Identitätskrise

Ein an sich alltäglicher Gepäckdiebstahl in einer Hotellobby in Casablanca setzt in Vendela Vidas Roman „Des Tauchers leere Kleider“ eine Kette abenteuerlicher Ereignisse und ein Gewirr aus Lügengeschichten in Gang, in dem sich die Protagonistin immer weiter verheddert und aus dem es auch über das Ende des Buchs hinaus keinen rechten Ausweg zu geben scheint.

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Eigentlich hat die Hauptfigur, eine 33 Jahre alte Amerikanerin, deren wirklichen Namen wir im gesamten, in der zweiten Person Singular verfassten Roman nicht erfahren, bereits genug Probleme: Ihren Job hat sie hingeschmissen, die Ehe liegt in Trümmern und darüber, dass sie das Kind, das sie für ihre Zwillingsschwester als Leihmutter ausgetragen hat, weggeben musste, ist sie auch nicht hinweggekommen. Eine Reise nach Marokko soll ein wenig Ablenkung und Abstand von der Sackgasse bringen, in der sich ihr Leben festgefahren hat. Allerdings wartet in Casablanca, der ersten Station des Urlaubs, bereits der nächste Rückschlag: Schon beim Einchecken im Hotel wird ihr der Rucksack mit Kamera, Laptop, allen wichtigen Papieren und Kreditkarten gestohlen. Eine wahre Odyssee beginnt, in deren Verlauf ihr sowohl der Sicherheitschef des mittelmäßigen Hotels als auch der angebliche Polizeichef höchstpersönlich ihre Unterstützung beim Wiederfinden ihrer Besitztümer versichern. Tatsächlich händigt ihr der stolze Polizeichef bald einen Rucksack mit Kreditkarten und einem amerikanischen Pass aus — das Problem dabei ist allerdings, dass es nicht die Sachen der Protagonistin sind, sondern die einer ihr ein wenig ähnelnden Landsfrau namens Sabine Alyse. Ohne recht zu verstehen, warum, nimmt die Hauptfigur das Gepäckstück und die Papiere ohne Protest entgegen und unterschreibt diverse Dokumente, womit für die Polizei der Fall abgeschlossen ist, für sie selbst aber die Probleme erst beginnen.

Sie beschließt, als Sabine Alyse für eine Nacht in einem guten Hotel abzusteigen und sich von der Hektik und dem Schreck der letzten Tage zu erholen, um dann ausgeruht zur amerikanischen Botschaft zu gehen, das Missverständnis aufzuklären und sich schließlich um neue Papiere zu kümmern. Dieser Plan scheitert jedoch grandios, da sie sich auch gegenüber der Botschaftsmitarbeiterin in Lügengeschichten verstrickt, die es ihr praktisch unmöglich machen, dort Hilfe zu bekommen, ohne mit erheblichen Konsequenzen rechnen zu müssen. Die vorübergehende Rettung aus der scheinbar ausweglosen Situation erwartet sie bei ihrer Rückkehr ins Hotel, wo sie quasi vom Fleck weg von einem Filmteam als Lichtdouble eines Hollywoodstars engagiert wird. Gute Bezahlung, ein näheres Kennenlernen der zickigen und launenhaften, aber doch recht sympathischen Schauspielerin und der Besuch eines Konzerts von Patti Smith mit anschließendem Händeschütteln sind die angenehmen Seiten dieses Zufallsjobs. Einmal mehr geht die Protagonistin jedoch einen Schritt zu weit, leistet sich eine Lüge zu viel und manövriert sich abermals in eine sehr missliche Lage…

Mit „Des Tauchers leere Kleider“ ist Vendela Vida, übrigens verheiratet mit Dave Eggers, ein unkonventioneller und kurzweilig zu lesender Roman gelungen, der sich geschickt einer allzu einfachen Einordnung in klischeehafte Schubladen entzieht. Zu Beginn eine recht beklemmende Mixtur aus Reisebericht und Krimi — gerade die Szene mit dem Diebstahl ist so stark geschrieben, dass man beim Lesen den unweigerlichen Drang verspürt, kurz nachzuschauen, ob der eigene Geldbeutel noch da ist — entwickelt sich die Handlung im Laufe ihrer nur knapp 250 Seiten in Richtung eines vergnüglichen Einblicks ins manchmal glamouröse, meist aber eher harte Filmgeschäft und endet als Schnitzeljagd mit offenem Ausgang. Die Rückblenden geben zudem eine Ahnung von der Vergangenheit der Protagonistin und erklären zumindest in Ansätzen, warum sie ausgerechnet nach Marokko gereist ist, weshalb sie sich so verhält, wie sie sich verhält und warum sie ohne größere Skrupel immer wieder fremde Identitäten annimmt.

So gelungen der Roman insgesamt auch ist: Ein wenig konstruiert wirkt die Geschichte mit ihren zum Teil wirklich abenteuerlichen Wendungen und Zufällen, die sich immer zum genau richtigen Zeitpunkt ereignen, schon. Wer bereit ist, darüber hinwegzusehen, dürfte mit „Des Tauchers leere Kleider“ ein paar angenehme Lesestunden verbringen.

Vendela Vida: Des Tauchers leere Kleider
Deutsch von Monika Baark.
Aufbau Verlag, ISBN 978-3-351-03629-4, 252 Seiten, € 19,95.

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