Philip Kerr: Der Wintertransfer

der_wintertransferDa sich die Fußball-Bundesliga momentan in der Winterpause befindet, dürfte in den nächsten Wochen ein wenig Zeit bleiben, um einmal ein Buch zu lesen. Am liebsten natürlich eines, das sich um das runde Leder dreht — zum Beispiel „Der Wintertransfer“, den aktuellen Thriller von Philip Kerr. Der schottische Bestsellerautor ist selbst großer Fußballfan und Kenner der englischen Premier League, die — anders als die hiesigen Ligen — keine Winterpause kennt und gerade zwischen die Feiertage ein wahres Mammutprogramm stopft. Schließlich zahlen das Fernsehen und mehr oder weniger dubiose Klubeigentümer von Saison zu Saison immer schwindelerregendere Rekordsummen, so dass die Maschine Premier League eben auch an den eigentlich stillen Tagen weiterlaufen muss. Die zunehmend schamloser werdende Kommerzialisierung des internationalen Profifußballs kritisiert Philip Kerr in seinem Roman ebenso sehr wie den von oftmals zwielichtigen Spielervermittlern betriebenen, als Transfermarkt getarnten Menschenhandel, korrupte Funktionäre, stetig steigende Ticketpreise, Medien, die sich gierig auf jedes Gerücht stürzen, und eitle, beinahe noch halbwüchsige Kicker, denen ihre Ferraris, Designerklamotten und Smartphones oft wichtiger sind als der Sport, mit dem sie Unsummen verdienen. Letzten Endes wird praktisch alles aufgegriffen, was man am modernen Fußball kritisieren kann — und irgendwo lässt sich natürlich auch noch ein Spieler finden, der seine Homosexualität aus Angst vor negativen Reaktionen aus den gegnerischen Fankurven verbirgt und sich in ein Doppelleben flüchtet. Ein wenig überladen wirkt „Der Wintertransfer“ wegen dieses Rundumschlags, der wirklich jedes Thema zumindest beiläufig anschneidet, gelegentlich schon ein wenig. Andererseits liest sich die locker geschriebene Mixtur aus Fiktion und zahlreichen echten Anekdoten für Fußballfans — vor allem für diejenigen, die auch etwas für die englische Liga übrig haben — sehr flott und unterhaltsam weg.

So flott und unterhaltsam, dass man fast vergessen könnte, dass im Zentrum des Romans ja ein Mordfall steht, der gelöst werden möchte: Mitten auf dem Spielfeld des neureichen, vom undurchschaubaren ukrainischen Oligarchen Viktor Sokolnikow großzügig finanzierten (fiktiven) Erstligisten London City, wurde ein Grab ausgehoben. Darin findet sich ein Foto von João Zarco, dem ebenso genialen wie streitbaren portugiesische Trainer (ein Schelm, wer hier an den jüngst vom FC Chelsea entlassenen José Mourinho denkt), der veranlasst, den Vorfall unter den Teppich zu kehren, da es sich wahrscheinlich ohnehin um einen geschmacklosen Scherz gegnerischer Ultras oder den kurzentschlossenen Racheakt eines vom aufbrausenden Portugiesen gefeuerten Ex-Spielers handelt. Wenig später kommt Zarco allerdings unter mysteriösen Umständen während einer laufenden Partie im Stadion zu Tode. Während die Polizei bei ihren Ermittlungen im Dunkeln tappt, beauftragt Finanzier Sokolnikow Scott Manson (übrigens der Ich-Erzähler der Geschichte), selbst einst erfolgreicher Profi und zuletzt Zarcos Assistent, den Mörder des Erfolgstrainers auf eigene Faust zu finden. Eine Bitte, die Manson nicht ausschlagen kann: Schließlich winkt ihm als Lohn der Posten des Cheftrainers und seit einem mehrere Jahre zurückliegenden Justizskandal, der ihn unberechtigterweise für knapp ein Jahr ins Gefängnis brachte, hat er sowieso noch ein Hühnchen mit der Polizei zu rupfen.

Neben der bereits ausführlich angesprochenen Fußball-Thematik ist die Art und Weise, wie Philip Kerr die oft doch recht schillernden Figuren im Profigeschäft treffend charakterisiert, die große Stärke von „Der Wintertransfer“. Die Schwäche dagegen lässt sich beim Kriminalfall selbst ausmachen, der zwar ganz große Skandale und Verwicklungen rund ums organisierte Verbrechen vermuten lässt, in der beinahe etwas hastig wirkenden Auflösung aber dann doch recht banal ist. Der Lesefreude tut dies aber kaum einen Abbruch, ist „Der Wintertransfer“ doch eben in erster Linie ein Fußballbuch, das zufällig als Thriller daherkommt. Eine empfehlenswerte Lektüre für die Winterpause!

Philip Kerr: Der Wintertransfer
Deutsch von Axel Merz.
Tropen Verlag, ISBN 978-3-608-50138-4, 425 Seiten, € 14,95.

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