Camilla Grebe/Åsa Träff: Mann ohne Herz

Mann ohne HerzSchwedenkrimis spielen gerne im Herbst oder Winter. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen dramaturgischen Kniff, der das triste Innenleben der oft seelisch zerrissenen oder schwer depressiven Protagonisten unterstreichen oder einen „würdigen“ Rahmen für schlimmste Untaten liefern soll. „Mann ohne Herz“, der vierte Thriller um die ehemalige Stockholmer Psychotherapeutin Siri Bergman, die zu Beginn dieses Falls gerade ihren neuen Job als Profilerin bei der Polizei der schwedischen Hauptstadt aufgenommen hat, ist da anders, da der Zeitraum der Handlung während einer ungewöhnlichen Hitzewelle angesiedelt ist. Auch dahinter darf man einen dramaturgischen Kniff vermuten, da die drückende Atmosphäre der aufgeheizten Großstadt bestens zur Brisanz des Verbrechens passt: Ein aus diversen Fernsehsendungen und Klatschmagazinen bekannter homosexueller Antiquitätenhändler wurde ermordet in seiner Wohnung aufgefunden, das sauber aus dem Körper der Leiche entfernte Herz in eine dekorative Silberschale drapiert. Womöglich die Tat eines verrückten Schwulenhassers, zumal das medienaffine Opfer schon längere Zeit in Internetforen und den sozialen Medien mit derben Kommentaren und mehr oder weniger offenen Drohungen überzogen wurde. Die sehr gezielt und offenbar bestens geplante Durchführung der Tat lässt Siri Bergman und ihre Kollegen allerdings an ein etwas vielschichtigeres Motiv als puren Hass auf Homosexuelle glauben — als es weitere Opfer gibt, scheint sich diese These zu bestätigen.

Trotz des brisanten gesellschaftlichen Themas ist „Mann ohne Herz“ ein eher konventioneller Thriller, dessen Ende leider beinahe ein wenig uninspiriert und profan ausgefallen ist. Lesenswert ist das Buch aber dennoch, vor allem wegen der verschiedenen Familienentwürfe, die das Geschwister-Duo Camilla Grebe und Åsa Träff seinen Figuren auf den Leib geschneidert hat. Der Vater in einer der wenigen „klassischen“ Kernfamilien, die einem während der Lektüre begegnen, bemüht sich nach Kräften, seine homosexuelle Vergangenheit geheim zu halten, ansonsten finden sich zum Beispiel eine verwitwete Frau, die mit einem deutlich jüngeren Partner und dem gemeinsamen Sohn in wilder Ehe zusammenlebt, eine alleinerziehende Mutter, die beinahe am Spagat zwischen Karriere und der Erziehung ihrer drei Kinder (von denen eines obendrein geistig behindert ist) zerbricht, oder ein Mann, der aufgrund seines gefährlichen Jobs keine feste Beziehung eingehen will und sein eigentlich feinfühliges Wesen hinter der Fassade eines großspurigen Machos verbirgt. So unterschiedlich die angesprochenen Menschen auch sein mögen: Wirklich glücklich ist keiner von ihnen. Letzten Endes ist wohl das wirklich Erschreckende an diesem Roman dementsprechend auch die Erkenntnis, dass man heutzutage zwar eine Wahl zwischen den unterschiedlichsten Beziehungs- und Lebensmodellen hat, wirkliche Zufriedenheit aber dennoch genauso schwer zu erreichen ist wie seit jeher.

♦  Camilla Grebe/Åsa Träff: Mann ohne Herz. Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs. btb Verlag, ISBN 978-3-442-74913-3, 448 Seiten; € 9,99.

Weitere Fälle für Siri Bergmann:
— Die Therapeutin
— Das Trauma
— Bevor du stirbst

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