Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt…

Viele Bücher und Filme, die sich mit Krankheiten oder der Bewältigung von Schicksalsschlägen aller Art auseinandersetzen, sind zwar gut gemeint, aber leider nicht besonders gelungen. Allzu oft wird effekthascherisch auf die Tränendrüse gedrückt oder mit eher plumpen Lebensweisheit um sich geworfen. Die autobiographische Graphic Novel „Dich hatte ich mir anders vorgestellt…“, in der der Franzose Fabien Toulmé die ersten Jahre mit seiner zweiten Tochter Julia beschreibt, ist da zum Glück anders. Unsentimental und stellenweise schockierend ehrlich, aber stets mit viel Wärme erzählt er, wie er und das kleine, mit Trisomie 21 auf die Welt gekommene Mädchen langsam zueinander finden.

Toulme

Während der Schwangerschaft von Toulmés Frau Patricia gibt es keine Besonderheiten und das Paar freut sich auf eine gesunde zweite Tochter und eine kleine Schwester für ihre sehr aufgeweckte Erstgeborene Louise. Die Geburt jedoch verläuft nicht ohne Komplikationen und nach bangen Stunden wird bei der kleinen Julia nicht nur ein Herzfehler diagnostiziert, sondern auch Trisomie 21. Für Fabien, der die Ankunft des Babys kaum erwarten konnte und in dessen Kopf nun allerlei Klischeebilder vom Leben mit einem „behinderten“ Kind aufploppen, bricht eine Welt zusammen. Der reiselustige Bauingenieur, der lange Zeit in Brasilien, der Heimat seiner Frau und dem Geburtsort von Louise, gelebt hatte, sieht sich bereits als alten Mann, der seine unselbständige Tochter auch als Erwachsene jede Minute umsorgen und seine eigenen Wünsche und Interessen auf ewig hintenanstellen muss. Zwar besucht er Julia regelmäßig in der Klinik, aber es mag ihm einfach nicht gelingen, eine Verbundenheit zu diesem kleinen Wesen herzustellen, geschweige denn, es zu lieben. Stattdessen bemitleidet er sich für sein Schicksal, bricht ständig in Tränen aus und hängt dunklen Gedanken nach. Einmal ertappt er sich sogar bei dem Wunsch, es wäre womöglich besser für die ganze Familie, wenn Julia die Operation zur Korrektur ihres Herzfehlers einfach nicht überlebt.

Auch als Patricia, die ebenfalls Probleme hat, sich mit ihrer Neugeborenen „anzufreunden“, und Julia aus der Klinik nach Hause dürfen, bleibt die Situation angespannt. Einzig Louise begegnet ihrer kleinen Schwester ohne Vorbehalte und liebt sie bedingungslos. Nach und nach bricht aber auch bei den Eltern, die sich umfassend über Trisomie 21 informieren und für ihre Tochter die bestmögliche Familie sein wollen, das Eis und sie beginnen, Julia nicht mehr als Bürde zu sehen, sondern als ein Geschenk, für das es sich lohnt, auch einmal schwierige Momente zu überstehen.

Fabien Toulmé ist mit seiner ersten längeren Graphic Novel nicht nur ein entwaffnend ehrlicher, sehr persönlicher und oft äußerst berührender Erfahrungsbericht gelungen, sondern auch ein starkes Plädoyer für einen offenen, von Neugierde geprägten und liebevollen Umgang mit Menschen, die — aus welchen Gründen auch immer — von der Normvorstellung abweichen. Unbedingt lesenswert!

Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt…
Deutsch von Annika Wisniewski.
avant-verlag, ISBN: 978-3-945034-34-7, 248 Seiten, € 24,95.

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