Adrian Tomine: Eindringlinge

Eindringlinge

Sind Comics Literatur? Und wenn ja, ab welchem Punkt genau? Muss es immer die umfangreiche, in jahrelanger Arbeit entstandene Graphic Novel sein oder können auch ein paar wenige eher schnell dahingezeichnete Seiten höheren Ansprüchen genügen? Über solche — meist doch eher müßige — Diskussionen ist der Kalifornier Adrian Tomine, Jahrgang 1974, längst erhaben, heimst er für seine Arbeiten doch prominentes Lob sowohl aus der Comicszene (unter anderem von Chris Ware) als auch aus der „anspruchsvollen“ Literatur (zum Beispiel von Zadie Smith und Jonathan Lethem) ein.

„Eindringlinge“, eine Sammlung sechs kurzer Geschichten, die während der letzten Jahre vor allem im Magazin „Optic Nerve“ erstmals erschienen sind, erreichen sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch ein hohes Niveau. Zeichnerisch, weil die Bandbreite von Adrian Tomine enorm groß ist und einen Bogen vom klassischen, nur wenige Panels umfassenden Zeitungscomicstrip über das, was man gemeinhin aus zeitgenössischen US-Graphic Novels kennt, bis hin zur minimalistischen Ästhetik des japanischen Großmeisters Yoshihiru Tatsumi, spannt. Experimentell oder wie das Werk eines Künstlers, der seinen Stil noch nicht gefunden hat, wirkt das aber nicht, sondern stets durchdacht und geplant — so ist die Titelgeschichte, in der sich ein Mann immer wieder unbemerkt Zutritt zu seiner ehemaligen Wohnung verschafft, in jeglicher Hinsicht eine Hommage an den 2015 verstorbenen Tatsumi. Dieser verloren wirkende Einbrecher ist nicht der einzige Außenseiter, der einem in „Eindringlinge“ begegnet. Überhaupt sind die Figuren, die aus irgendeinem Grund von der Norm abweichen, die erzählerische Klammer, die alle Geschichten in diesem Sammelband zusammenhält. Der Gärtner, dessen künstlerische Ambitionen nicht gewürdigt werden, was ihn in eine ernsthafte Lebenskrise stürzt, die junge Frau, die einem Internet-Pornosternchen zum Verwechseln ähnlich sieht und dadurch immer wieder in peinliche Situationen gerät oder die stotternde Teenagerin, die sich spätestens seit dem Krebstod der Mutter nichts sehnlicher wünscht als Erfolg auf der Comedy-Bühne — das alles sind Charaktere, die gerade am Scheideweg stehen und bei denen völlig offen ist, ob ihre Geschichte ein gutes oder ein schlechtes Ende nehmen wird. Ihnen allen nähert sich Adrian Tomine in der Tradition der amerikanischen Short Story mit genauer Beobachtungsgabe und einem feinen Sinn für Humor, aber niemals mit Häme. Genau das macht „Eindringlinge“ so lesenswert.

Adrian Tomine: Eindringlinge
Deutsch von Björn Laser.
Reprodukt Verlag, ISBN 978-3-95640-071-1, 120 Seiten, € 24.

[Vielen Dank an den Reprodukt Verlag für das Leseexemplar!]

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2 Kommentare zu „Adrian Tomine: Eindringlinge

    1. Oh ja, die „japanische“ mit dem Flugzeug. Da kann man sich wirklich wunderbar selbst zusammenphantasieren, was eigentlich passiert ist.

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