Tim Weaver — Erkenne deine Schuld

Erst kürzlich wurde wieder einmal völlig zu Recht bemängelt, dass aktuelle Krimis und Thriller zunehmend auf Brutalität, Folter und Schockmomente setzen, anstatt mit einer gut konstruierten, intelligenten Story und glaubwürdig gezeichneten Charakteren Spannung zu erzeugen. „Erkenne deine Schuld“, der neue Roman des Engländers Tim Weaver, ist zum Glück einer dieser Thriller, die auch ohne abgetrennte Gliedmaße, Ritualmorde und ähnliche Geschmacklosigkeiten zu überzeugen wissen.

Tim Weaver

David Raker, ehemaliger Journalist und nun als Privatermittler auf vertrackte Vermisstenfälle spezialisiert, hat es diesmal mit einem ganz besonders kniffligen Fall zu tun: Leonard Franks, ein hochdekorierter und allseits beliebter Polizist im Ruhestand, war nur mal kurz vor der Tür seines Hauses im beschaulichen Dartmoor, um ein wenig Feuerholz zu holen und ist dabei spurlos verschwunden. Nichts deutet auf ein Verbrechen oder einen Unfall hin und dass der als bodenständiger Familienmensch bekannte Mittsechziger seinem ruhigen Leben auf dem Land freiwillig den Rücken gekehrt hat, darf auch ausgeschlossen werden. Die einzige Spur, die Raker zu Beginn verfolgen kann, ist der Umstand, dass sich Franks auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Polizeidienst noch dann und wann mit älteren Fällen beschäftigt hat. Vor allem der längst eindeutig aufgeklärte Mord an einer jungen Frau scheint den Verschwundenen nicht mehr losgelassen zu haben. Im Laufe seiner Ermittlungen stellt Raker allerdings schnell fest, dass dieses fast 20 Jahre zurückliegende Verbrechen nur die Spitze des Eisberges ist.

Auch wenn das Cover mit den blutigen Dornen auf den ersten Blick etwas anderes vermuten lässt, ist „Erkenne deine Schuld“ kein besonders reißerisch aufgemachter Thriller. Tim Weaver versteht es, auch ohne viel Blutvergießen oder gar übertriebene Gewaltdarstellungen eine spannende Atmosphäre aufzubauen und vor allem im ersten Teil des Romans, in dem man als Leserin oder Leser komplett im Dunkeln tappt, macht sich ein zunehmendes Gefühl der Beklemmung breit. Umso mehr der sympathische Ich-Erzähler und Protagonist David Raker im weiteren Verlauf die Puzzleteile des Falls zusammenfügt, desto konventioneller wird die Handlung allerdings. Natürlich weiß Raker bald nicht mehr, wem er trauen kann und obendrein heftet sich eine dunkle Gestalt an seine Fersen — Elemente, die man auch in zig anderen Thrillern in ganz ähnlicher Form findet. Der Spannung tut dies jedoch kaum einen Abbruch, weil Tim Weaver mit ein paar wirklich überraschenden Wendungen aufwartet. Gegen Ende hin, als „Erkenne deine Schuld“ schon eher zum Familiendrama geworden ist, nehmen die Überraschungen dann jedoch fast ein wenig überhand, was etwas konstruiert und überladen wirkt.

Trotz dieser kleineren Schwächen ist der fünfte Teil der David-Raker-Reihe ein wohltuend unblutiger, spannender und streckenweise auch recht unkonventioneller Thriller, dessen Lektüre sich auf jeden Fall lohnt.

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Tim Weaver: Erkenne deine Schuld. Deutsch von Karin Dufner. Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-48268-9, 576 Seiten, € 9,99.

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