Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran

„Voran, voran, immer weiter voran“ — was sich wie das Mantra eines ehrgeizigen Motivationskünstlers (man denke nur an Oliver Kahns berühmtes „Weiter, immer weiter!“) anhört, bereitet dem Protagonisten von Ryan Bartelmays Debütroman jede Menge Kummer. Dass das Leben immer irgendwie weitergeht, ist für ihn nämlich keineswegs eine Tatsache, aus der sich in schweren Stunden Kraft schöpfen lässt, sondern die Ursache allen Ärgers.

Ryan BartelmayEigentlich hat Chic Waldbeeser, geboren Anfang der Dreißiger in einer Kleinstadt in Illinois, niemals allzu große oder gar unerfüllbare Ansprüche an sein Leben gestellt — ein guter Bruder wollte er sein, später dann ein treuer Ehemann und liebender Vater. Der Wunsch, ein guter Bruder zu sein, platzt schon früh wie eine Seifenblase, weil Chic schlichtweg noch zu jung ist, um seinen etwas älteren Bruder Buddy nach dem Selbstmord des Vaters davor zu bewahren, in ein tiefes Loch zu fallen. Auch die direkt nach Beendigung der Highschool geschlossene Ehe mit Diane steht von Beginn an unter keinem guten Stern, da noch während der Hochzeitsfeier offensichtlich wird, dass sich Chic eher zu Buddys indischer Frau Lijy hingezogen fühlt als zu Diane. Dass Chic wenige Jahre später sogar auf Lijys Vorschlag, ein bei einem Seitensprung entstandenes Kind offiziell als seines auszugeben, damit der „Sündenfall“ wenigstens in der Familie bleibt, macht die Situation verständlicherweise nur noch komplizierter. Vollends zerrissen wird die Ehe schließlich durch den tragischen Tod von Sohn Lomax, für den sich Chic verantwortlich fühlt. Ein allzu guter Vater war er nämlich auch nie — einen echten Zugang zu seinem eher an Naturwissenschaften und Fremdsprachen als an Sport und anderen Kindern interessierten Jungen hat er nie gefunden. An eine Trennung denken die beiden Eheleute aber trotz der immer tiefer werdenden Gräben zwischen ihnen nie. Während sich Diane pausenlos essend ins Schlafzimmer einschließt und den Radiosendungen eines Gurus lauscht, der ein glückliches Leben verspricht (ohne davon natürlich in irgendeiner Form tatsächlich glücklicher zu werden), flüchtet sich Chic in eine Traumwelt und denkt zurück an die in seiner falschen Erinnerung wunderbaren, in der Wahrheit eher ganz schrecklichen Flitterwochen mit Diane in Florida. Selbst als er Ende der 90er Jahre, inzwischen verwitwet und in einem Seniorenheim lebend, die zigfach geschiedene Mary Geneseo kennenlernt, fristet er noch immer ein tristes Dasein zwischen Selbsttäuschung und Selbstmitleid…

Obwohl die Covergestaltung, die locker zu lesende Sprache und viele amüsante Begebenheiten im Lauf der Handlung den Eindruck eines lustigen und leicht verdaulichen Romans erwecken, ist „Voran, voran, immer weiter voran“ in erster Linie ein sehr trauriges, stellenweise sogar bedrückendes Buch. Wir Leserinnen und Leser begegnen zu Beginn einem jungen Paar am Anfang eines verheißungsvollen Lebensweges, auf dem in der Folgezeit jede Menge schief geht. In Jonathan Evisons Roman „Umweg nach Hause“ heißt es über eine Figur, sie treffe keine Entscheidungen, sondern die Entscheidungen treffen sie. Ähnlich verhält es sich mit den Charakteren des in Chicago lebenden Autors und College-Dozenten Ryan Bartelmay — vor allem Chic erträgt die erstaunlich lange Reihe von Schicksalsschlägen so stoisch und gleichgültig, dass man ihn manchmal am liebsten packen und schütteln möchte, damit er endlich aufwacht.

Wir haben beide in unserer eigenen Welt gelebt. Vielleicht geht es allen Leuten so. Man verrennt sich so in seine eigenen Sachen, dass man gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht, bis ich dann zufällig in den Spiegel schaute oder mich an etwas aus der Vergangenheit erinnerte, und dann brachen all diese Gefühle in mir auf, und ich konnte nichts anderes mehr machen, als mich ins Bett zu legen und an die Decke zu starren.

Eine allzu erbauliche Lektüre ist „Voran, voran, immer weiter voran“ also nicht unbedingt, aber dafür, dass der Roman eine ziemlich traurige Geschichte erzählt, liest er sich erstaunlich kurzweilig und unterhaltsam weg. Das mag auch an den kurzen Kapiteln liegen, die munter zwischen den Jahren und Personen hin- und herspringen. Ein wenig Leichtigkeit bei all der bedrückenden Schwere muss eben doch sein. Unbedingt lesenswert!

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Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader.
Karl Blessing Verlag
ISBN 978-3896675262; 432 Seiten; 21,95 Euro.

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