Paula Hawkins: Girl on the Train

Sollte jemand in diesem Sommer nur einen einzigen Spannungsroman lesen, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es sich dabei um „Girl on the Train“ von Paula Hawkins handelt. Das Thriller-Debüt der in Simbabwe aufgewachsenen Britin hat sich in den USA und Großbritannien mehrere Millionen Mal verkauft, Hollywood hat sich natürlich längst die Filmrechte gesichert und auch in hierzulande kann man kaum eine Buchhandlung betreten, ohne vor einem großen Stapel mit Exemplaren dieses Romans zu stehen.

Girl on the Train

Letzten Endes bedient sich Paula Hawkins in „Girl on the Train“ eines klassischen Thriller-Motivs, das man zum Beispiel aus Alfred Hitchcocks auf einer Kurzgeschichte des Autors Cornell Woolrich basierenden „Das Fenster zum Hof“ bestens kennt: Jemand beobachtet Details zu einem Verbrechen, aber niemand schenkt dem Beobachter Glauben, weshalb sich dieser dann eben auf eigene Faust mit dem Fall beschäftigt und natürlich schnell in große Gefahr gerät. Die Beobachterin heißt in diesem Fall Rachel, ist Anfang Dreißig und an einem toten Punkt im Leben angekommen. Ihr Kinderwunsch hat sich nicht erfüllt, ihre Ehe ist längst in die Brüche gegangen, sie leidet unter Depressionen und einem inzwischen massiven Alkoholproblem. Dieses hat auch dazu geführt, dass sie ihren Job in einer PR-Agentur verloren hat. Da sie es allerdings bisher nicht übers Herz gebracht hat, ihrer Mitbewohnerin und Vermieterin von dieser letzten Niederlage zu erzählen, fährt sie einfach immer noch jeden Tag mit dem Pendlerzug in Richtung London und schlägt dort bis zum „Feierabend“ die Zeit tot.

Ihr Blick aus dem Zugfenster bleibt dabei regelmäßig an ihrer alten Nachbarschaft hängen, an dem Haus, in dem sie und ihr Ex-Mann Tom früher gewohnt haben und in dem Tom nun mit seiner neuen Frau und dem gemeinsamen Töchterchen lebt. Noch größere Aufmerksamkeit bei Rachel weckt aber das junge Paar ein paar Häuser weiter, offenbar erfolgreiche, glückliche Menschen, die genau das Leben führen, das sie sich selbst immer erträumt hatte. So werden „Jason“ und „Jess“, wie Rachel die beiden nennt, und die um sie kreisenden Tagträume schnell zu einer Flucht aus dem eigenen, tristen Alltag. Dieses Idealbild wird allerdings erschüttert, als sie eines Tages beobachtet, wie „Jess“ im Garten einen anderen Mann küsst. Und es kommt noch schlimmer: Wenig später entdeckt Rachel in der Zeitung einen Artikel über eine junge Frau, die seit ein paar Tagen vermisst wird — daneben ist ein Bild von „Jess“ zu sehen, die im wirklichen Leben Megan Hipwell heißt. Rachel, die sich der Vermissten sehr verbunden fühlt und noch dazu glaubt, dass der fremde Mann, den sie in Megans Garten gesehen hat, womöglich mit dem Verschwinden zu tun hat, wendet sich an die Polizei, die sie jedoch für eine verwirrte Wichtigtuerin hält, die nichts zur Lösung des Falls beitragen kann. So bleibt Rachel nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen, was sich als nicht ganz ungefährliches Unterfangen entpuppt…

Ob der ganz große Hype um „Girl on the Train“ nun berechtigt ist oder nicht, möchte ich an dieser Stelle gar nicht beurteilen — einige kurzweilige Stunden hat mir der Roman aber auf jeden Fall bereitet. Sprachlich mag Paula Hawkins zwar nicht unbedingt ein großes Meisterwerk gelungen sein, die Struktur ihres Buches mit den tagebuchartigen Kapiteln und der ständig wechselnden Erzählperspektive sowie die Zeichnung ihrer Hauptfiguren, die allesamt auf der einen Seite fast bis zum Ende als potenzielle Verdächtige in Frage kommen, andererseits aber trotz ihrer Schwächen durchaus etwas Sympathisches an sich haben, sind dagegen sehr überzeugend ausgefallen.

Trotz einiger Schwächen — hier und da hätte die Handlung sicher auch ein wenig mehr Tempo vertragen können — ist „Girl on the Train“ ein sehr kurzweiliger Thriller, den man nur schwer aus der Hand legen kann. Eine ideale Urlaubslektüre also!

===

Paula Hawkins: Girl on the Train
Aus dem Englischen von Christoph Göhler.
Blanvalet Verlag
ISBN 978-3764505226; 448 Seiten; 12,99 Euro.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s