{Rezension} Peter Høeg: Der Susan-Effekt

Der dänische Schriftsteller Peter Høeg, Jahrgang 1957, wurde vor knapp 20 Jahren mit seinem Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ zu einem internationalen Bestsellerautor. Außergewöhnliche Geschichten und starke Frauenfiguren waren schon immer Markenzeichen des ehemaligen Balletttänzers, der diese Stärken mit seinem aktuellen Roman „Der Susan-Effekt“, einer rasant erzählten Mischung aus Politthriller, Zukunftsvision und Familiendrama, einmal mehr gekonnt zur Geltung bringt.

Der_Susan_Effekt

Die Familie der dänischen Experimentalphysikerin Susan Svendsen ist eine wahre Bilderbuchfamilie, die es dank ihrer außergewöhnlichen Begabungen und Errungenschaften bereits auf den Titel des „TIME Magazine“ geschafft hat. Susan selbst wurde früh von einer Nobelpreisträgerin unter die Fittiche genommen und ihre vielfältigen Beschäftigungsfelder und akademischen Titel sprengen längst den Rahmen ihrer Visitenkarte. Ehemann Laban hat als Komponist und Dirigent einen exzellenten Ruf und auch die Teenager-Zwillinge Harald und Thit gelten gemeinhin als hochbegabt. Trotz ihres blendenden äußeren Scheins hat es die Familie jedoch geschafft, sich während eines Indien-Aufenthalts kollektiv so sehr daneben zu benehmen (von Antiquitätenschmuggel bis hin zu versuchtem Totschlag ist alles dabei), dass den einzelnen Mitgliedern teils mehrjährige Haftstrafen drohen.

Um sich und ihre Familie vor juristischem Schlamassel zu schützen, willigt Susan sofort ein, als ein vermeintlicher hochrangiger Mitarbeiter des Justizministeriums an sie herantritt und verspricht, sie aus allen Problemen herauszuboxen. Als einzige Gegenleistung fordert er, dass Susan den verschollen geglaubten Abschlussbericht einer ominösen „Zukunftskommission“ ausfindig macht – bei der Suche könne sie ja ihre fast schon übersinnliche Begabung, dass Menschen in ihrer Anwesenheit absolut aufrichtig werden und ihr freimütig selbst intimste Details erzählen, bestens einsetzen (das ist übrigens der titelgebende „Susan-Effekt“). An sich also ein Deal, der auf den ersten Blick recht fair und erfüllbar scheint. Allerdings ist das Schriftstück brisanter, als zu Beginn geahnt. Die vor 40 Jahren ins Leben gerufene und mittlerweile — die Romanhandlung ist im Jahr 2016 angesiedelt — längst aufgelöste Kommission, bestehend aus damals aufstrebenden jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, hatte den Auftrag, Zukunftsprognosen über allerlei politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ereignisse zu erstellen. Da die Prognosen der Kommission mit beängstigender Genauigkeit eintrafen, wurden die Berichte der Gruppe natürlich schnell für Regierungen und Geheimdienste interessant. Den größten Sprengstoff scheint der gesuchte Abschlussbericht zu beinhalten, wie Susan schnell herausfindet. Sie und ihr Sohn Harald entgehen nur knapp einem Mordanschlag und die ehemaligen Kommissionsmitglieder werden nach und nach auf mehr oder weniger originelle Art und Weise um die Ecke gebracht – zum Beispiel, indem man sie in eine Waschmaschine steckt.

“Wie kriegt man einen Mann in eine Waschmaschine?”
Ich blicke ihr in die Augen.
“Mit hinreichend Druck pro Quadratzentimeter.”

Tempo- und actionreich wie ein Thriller, aber deutlich überraschender und sprachlich anspruchsvoller als die oft nach Schema F gestrickte Genreware, mit jeder Menge trockenem Humor (siehe Zitat oben), einer starken Protagonistin und nicht minder interessanten Nebenfiguren: Peter Høeg ist mit „Der Susan-Effekt“ ein hervorragender, packender und sehr einfallsreicher Roman geglückt. In ihrem Verlauf wird die Handlung allerdings deutlich ruhiger und nachdenklicher, so dass sich am Ende alles auf philosophische, beinahe existenzielle Fragen zuspitzt. Wollen wir wirklich wissen, was uns in der Zukunft erwartet? Wie wollen wir den unumgänglichen, bedrohlichen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte begegnen? Wie lässt sich eine Familie zusammenhalten, wie eine ganze Gesellschaft?

Keine leichte Kost also, aber zugleich wahnsinnig unterhaltsam!

Peter Høeg: Der Susan-Effekt
Übersetzt aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. 
Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24904-2, 400 Seiten, 21,90 Euro.

Weitere Rezensionen des Romans sind unter anderem bei Deep Read und bei Zeichen und Zeiten erschienen. Die Zeit hat Peter Høeg vor einer Weile persönlich getroffen — diese Gelegenheit bietet sich Literaturinteressierten im Oktober an folgenden vier Terminen: 5.10. Hamburg — Magazin Filmkunsttheater, 6.10. Köln — Kulturkirche, 7.10. München — Literaturhaus, 8.10. Berlin — Renaissance-Theater.

Advertisements

3 Kommentare zu „{Rezension} Peter Høeg: Der Susan-Effekt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s