Neue Perspektiven

Zumindest das Ende des 20. Jahrhunderts dürfte in unser aller Erinnerung noch recht präsent sein, aber dennoch sind natürlich auch diese Jahre längst in die Geschichtsbücher eingegangen. Der britische Autor John Higgs wirft in seinem Buch „Alles ist relativ und anything goes. Eine Reise durch das unglaublich seltsame und ziemlich wahnsinnige 20. Jahrhundert“ einen Blick zurück und erklärt, wie es zu den tiefgreifenden Veränderungen kommen konnte, die dieses Jahrhundert mit sich brachte.

Alles ist relativ

John Higgs vertritt in seinem Buch in erster Linie die These, dass sämtliche Revolutionen und Neuerungen des 20. Jahrhunderts darauf basieren, dass die Menschen begannen, die Dinge aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten, während Erfindungen in früheren Jahrhunderten stets an festen Bezugspunkten ausgerichtet waren und dadurch mehr oder weniger aufeinander aufbauten. So glaubten zum Ende des 19. Jahrhunderts auch führende Naturwissenschaftler, ihr Gebiet sei nahezu erschöpfend erforscht und zukünftige Entdeckungen würden lediglich ergänzender Natur sein. Diese Annahme widerlegte Albert Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie jedoch gründlich — und zwar, indem er sich vom bisher herrschenden Blickwinkel (oder „Omphalos“, wie es Higgs nach dem griechischen Wort für Nabel nennt), das Universum sei eine Art Schachtel, deren Mittelpunkt die Erde bildet, verabschiedete und mit seiner völlig neuartigen Definition der Raum-Zeit den Weg für vorher nicht einmal theoretisch denkbare neue Erkenntnisse ebnete. Eine ähnliche Loslösung vom damaligen Omphalos vollzog sich laut Higgs fast gleichzeitig zu Einsteins Relativitätstheorie auch in anderen Bereichen: In der Kunst betrachteten die Kubisten den Gegenstand ihrer Malerei aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die Loslösung vom starren Rahmen einer vorherrschenden Tonart brachte die atonale Musik hervor und Romane wie „Ulysses“ von James Joyce kamen ohne klassische Erzählstrukturen aus. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg lösten sich zudem nach einer viele Jahrhunderte andauernden Vormachtstellung schließlich auch die letzten Kaiser- und Großreiche auf, was letztlich dazu führte, dass das Individuum stärker in den Fokus rückte.

Die Politiker kämpften mit denselben Herausforderungen wie Einstein, Picasso, Schönberg und Joyce: Was können wir tun, nachdem wir nun erkannt haben, dass es keine letztgültige Perspektive gibt, der alle anderen Sichtweisen untergeordnet wären? Wie können wir widersprüchliche Positionen miteinander vereinen? Wie sollen wir vorankommen, wenn unser bisheriges Denken fundamentale Mängel aufweist?

Im Laufe seiner in die verschiedensten Bereiche aus Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft gegliederten Ausführungen verliert John Higgs seine Theorie vom sich verändernden Blickwinkel zwar immer öfter aus den Augen und widerspricht sich zum Teil auch ein wenig (so waren diverse Ereignisse des 20. Jahrhunderts eben doch auch wieder hauptsächlich eine Folge früherer Ereignisse oder Erfindungen — ohne den Zusammenbruch der Großreiche wäre es zumindest in dieser Form wohl nicht zum 2. Weltkrieg gekommen, und auch die Erforschung des Weltalls mit dem Höhepunkt der Mondlandung wäre wohl ohne die Grundlagen der Raketenforschung zu militärischen Zwecken während des Kalten Krieges nie möglich gewesen), aber insgesamt sind die grundlegenden Aussagen von „Alles ist relativ und anything goes“ schlüssig und lassen sich gut nachvollziehen. Überhaupt gelingt es John Higgs größtenteils ausgezeichnet, seine Leserinnen und Leser zu fesseln. Manche Kapitel, wie zum Beispiel das über die Auswüchse des ungezügelten Finanzmarktes oder den Klimawandel, bieten wenig Neues und wurden in den vergangenen Jahren einfach bereits erschöpfend behandelt, aber gerade dann, wenn sich das Buch abseitigeren Themen und schillernden Figuren des letzten Jahrhunderts widmet, wird es zugleich sehr interessant und äußerst unterhaltsam. So zählen die Passagen über den genialen Raketenwissenschaftler und verrückten Okkultisten Marvel Whiteside Parsons und die Erläuterungen der Grundlagen der Quantenmechanik anhand des Beispiels eines Boxkampfes zwischen Wladimir Putin und einem Känguru zu den Glanzlichtern des Buches.

Neben dem vielfältigen und kurzweiligen Überblick über das 20. Jahrhundert liegt die große Stärke von „Alles ist relativ und anything goes“ letzten Endes vor allem darin, dass das Buch neugierig macht und die Lust weckt, in einzelne der beschriebenen Bereiche etwas tiefer einzusteigen.

John Higgs: Alles ist relativ und anything goes
Deutsch von Michael Bischoff.
Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17663-3, 379 Seiten, € 25.

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