Ferdinand von Schirach: Terror

von-schirachGeht man nach der Anzahl der Inszenierungen, dürfte „Terror“ von Ferdinand von Schirach wohl das Theaterstück der aktuellen Spielzeit sein (anstehende Premieren sind unter anderem am 14. Februar am Staatstheater Nürnberg und am 19. Februar am Metropoltheater München). Nun ist das großartige, kluge und hochaktuelle Stück, ergänzt um eine Rede, die der 1964 geborene Autor und Strafverteidiger anlässlich der Verleihung des „M100-Sanssouci“-Medienpreises an die französische Satire-Zeitung Charlie Hebdo gehalten hat, auch in Buchform erhältlich.

„Terror“ greift ein seit dem 11. September 2001 oftmals diskutiertes Horrorszenario auf, nämlich die Entführung eines Passagierflugzeuges durch Terroristen mit der Absicht, die gekaperte Maschine als fliegende Bombe einzusetzen. In dem Stück steht der Luftwaffenmajor Lars Koch vor Gericht, der einen entführten, mit 164 Passagieren und Crew-Mitgliedern besetzten Airbus entgegen eines Grundsatzurteils des Bundesverfassungsgerichts eigenmächtig abgeschossen hat, um zu verhindern, dass ihn die Entführer in die mit rund 70.000 Menschen gefüllte Allianz-Arena lenken, in der gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen England stattfindet. Angesichts der Tatsache, dass „Terror“ lange vor den Ereignissen des 13. Novembers geschrieben wurde, ein Szenario von fast schon beängstigender Weitsicht.

Zu klären sind in dem Prozess, über dessen Ausgang das Theaterpublikum in der Funktion als Schöffen entscheidet (je nach Votum wird der Dritte Akt dann in einer von zwei verschiedenen Versionen — „schuldig“ oder „nicht schuldig“ — aufgeführt), folgende Fragen:

„Durfte Lars Koch diese 164 Menschen töten? Gibt es Situationen in unserem Leben, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, Menschen zu töten? Und mehr noch: in denen alles andere absurd und sogar unmenschlich wäre?“

Unbequeme Fragen, die nicht nur im Raum stehen, sondern die einen dank des Kniffs mit dem Amt des Schöffen als Zuschauerin oder Zuschauer (bzw. Leserin oder Leser) des Stücks direkt ansprechen und mehrere Male in ein echtes moralisches Dilemma stürzen. Sowohl die Staatsanwältin, die mit dem Grundgesetz und vor allem der Unantastbarkeit der Menschenwürde argumentiert, als auch Lars Kochs Verteidiger, der einen übergesetzlichen Notstand ins Feld führt, nach dem der Major mit dem Tod von 164 Menschen und der Rettung mehrerer Zehntausend anderer schlichtweg das kleinere Übel gewählt hat, vertreten eine nachvollziehbare, durchdachte und vernünftige Linie. Egal, zu welchem persönlichen Urteil man letzten Endes gelangt, dominiert doch das Gefühl, dass es manchmal — vor allem, wenn es um Terrorismus oder Krieg geht — Situationen gibt, die so monströs und unvorstellbar sind, dass eine eindeutige Einteilung in „richtig“ oder „falsch“ schlichtweg nicht greift.

In der eingangs erwähnten Rede warnt Ferdinand von Schirach allerdings davor, dass uns solche Situationen lähmen oder zu planlosen Reaktionen verleiten:

„Es ist albern zu glauben, der Staat sei dem Terror gegenüber schutzlos. Aber jetzt nützen uns weder Kriegsgeschrei noch blindwütige Aktion. Nur die Besonnenheit, nur die Verfassung, nur die Rechtsstaatlichkeit werden uns auf Dauer schützen können. Wenn wir die Regeln verraten, die wir uns selbst gegeben haben, werden wir verlieren.“

Nicht lange nach dieser Rede kehrte der Terror nach Paris zurück und die Reaktionen der Mächtigen sind allseits bekannt: Gerede von Krieg, überstürzter Aktionismus. Vermutlich also genau die falsche Reaktion, aber wer kann das schon mit absoluter Gewissheit sagen?

Ferdinand von Schirach: Terror
Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05696-0, 176 Seiten, € 16.

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7 Kommentare zu „Ferdinand von Schirach: Terror

  1. Ich habe „Terror“ schon auf dem SuB (nun sind die vielen Ferientage und ich dachte und hoffte, ENDLICH einmal Zeit zum Lesen zu haben. Klappt aber nicht…) liegen. Im Buchladen habe ich aufgrund der wenigen Informationen auf dem Buchdeckel einfach mal zugegriffen. Nach Deiner Besprechung bin ich nun aber ziemlich neugierig auf die Lektüre. Immerhin wird ja auch eine Fragestellung aufgegriffen, die seit 2001 diskutiert wird. Ein schönes 😉 Szenario ist ja neben dem Fußballstadion auch der Absturz in ein Atomkraftwerk. — Und ich schaue auch gleich mal, ob das Theaterstück hier irgendwo in der Nähe zu sehen ist.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Oh ja, der absichtlich herbeigeführte Flugzeugabsturz in ein Atomkraftwerk war damals ja das Horrorszenario schlechthin. Komischerweise wird darüber inzwischen praktisch gar nicht mehr geredet — womöglich, weil die Atomkraft seit dem beschlossenen Atomausstieg ein wenig von ihrem Schrecken verloren hat…

      Eine Übersicht, wo das Stück bereits gezeigt wurde/wird und wann noch Premieren stattfinden, gibt es übrigens hier: http://www.schirach.de/literatur/theater/ — ich hoffe, da ist etwas in Deiner Nähe dabei.

      1. Ja, ich habe schon Düsseldorf entdeckt, einen Termin ausgeguckt und eine Einladung für die Schüler, Studierenden und Kollegen meiner Abteilung in einem Berugskolleg fertiggestellt. Also vielen Dank für Deinen „Anstupser“!

      2. Gerne doch. Freut mich, dass ich Dich „inspirieren“ konnte. 🙂

        Viel Spaß auf jeden Fall bei der Vorstellung!

  2. Ferdinand v. Schirach steht schon länger auf meiner Liste der Autoren, von denen ich endlich mal etwas lesen will. Diese Rezi hat mir den letzten Kick dazu gegeben. Danke dafür 🙂
    Viele Grüße
    Ina

    1. Ich glaube, von Ferdinand von Schirach lohnt sich fast alles. Abgesehen davon, dass ich die Themen, über die er schreibt, interessant finde, mag ich auch seinen Stil sehr gerne (wobei der im Theaterstück nicht ganz so sehr zum Tragen kommt wie in seinen Essays oder Erzählungen).

      Viel Spaß beim Lesen auf jeden Fall!

  3. In Die Würde ist Antastbar wird dieses Beispiel mit dem Flugzeugabschuss auch erwähnt. Wir befinden uns anscheinend in einer Zeit, in der es keine Lösungen außer militärische gibt. Das ist bereits Krieg und kein Terror mehr. Kurzum: ich kenne nur Teile aus o.g. Essaysammlung, deshalb halte ich mich mit einem Urteil zurück, aber gestört hat mich die Reduktion auf das moralische Abwägen der Kriegshandlung und das Ausblenden der Frage, wie es soweit kommen konnte. Danke für die Rezi, die mich wieder zu einer Auseinandersetzung mit dem Autor animiert hat. Mit dem bin ich noch nicht fertig.

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