Matthias Nawrat: Die vielen Tode unseres Opas Jurek

Jede Familie hat ihre ganz eigenen Geschichten und Anekdoten, die immer wieder gerne hervorgekramt werden und über die Jahre eine gewisse Eigendynamik entwickeln, die wirklich Geschehenes und Hinzugedichtetes untrennbar miteinander verschmelzen lässt. Aus solchen Anekdoten setzt sich „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“, der aktuelle Roman des 1979 geborenen, im Jahr 2014 mit „Unternehmer“ für den Deutschen Buchpreis nominierten Matthias Nawrat zusammen, der die Geschichte einer polnischen Familie von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis zu den 90er Jahren erzählt.

Nawrat

Erzählt wird die Handlung aus Sicht der beiden jugendlichen Enkel des titelgebenden Opas Jurek, die aus dem traurigen Anlass dessen Todes Anfang der Neunziger mit ihren Eltern aus ihrer neuen Heimat Deutschland für eine Weile nach Polen zurückkehren und sich an allerlei Episoden der Familiengeschichte erinnern: Nach einer weitgehend ruhigen Kindheit in Warschau bricht für Jurek das an, was er lapidar die „schwierige Zeit“ nennt. Den Angriff der Wehrmacht auf seine Heimatstadt übersteht er als Soldat weitgehend unbeschadet, aber verärgert darüber, dass die Deutschen ein geplantes Pfannkuchenessen stören. Ähnlich unbedarft stolpert er schließlich in die „weltbekannte Ortschaft Oświęcim“, wo er als Zwangsarbeiter unter elenden Bedingungen am Aufbau des späteren Vernichtungslagers mithelfen muss. Dabei wirkt er in seiner Fassungslosigkeit — am meisten stören ihn die schlechten „kulinarischen“ Bedingungen — fast ein wenig wie Roberto Benignis Figur aus „Das Leben ist schön“, die das Grauen nur dank ihres Humors und ihrer grenzenlosen Zuversicht übersteht. Im Anschluss an den Krieg verschlägt es ihn in die Stadt Opole (übrigens der Geburtsort des Autors, der im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie nach Bamberg zog), wo er sich als Direktor des „Lebensmittelgeschäfts Nr. 6“ mit Geschick und Einfallsreichtum mit den nicht immer einfachen herrschenden Verhältnissen zu arrangieren weiß und sich schnell für höhere Aufgaben empfiehlt. Nebenbei gelingt es ihm, quasi im Alleingang eine funktionierende Fußball-Liga aufzubauen, eine Ladung Brustharnische aus den Regalen eines Delikatessengeschäfts zu verkaufen und unter der Mithilfe eines dubiosen Amerikaners namens Billy-Bob Cadillac den besten jemals gedrehten Western ins triste örtliche Kino zu bringen.

Doch nicht ausschließlich von Jurek erfahren wir Leserinnen und Leser, sondern auch von den nicht minder bewegten Leben einiger Nebenfiguren — allen voran dem Vater der beiden Erzähler, einem begeisterten Alpinisten und Kanada-Fan, der es weder auf nennenswerte Gipfel (dafür aber in den 44. Stock des Warschauer Kulturpalastes) geschweige denn nach Kanada geschafft hat. Oder von Oma Zofia, die es mit dem eigenwilligen Jurek nur aushält, weil sie sich an der Vorstellung, eines Tages nach Paris zu reisen, festklammert wie an einem Rettungsring. Letzten Endes fügen sich die vielen kleinen Episoden zu einer mehreren Generationen übergreifenden Familiengeschichte, die zwar in der Vergangenheit spielen mag, aber auch bis in die Gegenwart hineinreicht. Wer zum Beispiel die Beschreibung der entbehrungsreichen „grauen Zeit“ im Hinterkopf hat, versteht besser, warum auffallend viele ältere Polinnen und Polen momentan gegen die rückwärtsgewandte Politik der aktuellen PiS-Regierung demonstrieren.

Mit „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ ist Matthias Nawrat ein lesenswerter Schelmenroman mit liebenswert verschrobenen Charakteren gelungen, der an „Forrest Gump“ oder Jonas Jonassons Bestseller „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erinnert, aber zwischen Komik und Momenten voll großer Traurigkeit immer seinen ganz eigenen Ton findet. Wer außerdem einen persönlichen Bezug zur polnischen Geschichte und den großen Umwälzungen hat, die hier beschrieben werden, wird an diesem Buch sicher gleich noch mehr Freude haben.

Matthias Nawrat: Die vielen Tode unseres Opas Jurek
Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498046316, 416 Seiten, € 22,95.

⇒ Am Donnerstag, 17. März, stellt Matthias Nawrat seinen Roman im Kulturzentrum im Krakauer Haus in Nürnberg (Hintere Insel Schütt 34) vor. Beginn der Lesung ist um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

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