Zurück zur Normalität

Raum„Raum“, das ist ein neun Quadratmeter großer, recht heruntergekommener Gartenschuppen, in dem der fünf Jahre alte Jack (großartig: Jacob Tremblay) und seine Mutter Joy (Brie Larsen, ausgezeichnet mit dem Oscar als Beste Hauptdarstellerin) unter einfachsten Bedingungen hausen. Eingesperrt von einem Mann, den sie „Old Nick“ (Sean Bridgers) nennen und der Joy vor inzwischen sieben Jahren als unbedarfte 17-jährige Teenagerin auf dem Nachhauseweg von der Schule entführt und seitdem immer wieder missbraucht hat. Jack selbst, ein aufgeweckter und neugieriger Junge, kennt nichts anderes als die beengte Behausung, die er mit seiner Mutter teilt, die alles in ihrer Macht stehende tut, um ihrem Sohn so etwas wie Normalität vorzuspielen und ihn so vor der bedrückenden Wahrheit zu schützen. Für ihn ist „Raum“ ein eigener Planet und alles, was sich außerhalb davon befindet und nur durch ein Oberlicht leise zu erahnen ist, ist der unerreichbare Weltraum. Die Dinge und Menschen, die er im Fernsehen sieht, hält er für reine Erfindungen und „Old Nick“, der die beiden mit dem Notwendigsten versorgt, für eine Art allmächtigen Zauberer. Während sich Jack also mit seinem Leben in „Raum“ wider besseren Wissens um die Realität ganz gut arrangiert hat und nur dann frustriert wirkt, wenn zum Beispiel auf dem Geburtstagskuchen die Kerzen fehlen, überlegt Joy schon immer fieberhaft, wie die beiden ihrem Peiniger entkommen können. Sie tüftelt einen riskanten Fluchtplan aus, der tatsächlich aufgeht. „Old Nick“ wird festgenommen, Mutter und Sohn kehren in Joys Elternhaus zurück.

In Freiheit allerdings drehen sich die Rollen um: War es in „Raum“ Joy, die mit großem Mut und unerschütterlichem Optimismus ihren Sohn vor allem Bösen beschützte, ist es nun Jack, der besser mit der neuen Situation umzugehen weiß. Während er nach kurzer Eingewöhnungszeit ein inniges Verhältnis zu seiner Großmutter und deren neuem Lebensgefährten aufbaut und sich wie ein ganz „normaler“ Fünfjähriger entwickelt, fällt es Joy zunehmend schwerer, wieder zurückzufinden ins Leben, das sich seit ihrem Verschwinden fundamental geändert hat. Die Freundinnen von damals haben ihren Lebensweg fortgesetzt, die Ehe der Eltern ist in die Brüche gegangen — einzig Joy fehlen sieben prägende Jahre an der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenenleben.

Lenny Abrahamsons Verfilmung von Emma Donoghues gleichnamigem Roman wurde zu Recht mit Lob überschüttet und Preisen überhäuft. Leise erzählt und ohne große Knalleffekte — sogar der Entführer wird nicht als verrücktes Monster dargestellt, sondern ist eher behutsam gezeichnet — entfaltet der Film dennoch mehr Spannung als die meisten Thriller. Die Szenen in Gefangenschaft sind ebenso bedrückend wie berührend, aber am stärksten wird „Raum“ auch dank seiner durch die Bank hervorragenden Darstellerinnen und Darsteller in der zweiten Hälfte, als es für Joy, Jack und den Rest der Familie darum geht, den Schrecken des Erlebten hinter sich zu lassen und zur Normalität zurückzufinden. Unbedingt sehenswert!

(„Raum“ läuft seit dem 17. März in den Kinos, der Roman von Emma Donoghue ist im Piper Verlag erhältlich.)

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