Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

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Nicht erst seit den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Woche scheint unsere Welt zunehmend aus den Fugen geraten zu sein. Dass alles allerdings noch deutlich schlimmer kommen könnte, zeigt „Das Licht der letzten Tage“, in dem die in New York lebende Kanadierin Emily St. John Mandel ein ganz und gar nicht weit hergeholtes Szenario durchspielt, nämlich das einer unaufhaltsam wütenden globalen Pandemie. Das hier „Georgische Grippe“ genannte Virus hat binnen kürzester Zeit gut 99 Prozent der Weltbevölkerung dahingerafft, Staaten zu Grunde gehen lassen, technologische und medizinische Errungenschaften weggewischt. Kurzum: Die Zivilisation, wie wir sie kennen, wurde praktisch von jetzt auf gleich ausgelöscht. Nach harten Jahren voller Gewalt und Chaos, die von der Autorin nicht näher beschrieben werden, ist um das Jahr 20 nach der Katastrophe wieder eine Art Normalität eingekehrt. Menschen leben in Siedlungen zusammen, blicken halbwegs zuversichtlich in die Zukunft (falls sie nicht den Heilsversprechungen allerlei selbsternannter Propheten und Gurus verfallen sind) und versuchen sogar, Phänomene der Vergangenheit wie das Internet oder elektrischen Strom, wieder aufleben zu lassen. In dieser Zeit treffen wir Leserinnen und Leser auch auf die „Fahrende Symphonie“, ein Grüppchen von Schauspielern und Musikern, das durch die Lande zieht und das nur noch spärlich vorhandene Publikum vornehmlich mit Shakespeare-Stücken unterhält. An den Mitgliedern dieser bunten Truppe, allen voran der klugen Kirsten und ihrem Freund August, hangelt sich der in der Zukunft spielende Erzählstrang dieses komplex und klug konstruierten Romans entlang.

Mehr als die Hälfte des gut 400 Seiten starken Buches besteht allerdings aus Rückblenden in die Zeit kurz vor dem Ausbruch der „Georgischen Grippe“ und den Tagen, Monaten und Jahren nach dem Zusammenbruch der Zivilisation. Auch hier hängt alles mit allem zusammen, nichts geschieht zufällig — ein ganz zentrales Motiv von „Das Licht der letzten Tage“ — und am Ende landet man immer wieder bei dem Schauspieler Arthur Leander, der ausgerechnet am letzten „normalen“ Abend auf Erden während einer „König Lear“-Vorstellung auf der Bühne an einem Herzinfarkt stirbt. Hautnah als Kinderschauspielerin mit dabei ist die damals acht Jahre alte Kirsten, der bald danach nicht mehr viel geblieben ist als ihr Bruder und ein paar Comics um den Raumfahrer „Dr. Eleven“, dessen Geschichte später natürlich auch noch eine Rolle spielen wird…

Die Hölle ist die Abwesenheit von Menschen, nach denen man sich sehnt.

„Das Licht der letzten Tage“ ist ein Endzeitroman der anderen, klügeren Sorte: Emily St. John Mandel macht uns hier nämlich in erster Linie bewusst, was wir beim Untergang unserer Zivilisation alles verlieren würden. Und was wir an jedem Tag, an dem wir — wie es an einer Stelle im Roman so treffend heißt — als „Hochleistungsschlafwandler“ durch unsere Leben gehen, schon heute verlieren. Das mag nicht so verstörend sein wie drastische Schilderungen einer anarchischen, verrohten postapokalyptischen Gesellschaft, ist aber deutlich eindringlicher und bleibt länger im Gedächtnis haften. Wer mag, kann das bei aller Ernsthaftigkeit sehr unterhaltsame Buch natürlich auch als Analogie auf unsere heutige Zeit lesen und wird dabei nicht wenige Parallelen zu aktuellen Phänomenen wie Flucht, Vertreibung, religiösem Fanatismus oder Ressourcenknappheit entdecken. Gerade vor diesem Hintergrund ist der Umstand, dass es selbst nach dem großen Zusammenbruch immer noch Musik gibt, Theater, Bibliotheken, Zeitungen und Museen, am Ende doch sehr tröstlich.

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage
Aus dem Englischen übersetzt von Wiebke Kuhn.
Piper Verlag; ISBN 978-3-492-06022-6; 416 Seiten; € 14,99. 

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14 Kommentare zu „Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

  1. Der Roman hat mich sehr begeistern können. Für mich war es interessant zu sehen, welchen Stellenwert Kultur erhält, wenn die technisierte Welt zusammenbricht. Sie wird zu einem Schatz, der sehr gepflegt wird, während die Technik, ebenfalls gewürdigt, in einem Museum ausgestellt wird. Außerdem gibt es viele kleine Geschichten in der großen Geschichte.

    1. Womöglich kann das Buch ja auch ein Ansporn dazu sein, selbst etwas weniger auf die Technik zu setzen und sich öfter mal wieder analogen Dingen zuzuwenden. ☺

  2. Das klingt sehr interessant und kommt umgehend auf meinen Merkzettel! Es erinnert mich an „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ von Peter Heller. Bei dem haben mich vor allem die Mitmenschlichkeit und der Wunsch, nicht zu verrohen, beeindruckt. Daraus entsteht Hoffnung auf ein Weiterleben.

    1. Das Buch von Peter Heller kannte ich noch nicht, aber es hört sich sehr lesenswert an — danke für den Tipp! Ein ehemaliger Provinzflughafen kommt in „Das Licht der letzten Tage“ übrigens auch vor. Unter anderem ist dort das Museum untergebracht, das Constanze in ihrem Kommentar erwähnt hat.

  3. Das Buch habe ich schon öfter im Laden liegen sehen und dachte immer, dass es in die Kategorie „Frauenromane“ gehört. Aber nach deiner Rezension kommt es auf meine Wunschliste. Ich finde solche Romane sehr spannend, denn unsere Umwelt und Gesellschaft ist fragiler als man denken mag.

      1. Wahrscheinlich verkauft es sich besser, wenn es aussieht wie „Chick-Lit“. 😉

      2. Das ist gut möglich. Ich finde aber die Cover von „Chick-Lit“ so furchtbar, dass ich immer einen großen Bogen darum mache.

      3. Das spricht für Dich, dass Du offenbar nicht zur Zielgruppe dieser Bücher gehörst.

        Vergangenen Freitag war ich in München auf der Bücherschau, wo fast alle Neuerscheinungen des vergangenen Jahres ausgestellt sind — meist nach Verlagen und weniger nach Themenschwerpunkten sortiert. Da ist mir schon aufgefallen, dass ziemlich viel Mist erscheint, gerne natürlich auch in Kombination mit zweifelhafter Covergestaltung. 🙂

      4. Ich habe das Buch letzte Woche gelesen und es war einfach wunderbar. Ohne deine Rezension hätte ich es wahrscheinlich nicht gelesen. Vielen Dank dafür. Mir hat es sogar so gut gefallen, dass ich es zu Weihnachten gleich verschenken werde 😀

      5. Freut mich, dass es Dir gefallen hat. Und ich nehme an, dass das Weihnachtsgeschenk auch gut ankommt. 🙂

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