Gillian Flynn: Broken House

Broken_HouseUrsprünglich ist „Broken House“ als Teil der von George R. R. Martin herausgegebenen, noch nicht als deutsche Übersetzung vorliegenden Anthologie „Rogues“ erschienen. Da sich die gut 60 Seiten lange Kurzgeschichte allerdings als echter Kunstgriff erwies — unter anderem wurde sie mit einem „Edgar“ ausgezeichnet — und seit dem riesigen Erfolg von „Gone Girl“ alles aus der Feder von Gillian Flynn weggeht wie warme Semmeln, dürfte ihrem deutschen Verlag die Entscheidung nicht allzu schwer gefallen sein, die Geschichte separat als fest gebundenes Büchlein in deutscher Sprache zu veröffentlichen.

Bestimmt ein gutes Geschäft für den Verlag und ganz sicher auch eine erfreuliche Sache für uns Leserinnen und Leser, denn „Broken House“, eine Art Hommage an klassische Spukgeschichten (inklusive blutiger Wände), ist tatsächlich sehr gut gelungen. Protagonistin ist eine namenlose junge Frau, die zwar klug und aufgeweckt ist, der das Aufwachsen in ärmlichsten, kleinkriminellen Verhältnissen allerdings viele Chancen auf ein erfolgreiches Leben verbaut hat, so dass sie sich zunächst als Sexarbeiterin und später als Wahrsagerin in einem zwielichtigen Etablissement verdingen muss. Hellseherei und dergleichen tut sie zwar als Hokuspokus ab, aber als Susan Burke ihre Dienste in Anspruch nimmt, wird sie dennoch neugierig. Die wohlhabende Mittvierzigerin berichtet von ihrem zunehmend verschlossen und aggressiv werdenden Stiefsohn Miles, dessen Verwandlung sie auf seltsame Vorgänge in ihrem aus viktorianischer Zeit stammenden Herrenhaus zurückführt.

„Es kommt mir vor, als hätte etwas von ihm Besitz ergriffen. Etwas Dunkles, das er auf dem Rücken mit sich herumträgt. Wie einen Insektenpanzer. Als wäre er ein Käfer, so wuselt er durchs Haus.“

Die Protagonistin willig ein, sich das Haus der Burkes genauer anzusehen und es rituell zu „reinigen“ — weniger, weil sie an einen tatsächlichen Effekt dieser Maßnahme glaubt, sondern eher, um sich für Folgeaufträge bei Susan Burke und deren finanzkräftigen Freundinnen zu empfehlen, sollte diese eine Besserung von Miles‘ Verhalten auf ihr übersinnliches Wirken und nicht etwa auf das Abklingen einer besonders problematischen Phase der Pubertät zurückführen. Schnell stellt sie allerdings fest, dass Miles tatsächlich deutlich seltsamer ist als „normale“ Teenager und dass mit dem Haus, in dem in der Vergangenheit offenbar schlimme Dinge geschehen sind, irgendetwas ganz und gar nicht stimmt…

Letzten Endes verbirgt sich hinter der (leider fast zu) schnell ausgelesenen Story doch etwas mehr als nur eine gewöhnliche Gruselgeschichte. Nach mehreren durchaus überraschenden Wendungen lässt uns Gillian Flynn mit einigen offenen Fragen zurück, die wir uns gerne auch einmal selbst stellen können. Gibt es wirklich immer die eine Wahrheit oder liegen viele Dinge doch eher im Ungefähren? Falls Letzteres zutreffen sollte: Entscheiden wir uns lieber für die sichere, langweilige Variante oder lieber für diejenige, die zwar Großes verspricht, aber auch unabsehbare Risiken birgt? Und überhaupt: Wem können und wollen wir eigentlich wirklich zu hundert Prozent vertrauen? Teile der Antworten könnten uns verunsichern…

Gillian Flynn: Broken House — Düstere Ahnung
Deutsch von Christine Strüh.
S. Fischer Verlag, 64 Seiten, ISBN 978-3-596-03683-7, € 6.

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