Tomas Bannerhed: Die Raben

die_rabenMüsste man allein von einem Blick aufs Cover auf den Inhalt schließen, so würde man „Die Raben“ wohl am ehesten in der Krimi- oder Thrillerecke vermuten. Immerhin bediente sich zuletzt das im gleichen Verlag erschienene neue Werk des österreichischen Thriller-Spezialisten Bernhard Aichner einer ähnlichen optischen Gestaltung. Tomas Bannerheds Roman, ausgezeichnet unter anderem mit dem renommierten August-Preis, setzt allerdings nicht auf Mord und Totschlag, sondern stellt das Ungeheuerliche auf sehr subtile Art dar. Eine recht verstörende, eigenwillige Lektüre ist „Die Raben“ aber dennoch.

Hauptfigur des mit knapp 450 Seiten ziemlich umfangreichen Buches ist der zwölf Jahre alte Klas, der mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder in den 70er Jahren auf einem kleinen Bauernhof im schwedischen Småland aufwächst. Eine Astrid-Lindgren-Idylle sucht man allerdings vergeblich, denn das Leben in der sehr dünn besiedelten Gegend ist in erster Linie geprägt von harter Arbeit, Entbehrungen und Langeweile. All dem versucht der aufgeweckte und kluge, aber auch etwas einsame Klas so oft es nur geht, zu entfliehen: Bücher, Mathematik und vor allem sein größtes Hobby, die Vogelkunde, bieten dem feinfühligen Jungen eine Zuflucht. Wohin ihn seine vielfältigen Interessen einmal führen werden, weiß er noch nicht, aber sicher ist, dass er den väterlichen Hof auf keinen Fall übernehmen will, wobei er auch ahnt, dass die tatsächliche — und nicht nur geistige — Flucht ein sehr schwieriges Unterfangen werden dürfte.

Während Klas mit der aus Stockholm zugezogenen Veronika im Laufe des Sommers eine Gefährtin findet und zugleich die zarte erste Liebe erlebt, wird die Situation zu Hause immer angespannter. In der Ehe der Eltern kriselt es und der Vater scheint zunehmend den Verstand zu verlieren…

„Was hält ein Moor oben!, schoss es mir durch den Kopf. Kein tragender Boden, kein Felsgrund, der auffängt. Ein trockengelegter Morast, der jederzeit nachgeben und einstürzen kann und von breiter werdenden Klüften verschluckt wird, die endlos wachsen, sich niemals schließen.
Deshalb wohnt keiner mitten im Moor — weil alles in die Unterwelt hinabgesogen werden kann. In ein Loch ohne Boden und Licht.“

Es ist ganz schön starker Tobak, den der Schwede Tomas Bannerhed seinen Leserinnen und Lesern mit seinem Familiendrama „Die Raben“ zumutet. Einerseits besticht das Buch mit seinen detailverliebten Naturbeschreibungen, andererseits könnte die Handlung pessimistischer und rauer kaum sein. Das kleinbäuerliche Småland wird als eine feindliche, triste Umgebung dargestellt, das Leben von Klas und seiner Familie wirkt mit zunehmender Dauer immer beklemmender. Und dann ist da ja noch der die Familie zerreißende Wahnsinn, der den Vater ergreift und dessen erste Züge sich bereits auch beim jungen Protagonisten finden lassen. Gerade die Beschreibung des Vaters, der mal ein von Angstattacken gequältes, wimmerndes Bündel, mal ein liebenswerter, sanftmütiger Mann und mal ein völlig unberechenbarer Wahnsinniger ist (der mich fast ein wenig an Jack Torrance aus Stephen Kings „Shining“ erinnert hat), ist Tomas Bannerhed dabei wirklich meisterhaft und sehr erschreckend gelungen.

Letzten Endes muss man zu diesem — von Paul Berf souverän übersetzten — Roman mit seiner eigenwilligen Sprache sowie den vielen mysteriösen Bildern und verstörenden Szenen aber auch einen Zugang finden: Gelingt dies, ist „Die Raben“ eine herausfordernde Lektüre mit echter Sogwirkung. Findet man den Zugang dagegen nicht, muss man sich einige Male zum Weiterlesen zwingen (oder das Buch womöglich ganz weglegen).

Tomas Bannerhed: Die Raben
Deutsch von Paul Berf.
btb Verlag, ISBN 978-3-442-75392-5, 448 Seiten, € 21,99.

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3 Kommentare zu „Tomas Bannerhed: Die Raben

    1. Wobei „schön“ eher relativ ist — es geht hauptsächlich ums Moor und die Vogelwelt Schwedens.

      Viel Spaß aber auf jeden Fall beim Lesen!

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