{Rezension} Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich

Nach dem als Autor immens erfolgreichen Sven Regener von Element of Crime, Markus Berges (Erdmöbel), Frank Spilker (Die Sterne) und zuletzt Jochen Distelmeyer (Blumfeld) hat sich mit Thees Uhlmann also ein weiterer deutscher Indie-Musiker als Romancier versucht. „Sophia, der Tod und ich“, das sehr unterhaltsame Roman-Debüt des Tomte-Sängers und Verfassers der ebenso kurzweiligen Tocotronic-Tourtagebücher, darf dabei als durchaus geglückt bezeichnet werden.

Sophia, der Tod und ich

Als Format hat Thees Uhlmann für seinen Erstling dabei den immer wieder gerne genommenen Roadtrip gewählt, bei dem die Hauptfiguren aus irgendeinem Grund von A nach B fahren und dabei allerlei mehr oder weniger originelle Abenteuer zu bestehen haben. Das mag spätestens seit dem großen Erfolg von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“  und den unzähligen in dessen Fahrwasser schippernden Kopien zwar ein wenig ausgelutscht sein, aber bei „Sophia, der Tod und ich“ funktioniert es nicht zuletzt dank der einfallsreichen Personenkonstellation doch recht gut.

Der namenlose Protagonist, ein recht lethargischer Altenpfleger Anfang Vierzig, der ein unspektakuläres, hauptsächlich von Fußball, Kneipenbesuchen, Grübeleien und Granulatkaffee bestimmtes Dasein fristet, wird jäh aus seinem Trott gerissen, als auf einmal der Tod höchstpersönlich vor der Tür steht und ihm eröffnet, er hätte jetzt noch genau drei Minuten zu leben. Vor dem plötzlichen Ableben bewahrt wird der Verdutzte, in dem man an vielen Stellen durchaus den Autor selbst deutlich erkennen kann, durch das Auftauchen seiner Exfreundin Sophia, die er bekniet hatte, ihn zu einem Besuch bei seiner Mutter zu begleiten und die nun äußerst angefressen ist, weil er den ausgemachten Termin offenbar vergessen hat und stattdessen mit einem seltsamen neuen Freund herumhängt. Wegen der Anwesenheit der burschikosen Sophia kann — so sind die Regeln — der Sensenmann, der sich kindlich darüber freut, endlich einmal länger als drei Minuten unter den Lebenden wandeln zu dürfen, seinen Auserwählten nicht sofort mitnehmen und so macht sich das ungleiche Trio eben gemeinsam auf den Weg zur Mutter. Das gleiche Spiel wiederholt sich ein weiteres Mal, weshalb der Protagonist, seine Mutter, Sophia und der Tod schließlich bald unterwegs zum achtjährigen Sohn des Todgeweihten sind, wo der Kreislauf schließlich durchbrochen wird — wie, soll hier natürlich nicht verraten werden.

Ich meine, der eigenen Mutter erzählen, dass man stirbt. Mann, ey. Und dann ist da noch dieser komische neue Freund von uns, der die ganze Zeit mit irgendwelchen neuen Regeln um die Ecke kommt, und man hat panische Angst, dass man irgendwelche Menschen ins Unglück stürzt, wenn man sie bricht. Und ich kann, wenn ich Glück habe, noch einmal meinen Sohn sehen, den ich seit sieben Jahren nicht gesehen habe, was so scheiße traurig ist, dass ich es selber nicht glauben kann. Ich wollte noch mal in die Kneipe, ich wollte noch mal zum Fußball, ich wollte die Küche noch mal neu streichen. Moment, das wollte ich nicht, das hört sich einfach nur gut an, wenn man so was sagt.

Obwohl es schon ein paar traurige Momente gibt und im Kern existenzielle Fragen — zum Beispiel danach, was man tun würde, wenn man wüsste, dass man demnächst stirbt — behandelt werden, ist „Sophia, der Tod und ich“ natürlich ein lustiger Roman, der von seinen oft absurden Dialogen und den meist ins leere führenden Anekdoten des Protagonisten lebt. Wer schon immer Freude an den wortreichen Interviews Thees Uhlmanns, seinen ebenfalls von Anekdoten getränkten Ansagen auf Konzerten oder dem herrlich unsinnigen alten Tomte-Blog hatte, wird von diesem im Tonfall ganz ähnlichen Buch bestens unterhalten werden. Die Fantasy-Elemente, die gegen Ende einen immer größeren Stellenwert einnehmen, wirken zwar ein wenig arg holprig, ändern aber nicht viel am positiven Gesamteindruck.

Gerne dürfen diesem Debüt noch weitere Romane folgen. Das wünscht man sich ja nun auch nicht bei jedem schreibenden Musiker…

Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich
Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04793-6, 320 Seiten, € 18,99.

In den kommenden Monaten ist Thees Uhlmann mit seinem Roman auf ausgedehnter Lesereise.- Termine: 21.10. Hamburg — Uebel & Gefährlich (Bauerfeinds Auslese), 31.10. Düsseldorf — New Falls Festival, 4.11. Rostock — Mau Club, 5.11. Hannover — Faust, 6.11. Weißenhäuser Strand — Rolling Stone Weekender, 14.11. Heidelberg — Karlstorbahnhof, 17.11. Dortmund — Mayersche Buchhandlung, 18.11. Erlangen — E-Werk, 19.11. Reutlingen — franz K, 20.11. Karlsruhe — Literaturhaus, 22.11. Wiesbaden — Schlachthof, 20.1.16 Osnabrück — Lagerhalle, 21.1.16 Frankfurt — Brotfabrik, 22.1.16 Ulm — Roxy, 25.1.16 München — Ampere, 26.1.16 Bremen — Modernes, 27.1.16 Essen — Zeche Carl, 28.1.16 Bayreuth — Leselust Festival, 29.1.16 Dresden — Schauburg.

Advertisements

Ein Kommentar zu „{Rezension} Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s