Riad Sattouf: Der Araber von morgen (Band 1)

Der Araber von morgen

Länder wie Syrien oder Libyen nehmen nun schon seit einer ganzen Weile einen recht prominenten Platz in der täglichen Berichterstattung ein. Zwischen all den Schreckensmeldungen, Kommentaren und Analysen kommt aber doch immer wieder eine Frage zu kurz, nämlich die nach dem Leben der durchschnittlichen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Länder. Was hat sich in ihrem Alltag geändert? Was treibt sie um? Ist dort alles wirklich so sehr anders als im Westen, wie uns die Beschwörer eines Kampfes der Kulturen glauben machen wollen? Einer, der es wissen muss, weil er in „beiden Welten“ groß geworden ist, ist der renommierte französisch-syrische Comiczeichner und Filmemacher Riad Sattouf, der in „Der Araber von morgen“ seine Kindheit im Nahen Osten Revue passieren lässt. Der erste, im französischen Original erstmals 2014 erschienene Band der weltweit erfolgreichen Kindheitserinnerungen, behandelt die Jahre zwischen 1978 und 1984 und damit die Zeit von Riad Sattoufs Geburt bis zum sechsten Lebensjahr.

Geboren wurde der kleine Riad in Paris als Sohn einer Französin und eines aus der Nähe von Homs stammenden Syrers, der in den Siebzigern mit einem Stipendium an die Sorbonne kam und dort seinen Doktortitel in Zeitgeschichte machte. Nach dem Studienabschluss des Vaters, einem Anhänger des Panarabismus, zog es die Familie nach Libyen, wo eine gut bezahlte Stelle als Universitätsdozent wartete. Bildung und die harte Hand von Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi und Saddam Hussein, so die Überzeugung von Abdel-Razak Sattouf, würde die Araber aus ihrer Unmündigkeit und in eine glänzende Zukunft führen, was die Diktaturen dann über kurz oder lang wieder überflüssig machen würde. Die Realität in Gaddafis Volksrepublik sieht allerdings anders aus, denn statt blühender Landschaften herrschen vor allem Tristesse und Magelwirtschaft vor, so dass der Aufenthalt in Libyen nur ein kurzes Zwischenspiel bleibt. Nach der vorübergehenden Rückkehr nach Frankreich geht es in den nächsten vermeintlich aufstrebenden Staat, nämlich ins von Hafiz al-Assad geführte Syrien, die Heimat von Vater Sattouf. Während die Zeit in Libyen für Riad und seine Mutter den Umständen entsprechend gut erträglich war, erwartet sie im ländlichen Syrien ein wahrer Kulturschock: Bittere Armut, raue Sitten und unverhohlener Antisemitismus, den auch Riad — zwar kein Jude, aber wegen seiner blonden Locken ein leicht auszumachender Außenseiter — zu spüren bekommt. Zumindest kann er dank seines jungen Alters dem Spießrutenlauf eines Schulbesuchs zwar noch entgehen, aber das Drängen des immer strenger werdenden Vaters wird zusehends stärker. Von dieser Zeit erzählt dann der zweite, im Februar in der deutschen Übersetzung erschienene Band

Mit einem beeindruckend leichtgängigen Wechsel zwischen kindlicher Naivität und großer Ernsthaftigkeit erzählt der lange Jahre bei Charlie Hebdo beschäftigte Riad Sattouf in „Der Araber von morgen“ von seiner Kindheit zwischen zwei Kulturkreisen und den politischen wie gesellschaftlichen Entwicklungen in den arabischen Ländern der frühen 80er Jahre, die den Weg für die derzeitige Lage maßgeblich ebneten. Dennoch ist die Graphic Novel zu keiner Zeit allzu verkopft und politisch, sondern bleibt durch den Blick des kleinen Riad stets zugänglich und nahe am alltäglichen Leben der normalen Menschen. Was Marjane Satrapi mit „Persepolis“ für den Iran gelungen ist, glückt Riad Sattouf mit „Der Araber von morgen“ für den Nahen Osten. Sehr empfehlenswert!

Riad Sattouf: Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten (1978–1984)
Deutsch von Andreas Platthaus.
Knaus Verlag, ISBN 978-3-8135-0666-2, 160 Seiten, € 19,99.

[Vielen Dank an den Knaus Verlag für das Leseexemplar!]

Advertisements

4 Kommentare zu „Riad Sattouf: Der Araber von morgen (Band 1)

    1. Gerne! Eigentlich war ich zuerst auf den 2. Band aufmerksam geworden, habe mich aber doch entschieden, vorne anzufangen…

  1. Hallo Christoph,
    deine Zeilen habe ich deshalb mit Freude gelesen, weil man deine Begeisterung herausliest. Da fällt es schwer sich zu beherrschen. Beide Bände sind bestellt. Danke schön!

    Ich sende liebe Grüße und wünsche dir ein schönes Wochenende.

    1. Freut mich, dass ich Dich für die Bücher begeistern konnte. Band 2 habe ich bisher noch nicht, aber das ändert sich sicher beim nächsten Besuch im Comicbuchladen. 🙂

      Viele Grüße zurück und einen schönen Sonntag!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s