Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock

Was sich heute ganz besonders großer Beliebtheit erfreut, ist morgen womöglich schon wieder kalter Kaffee. Literarischen Helden geht es da nicht anders als technischen Neuerungen. Sherlock Holmes allerdings hat der Zeitgeist nichts anhaben können: Gut 130 Jahre nach seinem ersten Auftauchen wirkt der von Sir Arthur Conan Doyle ersonnene Meisterdetektiv so rüstig wie eh und je. Warum das so ist, wie der Mythos Sherlock Holmes seinen Anfang nahm und wie sich der Detektiv im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat, beschreibt der schwedische Sherlock-Holmes-Experte Mattias Boström ebenso kenntnisreich wie ausführlich in seinem nun auch in deutscher Übersetzung vorliegenden Buch „Von Mr. Holmes zu Sherlock“.

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Die ersten gut 250 Seiten sind der Biographie Sir Arthur Conan Doyles gewidmet, der bereits während seines Medizinstudiums in Edinburgh literarische Ambitionen hegte und in seinem scharfsinnigen Dozenten Dr. Joseph Bell gleich ein passendes Vorbild für Sherlock Holmes fand, den er eigentlich nur ein einziges Mal im Roman „Eine Studie in Scharlachrot“ auftreten lassen wollte, um sich dann ernsthafteren Themen als Detektivgeschichten zuzuwenden. Der auch dank des im späten 19. Jahrhundert boomenden Zeitschriftenwesens (viele aktuelle Erzählungen und auch in mehrere Fortsetzungen unterteilte Romane wurden damals oft zuerst in Zeitschriften und erst später — wenn überhaupt — in Buchform veröffentlicht) stetig wachsende Erfolg des Detektivs und der chronische Geldmangel des einen ausschweifenden Lebensstil pflegenden und vieleitig interessierten Conan Doyle führten aber letztlich dazu, dass er bis zu seinem Lebensende immer wieder neue Abenteuer für Sherlock Holmes und Dr. Watson verfasste.

Dass Sherlock Holmes zu einer fast weltweit bekannten Marke wurde, die eine Unzahl von qualitativ meist eher schlechten Nachahmern fand, lag jedoch nicht nur an den Erzählungen und Romanen selbst, sondern auch an den charakteristischen Illustrationen von Sidney Paget, der den Detektiv mit gebogener Pfeife und dem typischen „Deerstalker“ darstellte, sowie dem über die Maßen erfolgreichen Theaterstück von William Gillette, in dem auch der junge Charlie Chaplin einst seine erste größere Bühnenrolle spielte. Der wachsende Einfluss des Radios und der Erfolgszug des Tonfilms sorgten für weiteren Aufwind, den Conan Doyle selbst nicht mehr miterleben sollte. Der ehemalige Augenarzt, längst einer der am meisten geachteten Autoren und politischen Kommentatoren Großbritanniens, starb 1930, nachdem er sich in seinen letzten Lebensjahren als einer der führenden Köpfe der damals sehr beliebten Spiritismus-Bewegung finanziell wie gesundheitlich aufgerieben hatte.

Den Nachlass ihres Vaters verwalteten schließlich die beiden exzentrischen, aus Arthur Conan Doyles zweiter Ehe stammenden, vor allem an satten Gewinnen interessierten Söhne Adrian und Denis, die den Detektiv zwar nach Hollywood — besonders erfolgreich in den Verfilmungen mit Basil Rathbone und Nigel Bruce — brachten, aber mehr als einmal in Richtung Pleite steuerten. Obwohl Sherlock Holmes dann und wann ein wenig aus der Mode zu geraten schien, gab es selbst in diesen Zeiten immer wieder neue Veröffentlichungen verschiedenster Art, die sich mehr oder weniger am Original orientierten. Die letzten Jahre markieren dank der Filme von Guy Ritchie, der Romane von Anthony Horowitz und Serien wie „Elementary“ und natürlich „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman einen weiteren Höhepunkt in der Geschichte von Arthur Conan Doyles Detektiv, deren Ende noch längst nicht abzusehen ist.

„Kein anderer Schriftsteller, nicht einmal Shakespeare, kann sich rühmen, eine Figur geschaffen zu haben, die so lebendig ist, dass die Menschen mehr an sie glauben als an den Autor.“

Mit gut 560 Textseiten (der Rest des Buches sind Quellenangaben, ein Register und — sehr praktisch — eine chronologische Übersicht von Conan Doyles Holmes-Texten) hat Mattias Boström, selbst Mitglied der vielfach erwähnten „Baker Street Irregulars“, einem Zusammenschluss beinahe mit wissenschaftlichem Eifer agierenden „Sherlockianer“, ein akribisch recherchiertes, an manchen Stellen fast schon etwas zu ausführliches Mammutwerk vorgelegt. Trotz allem liest sich „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ nicht wie das trockene Fachbuch eines detailverliebten Chronisten, sondern dank seines stets leicht humorvollen Tonfalls sehr flüssig und kurzweilig. Wer auch nur ein wenig Interesse hegt an Sherlock Holmes, kommt an diesem Buch eigentlich nicht vorbei — oder, in den Worten des Meisterdetektivs ausgedrückt: „Elementary, my dear Watson!“

Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock. Meisterdetektiv, Mythos, Medienstar
Deutsch von Susanne Dahmann und Hanna Granz.
btb Verlag, ISBN 978-3-442-71336-3, 608 Seiten, € 14,99.

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5 Kommentare zu „Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock

    1. Auf jeden Fall! Allerdings gibt es da teils recht strenge Aufnahmeregeln. Bei den „Baker Street Irregulars“ muss man zum Beispiel ein vertracktes Kreuzworträtsel lösen. Ich glaube, dafür müsste ich noch eine ganze Weile üben…

      Viele Grüße zurück,
      Christoph

      1. Ja nun, wer einen solch tollen Namen führt, der muss auch auf sich halten und den Zugang zur Gemeinschaft mindestens durch ein vertracktes Kreuzworträtsel erschweren!

  1. Oh, das klingt gut. Mal sehen, ob ich das irgendwann bei mir in der Bibliothek finden werde. Wahrscheinlich unter Film/Fernsehen.

    1. Hier stehen solche Bücher auch gerne einmal unter „Literaturwissenschaft“. So ganz genau lässt sich das ja nicht einordnen…

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