehr kurzweiligen Buches. Bei allen Schwächen, die Evison seinen Charakteren auf den Leib geschrieben hat, gibt er sie zu keinem Zeitpunkt der Lächerlichkeit preis, sondern lässt sie stets Würde und Haltung bewahren. Ben, die Figur, von der wir am meisten erfahren, mag zwar in gewisser Weise ein ziemlicher Versager sein, der hin und wieder selten dämliche Entscheidungen trifft, aber in erster Linie ist er doch ein gebrochener Mann, der stets nur das Beste für seine Familie und sich wollte, dem dabei aber oft unglaubliches Pech in die Quere gekommen ist.

So gelingt „Umweg nach Hause“ letzten Endes das seltene Kunststück, seine Leserinnen und Leser einerseits bestens zu unterhalten, sie andererseits aber auch nachdenklich und vielleicht sogar mit einem etwas dankbareren Blick auf ihr eigenes Leben zurückzulassen.


Jonathan Evison: Umweg nach Hause. Deutsch von Isabel Bogdan. Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04659-5, 384 Seiten; € 19,99.

Ebenfalls von Jonathan Evison auf Deutsch erhältlich und ebenfalls empfehlenswert: Alles über Lulu. Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04491-1, 384 Seiten; € 9,99. 

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