Mariko und Jillian Tamaki: Ein Sommer am See

Ein Sommer am See

Sommerurlaube sind, sofern man sie stets am gleichen Ort zu verbringen pflegt, so sehr von familieninternen Ritualen geprägt wie sonst wohl nur das gemeinsame Weihnachtsfest. Immer der gleiche zeitliche Ablauf, die gleichen Fixpunkte, die seit Jahren erzählten Insiderwitze und ein ständig wachsender Schatz an Anekdoten machen einen irgendwann glauben, es hätte diese Sommerurlaube schon seit unzähligen Jahren gegeben und sie würden sich bis in alle Ewigkeit wiederholen.

Auch Rose, gerade am Anfang der Pubertät, kommt es so vor, als würde sie bereits seit vielen Jahrzehnten mit ihren Eltern jeden Sommer in das immer gleiche Ferienhaus im unspektakulären Örtchen Awago Beach kommen. Die Tage dort fließen in einer gemächlichen Mixtur aus den typischen Strandaktivitäten, dem abendlichen Grillen und Nächten am Lagerfeuer ineinander. Wichtigste Gefährtin für Rose ist die knapp eineinhalb Jahre jüngere Windy, die ebenfalls seit Urzeiten ihre Sommerferien in Awago Beach verbringt. In dem Jahr, in dem „Ein Sommer am See“, die vielfach preisgekrönte — zuletzt mit dem renommierten „Eisner Award“ — Graphic Novel der Cousinen Mariko und Jillian Tamaki, spielt, ist jedoch alles ein klein wenig anders als zuvor. Zwischen Roses Eltern kriselt es gewaltig (den sehr traurigen Grund dafür erfahren wir erst gegen Ende) und statt entspannter Fröhlichkeit dominiert ein unguter Wechsel aus lautstarken Streits und zermürbendem Schweigen. Auch mit Windy versteht sich Rose nicht mehr ganz so blendend wie früher: Während Windy nach wie vor Freude an „Kinderkram“ wie Sandburgen und klebrigen Süßigkeiten hat, interessiert sich Rose auf einmal für die älteren Teenager aus dem Ort. Vor allem der fast schon volljährige Duncan, der als Aushilfe im örtlichen Tante-Emma-Laden jobbt und objektiv betrachtet ein ziemlicher Versager ist, wird von Rose aus der Ferne angehimmelt. Viel bekommt er davon natürlich nicht mit — einerseits fehlt ihm jegliches Interesse an dem deutlich jüngeren Mädchen, andererseits steckt er gerade in sehr ernstzunehmenden Schwierigkeiten, die seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Mit „Ein Sommer am See“ ist Mariko und Jillian Tamaki nicht nur eine ruhig erzählte und mit stimmigen Bildern unterlegte Coming-of-Age-Geschichte gelungen, sondern auch etwas Allgemeingültigeres. Immerhin neigen wir alle dazu, Dinge, die irgendwie schon immer da waren, als selbstverständlich hinzunehmen und ihnen deshalb kaum mehr die Beachtung zu schenken, die sie eigentlich verdient hätten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie zu verlieren drohen. Das offene Ende dieser beeindruckenden, ebenso melancholischen wie humorvollen Graphic Novel — wer weiß, ob ein weiterer gemeinsamer Sommer am See folgt — sollte uns allen eine Warnung sein und zugleich ein Ansporn, den wichtigen Menschen und Dingen in unseren Leben mehr Wertschätzung zu schenken.

♦  Mariko und Jillian Tamaki: Ein Sommer am See. Aus dem Englischen von Tina Hohl, Lettering von Michael Hau. Reprodukt, ISBN 978-3-95640-025-4, 320 Seiten; € 29.

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7 Kommentare zu „Mariko und Jillian Tamaki: Ein Sommer am See

  1. Über den Comic habe ich gerade in der Welt am Sonntag gelesen. Klingt echt gut. De kommt auf meine Leseliste. Ich lese einfach zu wenig Comics/Graphic Novels.

    1. Auf der Homepage von Reprodukt gibt es meines Wissens auch eine kleine Leseprobe. Ich finde, bei Graphic Novels ist es schon wichtig, dass einem nicht nur die Geschichte gefällt, sondern auch der Zeichenstil…

      1. Da schau ich doch gleich mal nach. Ja, bei Comics generell muss mir neben der Story auch der Zeichenstil gefallen, sonst nehme ich sie nicht in die Hand. Wahrscheinlich bin ich deshalb nicht bei Marvel und DC – Serien hängen geblieben. Die Cover sind immer cool, aber innen sind die Stile zu unterschiedlich :/

      2. Bei den ganzen Superhelden-Comics ist mir auch oft zu viel Action. Außerdem verliere ich schnell den Überblick, wer genau nun über welche Superkräfte verfügt… 😉

      3. Action finde ich nicht so tragisch, aber die ganzen Crossovers sind verwirrend. Genauso, wie zwischendrin mit der Nummerierung wieder von vorne anzufangen. Da sind mit lineare, abgeschlossene Handlungen lieber.

    1. Ja, leider steht bei Graphic Novels der Preis oft nicht ganz im Verhältnis zur Lesedauer. Aber zum Glück gibt es ja Weihnachten und Geburtstage — da kann man sich sowas dann schon mal wünschen. 🙂

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