{Rezension} Mercedes Lauenstein: Nachts

Was machen eigentlich die Menschen, bei denen spätnachts noch Licht brennt? Können sie einfach nicht schlafen, mussten sie besonders früh raus oder widmen sie sich tatsächlich wichtigen Dingen? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich die 1988 geborene, in München lebende Journalistin und Schriftstellerin Mercedes Lauenstein in ihrem wunderbaren ersten Buch „Nachts“.

Nachts

Nachts schlafe ich nicht. Ich laufe durch die Straßen und gucke durch die erleuchteten Fenster in das Leben der anderen hinein. Ich überfliege die Klingelschilder in den Hauseingängen in der vagen Hoffnung, auf einen Namen zu stoßen, den ich kenne, vielleicht auf meinen eigenen oder einen, der irgendwie zu mir passt.

Hat die namenlose Erzählerin, deren Identität trotz gelegentlicher sanfter Andeutungen bis zum Ende im Ungefähren bleibt, ein erleuchtetes Fenster gefunden, das ihr zusagt, klingelt sie und gibt sich — sofern ihr Einlass gewährt wird — als „Forscherin“ aus, die eine Art soziologische Studie über die Menschen, die Nachts noch wach sind, anfertigt. Letzten Endes beginnen alle 25 Erzählungen in „Nachts“ auf eine ähnliche Art und Weise: Eine Tür öffnet sich und wir bekommen einen ersten Eindruck von der Wohnung und dem Menschen, der darin lebt.

Zuerst begegnen wir Adele, die nach einem oberflächlichen Dasein als ewig jugendliches Partygirl mit Ende Dreißig ungeplant ein Kind bekam und sich gezwungen sah, binnen kürzester Zeit doch noch erwachsen zu werden („Dabei war ich letztes Jahr doch noch selbst eine von denen, die um fünf über den Gehweg torkeln und denen dabei die Tomate aus dem Döner fällt.“). Ganz anders verhält es sich bei Albert, dem zweiten „Gastgeber“, dessen Wach-Schlaf-Rhythmus ein Leben lang von einem Dasein als Bäcker und Zeitungszusteller bestimmt wurde und der nun auch im Rentenalter nicht mehr davon loskommt.

„Man kann doch froh sein“, sagt er, „wenn man der einzige Wache ist. Stell dir vor, die Leute würden herausfinden, wie schön das ist, allein nachts am Fenster. Und würden da alle stehen und gucken. Dann wär das ja nichts mehr.“

Spätestens nach diesen beiden Geschichten ist man als Leserin oder Leser gefangen von diesem schmalen Büchlein und fragt sich, was einen wohl hinter der nächsten Tür erwartet. Manchmal sind es große, berührende Begegnungen mit Menschen, die von Einsamkeit und Trauer wachgehalten werden wie David, der unter dem Tod seines geliebten Freundes leidet, oder Lara, eine vornehme alte Dame, die schier an der Aufgabe verzweifelt, die wechselvolle Geschichte ihrer Familie niederzuschreiben, wie sie es einst ihrem Vater versprochen hatte. Andere Begegnungen sind dagegen alltäglicher, fast schon banal. Manche der Besuchten sind eben um vier Uhr schon auf, weil sie zur Arbeit in die Großmarkthalle müssen, andere, wie die Schulsekretärin, die sich nur auf Reisen wirklich lebendig fühlt, sind gerade erst von irgendwoher nach Hause gekommen.

Doch egal, von welcher Art die Geschichten nun erzählen: Mercedes Lauenstein schafft es immer, dass man fasziniert ist von dem Mikrokosmos, der sich da jedes Mal aufs Neue vor einem auftut und der einen Blick erlaubt in ein fremdes Leben, das einem nach kurzer Zeit dann doch ein wenig vertraut vorkommt.

Mercedes Lauenstein: Nachts
Aufbau Verlag, ISBN 978-3-351-03614-0, 191 Seiten, 18,95 Euro.

Eine weitere Besprechung von „Nachts“ findet Ihr bei Literaturen, Mercedes Lauenstein liest an folgenden Terminen aus ihrem Buch: 16.9. Berlin — Haus der Berliner Festspiele, 8.10. Köln — Café Fleur, 15.10. Frankfurt — Dommuseum, 28.10. München — Literaturhaus, 2.12. München — Gasteig (Eintritt frei).

Eine äußerst empfehlenswerte Untermalung zur Lektüre ist übrigens „Sleep“, der neue Geniestreich des Komponisten Max Richter, dem es allerdings eher darum geht, die Zuhörer in den Schlaf zu begleiten, als sich mit den Wachenden zu beschäftigen. Dementsprechend ist das Einschlafen während des Hörens sogar erwünscht — bei der Uraufführung des achtstündigen (!) Werks in Berlin werden dem Publikum dann auch Feldbetten und Decken zur Verfügung gestellt.

Max Richter: Sleep
Deutsche Grammophon, erhältlich als einstündige Version „From Sleep“ als Doppel-LP und CD, in voller Länge ausschließlich als digitaler Download.

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2 Kommentare zu „{Rezension} Mercedes Lauenstein: Nachts

  1. Das klingt nach einem sehr interessanten Buch. Total passend für mich als Frühaufsteherin :D. Das ist gleich mal auf meine Leseliste gewandert.

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