{Rezension} Bernhard Aichner: Totenhaus

Mit „Totenfrau“, dem Thriller um die Bestatterin (und mehrfache Mörderin) Brünhilde Blum, gelang dem 1972 in Innsbruck geborenen Schriftsteller Bernhard Aichner ein internationaler Erfolg — sogar eine Fernsehserie ist bereits in Vorbereitung. Mit „Totenhaus“ wird die Reihe nun fortgesetzt, die Geschehnisse knüpfen praktisch nahtlos an den ersten Band an.

Totenhaus

Dementsprechend ist es von Vorteil (wenn auch nicht zwingend nötig), „Totenfrau“ vor der Lektüre dieses Buches bereits zu kennen, um ein wenig mehr Überblick über die nicht ganz so leicht zu durchschauenden Familienverhältnisse und die persönliche Situation der Protagonistin zu haben. Diese erholt sich zu Beginn mit ihren beiden Töchtern Uma und Nela am Strand einer griechischen Insel von den turbulenten letzten Monaten, als es mit der Ruhe jäh vorbei ist. In einer Zeitschrift entdeckt Blum die Ankündigung einer Ausstellung des Aktionskünstlers Leo Kuhn (eine Art Extremversion des umstrittenen Plastinators Gunther von Hagens), die mit einer auf einem Zebra sitzenden Toten, die ihr bis aufs Haar gleicht, beworben wird. Blum, die selbst in ihrer frühen Kindheit adoptiert wurde, vermutet, es könnte sich bei der mysteriösen Frau um ihre bisher unbekannte Zwillingsschwester handeln und stellt Nachforschungen beim Künstler an, die ihren Verdacht bestätigen und sie zur schwer reichen Adoptivfamilie der Toten führen, die nur noch aus dem unglücklichen Patriarchen sowie dem als Maler gescheiterten leiblichen Sohn Ingmar besteht und ein luxuriöses, aber mittlerweile seit Jahren geschlossenes Hotel im Schwarzwald bewohnt.

Just als Blum die ebenso überraschende wie schmerzvolle Entdeckung ihrer mittlerweile verstorbene Zwillingsschwester verdaut hat, kommt ein weiteres düsteres Kapitel ihrer Vergangenheit ans Tageslicht: Bei einer im Rahmen eines Erbschaftsstreits vorgenommenen Exhumierung werden in einem Sarg Teile eines vermissten Schauspielers entdeckt. Leichenteile, die Blum höchstpersönlich in verschiedenen Särgen hat verschwinden lassen, nachdem sie Rache an den vermeintlichen Mördern ihres Mannes genommen hatte. Schnell gerät die Bestatterin ins Visier der Ermittler und muss fliehen. Das verlassene Hotel im Schwarzwald bietet sich da natürlich als ideales Versteck an. Ob sie den seltsamen Bewohnern, allen voran Ingmar, allerdings trauen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt…

Zerstückelte Leichen, vom Tod besessene Künstler, eine mordende Bestatterin, eine Familie mit einem offenbar dunklen Geheimnis und ein Unheil verkündendes, an Stephen Kings „Shining“ erinnerndes Hotel. Bernhard Aichner hat sich für „Totenhaus“ einiges einfallen lassen, wobei hier und da fast ein wenig zu dick aufgetragen wird, während die eigentliche Handlung dafür beinahe ein wenig zu kurz kommt. Neben dem atemlosen Stil mit den stakkatohaften, kurzen Sätzen ist auch diesmal die Protagonistin wieder das prägende Element des Buches. Immerhin ist Brünhilde Blum eine höchst ambivalente Figur, mit der man auf der einen Seite mitfiebert und für die man durchaus Sympathien hegt, die man aber auf der anderen Seite für ihre kaltblütige und jähzornige Art, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen, eigentlich verabscheuen sollte. Gerade dieser gelungene Spagat, der einen als Leserin oder Leser immer wieder vor ein moralisches Dilemma stellt, macht die Romane von Bernhard Aichner so interessant.

Bernhard Aichner: Totenhaus
btb Verlag, ISBN 978-3-442-75455-7, 416 Seiten, 19,99 Euro.

Am 24. September wird Bernhard Aichner im Konzertsaal des Belgischen Hauses in Köln mit dem „Crime Cologne Award“ ausgezeichnet, an folgenden Terminen liest er aus seinem aktuellen Buch: 8.10. Hamburg — Harbour Front Literaturfestival, 15.10. Frankfurt — Kunstverein, 16.10. Frankfurt — Kriminacht im Hauptbahnhof, 27.10. München — Krimifestival, 28.10. Braunschweig — Krimifestival, 12.11. Potsdam — MAZ Media Store, 17.11. Berlin — Krimimarathon Berlin/Brandenburg, 18.11. Teltow — Krimimarathon Berlin/Brandenburg.

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