Durchschnittstyp

Der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler zeichnet in seinem kurzen, nun auch als Taschenbuchausgabe vorliegenden Roman „Ein ganzes Leben“ die Biographie eines einfachen Mannes nach. Richtig nahe kommt man diesem als Leserin oder Leser aber leider dennoch nicht. 

Ein ganzes Leben

Geschichten, in denen unscheinbare Menschen außergewöhnliche Dinge vollbringen oder gar den Lauf der Welt ändern, erfreuen sich großer Beliebtheit. Man denke da nur an Jonas Jonassons „Hundertjährigen“, der monatelang die Bestsellerlisten stürmte, oder an Harold Fry, den die Autorin Rachel Joyce quer durch England pilgern ließ. Mit seinem wortkargen Protagonisten Andreas Egger hat Robert Seethaler in „Ein ganzes Leben“ quasi die Antithese zu all den vermeintlichen Normalos, die in aufregende Abenteuer hineinstolpern, erschaffen: Einen einfachen Mann, der die Dinge, die ihm im Laufe seines Lebens passieren, stoisch und ohne große Gefühlsregungen hinnimmt.

Schon im Jahr 1902 bei seiner Ankunft in dem Bergdorf, in dem er den überwiegenden Teil seiner Zeit auf Erden verbringt, steht fest, dass das Leben für ihn kein Zuckerschlecken wird: Die Mutter ist gerade gestorben und der Bauer Kranzstocker, ein entfernter Verwandter, der den vierjährigen Jungen auf seinem Hof aufnimmt, bereitet ihn mit wenig Liebe und umso mehr Prügeln auf ein von harter Arbeit und vielen Entbehrungen geprägtes Dasein vor. Als Erwachsener schlägt er sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsarbeiten und später als Helfer beim Bau der örtlichen Seilbahn durch. Klagen oder gar Resignation sind Egger allen Widrigkeiten zum Trotz aber stets fremd — auch, als ihm ein tragisches Unglück seine große Liebe Marie und sein bescheidenes Zuhause nimmt, macht er einfach weiter wie vorher. Irgendwann kommt der 2. Weltkrieg, der ihn erst als Soldat in den Kaukasus und schließlich sechs Jahre lang in ein russisches Gefangenenlager führt. Während dort viele seiner Kameraden Hunger und Krankheiten erliegen oder vor Heimweh schier wahnsinnig werden, wartet Egger einfach ab und geht zurück in sein Dorf, als irgendwann alles vorbei ist. Zurück in der Heimat verdingt er sich schließlich bis ins hohe Alter als Touristenführer, der Auswärtigen zwar die Schönheit „seiner“ Berge näherbringt, die ihn selbst aber — wie die meisten anderen Ereignisse oder Personen auch — nicht sonderlich bewegt. Erst, als er den Tod schon vor Augen hat, lässt Egger sein Leben doch noch einmal Revue passieren und zieht eine abschließende Bilanz.      

„Du hinkst“, sagte er. „So einen können wir nicht gebrauchen.“
„Es gibt in der Gegend keinen besseren Arbeiter als mich“, antwortete Egger. „Ich bin stark. Ich kann alles. Ich mache alles.“
„Aber du hinkst.“
„Im Tal vielleicht“, sagte Egger. „Am Berg bin ich der Einzige, der gerade geht.“

Mit einer reduzierten Sprache, die auf Ausschmückungen und unwichtige Details verzichtet, gelingt es Robert Seethaler auf der einen Seite sehr gut, den „Grundton“ des Lebens seiner Hauptfigur aufzugreifen und diese allein dadurch treffend zu charakterisieren. Anderseits bleibt einem dieser Andreas Egger, obwohl man ihn über Jahrzehnte begleitet, doch seltsam fremd. Was geht in diesem stoisch in sich ruhenden Mann vor, was denkt er, was fühlt er, welche Wünsche, Träume oder Ängste hat er? All das wird höchstens angedeutet und so macht sich am Schluss, als sich der Roman und damit auch Eggers Leben dem Ende zuneigt, ein etwas ernüchterndes Gefühl breit: Ein ganzes Leben vorbei und doch bleibt außer ein paar Eckdaten und Fakten kaum Greifbares zurück.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-48291-7, 192 Seiten, € 9,99.

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3 Kommentare zu „Durchschnittstyp

  1. Das steht seit Monaten in meinem Regal und ich habe es nie angefangen, weil es eben so durchschnittlich klingt. Jetzt klingt es noch dazu deprimierend. Vielleicht was für den Herbst.

    1. „Der Trafikant“ von Robert Seethaler hat mir sehr gut gefallen. Gerade deshalb hatte ich mir von diesem Buch deutlich mehr erwartet. Ein wenig hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass immer dann weggeblendet wird, wenn etwas wirklich Interessantes passiert.

      1. Dann les ich wohl mal erst den Trafikant 🙂 Der ist nämlich auch seit Ewigkeiten auf der „muss ich mal lesen“-Liste

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