Helen Macdonald: H wie Habicht

Mit Preisen überhäuft und Lob überschüttet wurde die britische Autorin und Universitätsdozentin Helen Macdonald für ihr Buch „H wie Habicht“. Völlig zu Recht, wobei man sich auch einlassen muss auf die Welt dieser wundersamen Mischung aus autobiographischer Trauerbewältigung, Greifvogel-Sachbuch, Künstlerbiographie und Kulturgeschichte der Falknerei.

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Als Helen Macdonald ihren geliebten Vater verliert, bricht für sie eine Welt zusammen. Und zwar nicht nur deshalb, weil — zumindest in halbwegs intakten Familien — immer eine Welt zusammenbricht, wenn ein Elternteil plötzlich stirbt, sondern auch, weil der etwas kauzige, vielseitig interessierte Fotograf für seine Tochter seit deren frühester Kindheit ein treuer Freund, Förderer und Verbündeter gewesen ist. Als die kleine Helen in der Grundschulzeit ein fast an Besessenheit grenzendes Interesse an Greifvögeln entwickelte und davon träumte, eines Tages Falknerin zu werden, tat der Vater das nicht nur als vorübergehende, kindliche Spinnerei ab, sondern durchstreifte mit seiner Tochter ganze Wochenenden lang Antiquariate auf der Suche nach alten Büchern über Greifvögel und nahm sie mit aufs Land, wo sie echten Falknern bei der Arbeit über die Schulter schauen konnte.

Nach dem Tod des Vaters beschließt die inzwischen erfahrene Falknerin Helen jedenfalls — angeregt vom Buch „The Goshawk“, in dem der Sonderling und ehemalige Lehrer T.H. White, der es später mit dem Romanzyklus „Der König auf Camelot“ zu etwas Ruhm brachte, seinen erfolglosen Versuch beschreibt, einen wilden Habicht zu zähmen — sich zur Trauerbewältigung selbst an dieser Königsdisziplin der Greifvogelhaltung zu versuchen. Während das „Abtragen“ (so bezeichnet man in der Fachsprache das Zähmen eines Raubvogels) des Habichtweibchens Mabel relativ gut gelingt, scheitert der Versuch, damit über den Verlust des Vaters hinwegzukommen, indes auf ganzer Linie. Helen hat kaum mehr Kontakt zu anderen Menschen, richtet ihren ganzen Tagesablauf an Mabel aus, denkt teilweise selbst wie ein Habicht, wird zunehmend depressiv und ist mehr als ein Mal dem Wahnsinn nahe. Letzten Endes ist es aber auch die Beschäftigung mit Mabel, die ihr dann doch wieder den Weg zurück ins Leben ebnet…

Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig voll von Neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass dies nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal da waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können, wo jetzt die Erinnerungen sind.

In welcher Schublade sich „H wie Habicht“ verorten lässt, ist selbst nach dem Lesen dieses ebenso eigenartigen wie faszinierenden Buchs nicht so recht klar. Zum einen beschreibt die trauernde Helen Macdonald die schweren Monate nach dem Verlust ihres Vaters, zum anderen sehr kenntnisreich und teilweise fast schon zu ausführlich die eigentlich fast unmögliche Kunst des Abtragens eines Habichts. Die andere, nicht so persönlich beeinflusste Ebene von „H wie Habicht“ widmet sich der jahrtausendealten, spannenden Kulturgeschichte der Greifvogelhaltung und -jagd sowie der Biographie des bereits erwähnten T.H. White, einer gleichsam beeindruckenden wie auch unsympathischen Gestalt.

Während gerade Bestseller gerne nach dem immer gleichen Muster gestrickt sind, fällt „H wie Habicht“ wohltuend aus jedem starr vorgezimmerten Rahmen. Man muss sich schon einlassen wollen auf dieses kluge, anrührende und mitunter eigenartige Buch — letzten Endes kann man durch die Lektüre aber nur gewinnen.

Helen Macdonald: H wie Habicht
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Kretschmer.
Allegria Verlag, ISBN 978-3-7934-2298-3, 416 Seiten, 20 Euro.

Nachtrag: Beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern ist der Habicht übrigens der „Vogel des Jahres 2015“ — mehr dazu hier.

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3 Kommentare zu „Helen Macdonald: H wie Habicht

  1. Das Buch habe ich mir vor kurzem gekauft. Ich bin sehr gespannt auf diese Lektüre und freue mich darauf. Ich finde es interessant, wenn ein Buch versucht, Grenzen der Genres auszuloten und sie auch zu überwinden, um etwas ganz Eigenes zu.

    1. Viel Spaß schon mal damit.

      Ich bin normalerweise nicht der allergrößte Sachbuchfreund, aber das hier hat sich wirklich eher wie ein Roman gelesen.

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