Peter Heller: Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Big_HigRecht angenehm am Bloggen über Bücher ist der Umstand, dass man dann und wann auf Lesestoff aufmerksam gemacht wird, der wahrscheinlich komplett an einem vorbeigegangen wäre. So geschehen kürzlich im Fall von „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“. Petra vom uneingeschränkt empfehlenswerten Sachbuch-Blog Elementares Lesen fühlte sich von der Rezension zu Emily St. John Mandels „Das Licht der letzten Tage“ an den 2013 auf Deutsch erschienenen Debütroman des Amerikaners Peter Heller erinnert und da ich momentan ein gewisses Faible für Weltuntergangsszenarien habe (keine Sorge, ich bin kein Prepper und horte auch keine Konserven- oder Trinkwasservorräte im Keller), musste auch dieses Buch umgehend gelesen werden.

Die Ausgangslage bei Peter Heller ist ähnlich wie bei Emily St. John Mandel: Auch hier hat eine verheerende Grippe-Epidemie einen Großteil der Weltbevölkerung dahingerafft und auch hier — die Handlung spielt neun Jahre nach der Katastrophe — ist das Leben der verbliebenen Menschen weitgehend von Anarchie und Chaos bestimmt. „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ ist allerdings ein wenig kleinteiliger, richtet sich der Blick doch in erster Linie auf das Leben zweier sehr unterschiedlicher Männer, die das Schicksal zu einer Zweckgemeinschaft zusammengeschweißt hat. Hig, um die Vierzig und einst Bauunternehmer mit Freude an Lyrik und dem Angeln, bewohnt und bewirtschaftet gemeinsam mit dem grobschlächtigen, wortkargen Waffennarr Bruce Bangley das Gelände eines ehemaligen Provinzflughafens irgendwo in Colorado. Unter normalen Umständen wären sich die beiden ungleichen Gefährten wahrscheinlich niemals begegnet, aber in der gefährlichen postapokalyptischen Welt geben sie einander Sicherheit: Hig unternimmt zusammen mit seinem Hund Jasper, einem letzten Überbleibsel aus dem „alten Leben“, in einem altersschwachen Flugzeug regelmäßig Erkundungsflüge in der näheren Umgebung, Bangley ist in erster Linie dafür zuständig, Eindringlinge mit Waffengewalt vom Flughafen fernzuhalten. Während sich Bangley mit seiner Aufgabe als gnadenloser Verteidiger des kleinen Reichs angefreundet hat, wird Hig ständig umgetrieben von der Suche nach ein wenig Normalität und Beständigkeit im herrschenden Chaos. Ein traumatisches Erlebnis bewegt ihn schließlich dazu, aus den engen Grenzen seines Daseins auszubrechen und sich auf eine gefahrvolle Reise zu machen…

„Ist es möglich, so verzweifelt zu lieben, dass das Leben unerträglich wird? Ich spreche nicht von unerwiderter Liebe, ich spreche davon, in der Liebe zu sein. Mitten in der Liebe und doch verzweifelt. Weil man weiß, dass es enden wird, so wie alles auf der Welt. Einfach enden.“

Das Cover mag ein Jugendbuch vermuten lassen, aber „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ richtet sich mit seiner im Grunde sehr ernsten Thematik und einigen ziemlich schonungslosen Schilderungen (wobei all die Schießereien längst nicht so sehr an die Nieren gehen wie die schier atemberaubende Szene, in der Hig von der letzten Bitte seiner hochschwangeren, unheilbar an der Grippe erkrankten Frau erzählt) dann doch eher an Erwachsene. Mit einer oft poetischen Sprache und einem Sinn für leisen Humor geht Peter Heller in seinem kurzweiligen, klugen und lesenswerten Roman der Frage nach, wie (und ob überhaupt) man weiterleben kann, wenn alle für unverrückbar gehaltenen Konstanten auf einmal weggebrochen sind. Die Antwort fällt, zumindest im Falle von Hig, zwiespältig aus: Einerseits muss dieser in einer gewalttätigen, kargen Welt zurechtkommen, die ihn immer wieder an seine physischen wie psychischen Grenzen bringt, andererseits findet er — nicht zuletzt bei seinem Verbündeten Bangley, hinter dessen rauer Schale sich etwas klischeehaft natürlich ein gutes Herz verbirgt — dennoch auch tiefe Verbundenheit, Freundschaft und sogar eine Art familiäre Zusammengehörigkeit.

Peter Heller: Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte
Deutsch von Eva Bonné.
Eichborn Verlag, ISBN 978-3-8479-0519-6, 320 Seiten, € 19,99.

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5 Kommentare zu „Peter Heller: Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

  1. Das Buch habe ich mir gleich einmal auf die Wunschliste gesetzt. Ich finde Endzeit-Geschichten immer wieder spannend, denn sie werfen die Frage auf, wie sich die Menschen verhalten angesichts einer großen Katastrophe. Und gehen die Ideen sehr auseinander. „Das Licht der letzten Tage“ fand ich sehr interessant.

  2. Ich weiß nicht, ob Dir das schon jemand vorgeschlagen hat (eine Such-Funktion wäre ganz gut 🙂 ), aber wenn du Weltuntergangsszenarien magst, kann ich Dir Margaret Atwoods MadAddam-Trilogie uneingeschränkt empfehlen!

    1. Danke für den Tipp! Die Bücher habe ich schon länger auf dem Schirm, bin aber bisher leider noch nicht dazugekommen, sie zu lesen. Ich hoffe, das bald mal nachzuholen.

      (Und eine Suchfunktion bekomme ich sicher auch irgendwann einmal hin. 😉 )

  3. Schön, dass dir das Buch gefallen hat. Ich hatte den Tipp damals von Mara von Buzzaldrins Blog. Es ist versöhnlicher als andere Endzeitszenarien, z.B. Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“.

    1. Das Buch von Heinz Helle habe ich noch nicht gelesen, aber es macht insgesamt tatsächlich einen eher düsteren Eindruck. „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic ist ja auch ziemlich hoffnungslos, wobei da das Endzeitszenario weniger schlüssig ist als in vielen anderen Romanen, in denen der Weltuntergang und die Folgen etwas anschaulicher begründet und erklärt werden.

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